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obliveon :: DARKWOOD

DARKWOOD
... die Feuer entzünden ...
DARKWOOD zählt zu den exponiertesten Vertretern einer heimischen Musikkultur, die ihre Wurzeln tief in der Natur verwurzelt und eben jene Naturverbundenheit in neofolkloristische Tonkunst umzusetzen weiß, die bewegt und sowohl in ihren melancholischen wie auch den kämpferischen Momenten den Hörer mitzureißen versteht. Grundlage dafür ist die unbedingte persönliche wie künstlerische Hingabe Henryk Vogels, die sich in den Werken DARKWOODs manifestiert und wo genau jenes Feuer zu verspüren ist, das auf dem aktuellen Album „Notwendefeuer“ so eindringlich besungen und beschworen ist und in der Biographie des Dresdners ohne Frage den schöpferischen Höhepunkt findet, sowohl in musikalischer wie auch lyrischer Hinsicht. Mehr über dieses beeindruckende Werk und den Menschen Henryk Vogel verrät das nachfolgende Interview.
"Notwendfeuer" ist gewidmet dem Thema "Jugend & Feuer". Könntest du das bitte etwas näher erläutern? Ich denke, du beziehst dich mit dem Begriff des "Feuers" damit vielmehr auf diese innere Feuer, das in einem brennt und einen dazu antreibt, neue Erfahrungen zu machen. Denkst du, dass man dieses Feuer nur in seiner Jugend erfahren kann und es sich mit zunehmendem Alter verliert?

>> Vorrangig geht es auf diesem Album um die Jugend als Quelle des Feuers und der Leidenschaft. Ich beziehe mich also tatsächlich auf das innere Feuer, das einen Menschen vorantreibt, das aber auch zerstörerisch brennen kann und den wütenden jungen Menschen dazu befähigt, Dinge zu ändern, die man schon als gegeben hingenommen hatte. Gerade zweitere Eigenschaft verliert sich langsam im Alter, das kann man immer wieder beobachten, und sollte dagegen ansteuern, wenn man es erkannt hat. Das schöpferische Feuer darf und sollte aber eigentlich nicht verloren gehen, sondern immer stärker in einem brennen. Jugend sollte nicht über das Alter definiert werden: Jung ist, wer sich das Feuer bewahrt. <<

Das Feuer als Element übt auf alle Generationen, vor allem aber auf die junge eine ungeheure Faszination aus. Ein gemeinsames Lagerfeuer bleibt sicherlich tiefer in Erinnerung als eine durchtanzte Nacht. Warum, denkst du, ist dem so? Und was verpassen jene, die daran nie teilhaben, weil sie aus Träg- und Dummheit einfach nie die Stadt verlassen?

>> Das eine schließt das andere nicht aus. Ein gemeinsames Lagerfeuer an einsamen Ort, selbsterrichtet, mit geschätzten und geliebten Menschen wird aufgrund der archaischen Bilder und der persönlichen Bindungen für immer im Gedächtnis bleiben. Man bemerkt gerade in den letzen Jahren das wachsende Bedürfnis nach solchen Erlebnissen, werden doch wieder Osterfeuer und Walpurgisfeuer besucht, auch wenn der Rahmen verwaschen ist. Aber die Tendenz ist da, und es brennen wieder Sonnwendfeuer im trauten Kreis mit selbstgebrautem Met und selbstgebackenem Brot, und Musik und Tanz gehörten eigentlich dazu. <<

Beziehst du dich mit dem Begriff des Feuers auch dem Bild, dass man manche Dinge erst zerstören, niederbrennen muß, damit aus ihm etwas neues entstehen und erwachsen kann, so wie es das Gedicht Karl Brögers auf der CD beschreibt?

>> Die zerstörerischen Mächte der Natur waren auch immer schon die Triebkräfte für Neues. Beim Sinnen in die Gluten wird einem das erneut bewusst. Auch wird niemand leugnen, dass die Erinnerung an einen zerstörerischen Sturm, den man im Freien überstanden hat, tiefer sitzt als die an eine sonnige Fahrt. Das entzündete Notwendfeuer kündet symbolisch die Notwende an; die Gefährten, die ihre Herzen öffnen, dem Knistern der Zweige und den Klängen der Nacht lauschen, sinnend in die verzehrenden Gluten schauen, werden die Zeichen erkennen.

Bei den ausgewählten Fremdadaptionen von Gedichten greifst du meist auf unbekannte Namen und daher kaum bekannte Gedichte zurück. Wie findest du diese Werke? Suchst du gezielt nach ihnen oder ist es Zufall?

>> Abgesehen von Georg Trakl sind tatsächlich alle vertonten Dichter eher unbekannt. Ich streife oft über Trödelmärkte, und dort haben es mir alte Gedichtbände und alte Photographien besonders angetan. Die Werke der Dichter Schumann, Hohlbaum, Bartels, Bienenstein, Friedrich, Ernst und Bröger sind ausschließlich aus solchen Bänden. Ich vertone die Werke der Dichter, die mir spontan besonders zusagen - in Bezug auf das Sprachbild und die Grundaussage - und in das entsprechende Lied passen. Mit der Person, die hinter dem Gedicht steht, beschäftige ich mich erst, nachdem diese Entscheidung gefallen ist. Ich halte es für wenig sinnvoll, den einen Dichter zu vertonen, der gerade besonders beliebt und omnipräsent ist, abgesehen davon, dass ich dort meist auch kein Gedicht finde, das mich sonderlich tief berührt. Umgekehrt muss ich sagen, dass ich, wenn mir ein Gedicht gefällt und es im Rahmen meiner Kunst Sinn macht, jegliche "Zensur" für nicht sinnvoll erachte. Diese "Zensur" gibt es aber, sonst wären aufgezählte Dichter nicht so unbekannt. Ich habe einen Gedichtband, da folgen Johannes R. Becher und Karl Bröger gleich aufeinander und einer der beiden Dichter war absolut überpräsent, obwohl man seine Gedichte kaum lesen kann. <<
Würdest du dich als belesenen Menschen bezeichnen? Ist dir Lesen wichtig? Wie viel Zeit bleibt dir überhaupt noch, um sich von Büchern inspirieren zu lassen?

>> Ich habe sehr wenig Zeit zum Lesen, was aber auch daran liegt, dass ich Lesen eher zelebriere als zur Zerstreuung nutze. Wenn ich ein Buch lese, was kein Sach- oder Geschichtsbuch ist, versuche ich, es am Stück zu lesen und tauche völlig in seine Welt ein. Dieses Buch verändert dann mein Wesen und umgekehrt darf die Umgebung nicht das Wesen des Buches verändern. Von daher habe ich in der Summe wahrscheinlich eher wenige, dafür aber essentielle Bücher gelesen. Ich nenne mal in loser Reihenfolge Bücher, die mich sehr beeindruckt habe:
Ernst Jünger "Auf den Marmorklippen", "Der Waldgang" (wer nur "In Stahlgewittern" kennt, sollte diese noch lesen), Hermann Hesse "Narziss und Goldmund" (über den Zwiespalt im Künstler), George Orwell "1984" (aktueller denn je), Gustav Meyrink "Der Golem", "Das grüne Gesicht" (hier sollte man zuerst die Biographie Meyrinks kennen), Tolkien "Der Herr der Ringe" (auch oder gerade, wenn man den Film schon gesehen hat, ich hatte es glücklicherweise vorher gelesen), Umberto Eco "Das Foucaultsche Pendel" (auch oder gerade, wenn man sonst eher Dan Brown liest).
Des weiteren hielt ich folgende zwei philosophischen Werke für sehr inspirierend:
Friedrich Nietzsche "Also sprach Zarathustra" und Oswald Spengler "Der Untergang des Abendlandes". <<


In der Kombination der Begriffe "Heimat und Jugend" erscheint in mir sofort das Bild einer verlorenen Jugend, einer Jugend, die ihre Unschuld im Krieg und für (falsche) Ideale verloren hat, die instrumentalisiert und verführt wurde und nie wirklich erfahren konnte, was es mit der Jugend auf sich hat. War dies der konzeptionelle Ansatzpunkt für "Notwendfeuer", oder verbindest du mit diesen beiden Begriffen eine ganz andere Definition? Wenn ja, welche?

>> Der konzeptionelle Ansatz für "Notwendfeuer" war eher der in der ersten Antwort diskutierte, aber Darkwood wäre ja nicht Darkwood, wenn es nicht noch mindestens eine weitere Interpretationsmöglichkeit gäbe. Bei der Umschreibung "Jugend & Feuer" ergibt sich tatsächlich auch die Assoziation "Jugend im Feuer", die durch das Titelbild - ein ernst und trutzig in die Zukunft schauender Junge, in dessen Zügen viele deutliche Spuren der Verzweiflung gesehen haben wollen ob der im Nebel vorbeiziehenden Vergangenheit - noch verstärkt wird.
Von daher könnte man die Thematik "Jugend & Feuer" tatsächlich auch als Fortführung der CD "Heimat & Jugend" sehen, die eher die Konfrontation eines Länderreisenden mit seiner eigenen Vergangenheit und der seines Landes behandelt. Der nun Heimgekehrte sucht und findet seine Wurzeln. <<


Du thematisierst mit Darkwood immer wieder Themen des Reisens, des Aufbruchs zu neuen Ufern, des Erlebens neuer Dinge und neuer Erfahrungen, aber auch des Scheiterns und des immerwährenden Kampfes, fast so, als ob jeder neue Tag ein Tag voller Herausforderungen wäre. In wieweit gründen sich diese Themen direkt auf deinen Lebenserfahrungen oder siehst du dich hier in der Tradition der bündischen Jugend?

>> Auch hier würde ich sagen, dass das eine das andere nicht ausschließt. Gerade die bündische Jugend sucht ja das ursprüngliche Erlebnis im Einklang und im Kampf mit der Natur durch Fahrten und den Aufbruch zu neuen Ufern und gewinnt dadurch an Lebenserfahrung. Ich möchte an dieser Stelle nur zwei schon oft gewählte Zitate vereinen, da diese eine allumfassend Antwort geben:
"Der Heimgekehrte ist ein anderer als der stets Daheimgebliebene. Er liebt inniger, und er ist freier von Gerechtigkeit und Wahn. Gerechtigkeit ist die Tugend der Daheimgebliebenen, eine alte Tugend, eine Urmenschentugend. Wir Jüngeren können sie nicht gebrauchen. Wir kennen nur ein Glück: Liebe, und nur eine Tugend: Vertrauen."
(Kapelle, Hermann Hesse)
"Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand leistet. Und nur im Kampf findet der Mensch zu sich selber."
(Man sieht nur mit dem Herzen gut, Antoine de Saint-Exupéry) <<


Alle deine Alben sind einem übergeordnetem Thema gewidmet. Macht diese Fokussierung auf ein Thema es für dich einfacher, die einzelnen Stücke zu schreiben? In wieweit magst du es überhaupt deine Arbeiten, deine Lieder und deine Texte zu erläutern?

>> Es ist eher so, dass ich beginne, Lieder zu schreiben und sich das Thema im Verlauf des Entstehungsprozesses eines Albums herauskristallisiert. So kann es auch passieren, dass vereinzelt Stücke herausfallen und nicht auf das Album kommen, weil sie nicht in den Rahmen passen, und so der Beginn für eine neue Periode sein können oder bis heute auf Veröffentlichung warten. Die Themen ergeben sich aber sicher unterbewusst und automatisch aus meiner mich jeweils prägenden Umgebung und den derzeitigen Interessen. Ich bin gewissermaßen eine Art Medium; ich habe oft das Gefühl, dass die Lieder durch mich hindurch geschrieben werden. Warum sonst schrecke ich nachts um vier hoch, um einen Text niederzuschreiben, laufen mir unbekannte Gedichtbände über den Weg, träume ich nachts davon, über Soldatenfriedhöfe zu gehen und Inschriften zu lesen, bin getrieben, im Arbeitszimmer Stücke zu Ende zu schreiben, obwohl davor der Besuch wartet.
Es fällt mir daher auch schwer, Interpretationen zu geben, ich versuche es aber immer wieder, auch zu bestimmten Titeln, kann aber nur wiedergeben, was ich im entsprechenden Moment darin sehe. Das ist teilweise etwas völlig anderes als andere darin sehen oder auch etwas völlig anderes als ich vielleicht noch vor Jahren darin gesehen habe. <<


In seiner Gesamtheit bedient Darkwood perfekt die Codes der Neofolkszene, in der ´du mittlerweile ganz vorn mitspielst. Trotzdem spricht aus deinen Interviews und deiner Öffentlichkeitsarbeit immer eine gewisse Distanz zu derselben und ich persönlich weiß das große Teile des musikalischen und lyrischen Auswurfs der Subkultur an dir ungehört und ungelesen vorbeiziehen. Sind es vielleicht dieser Gegensatz und dieses Desinteresse, dass du Darkwood so geradlinig entwickeln kannst, ganz einfach weil du nur auf deine innere Stimme hörst?

>> Mir ist nie so ganz klar geworden, was die Codes der Neofolkszene sind. Die Menschen, die sich der Szene im weitesten Sinne zugehörig fühlen, zu denen ich direkten Kontakt habe, sind sehr individualistisch und sehr vielschichtig. Was sie alle eint, ist das Feuer, das in ihnen brennt. Die Distanz, die Du hier erwähnst, bezieht sich auf Kategorisierungsversuche und Klischees, und so höre ich wenige der Sachen, die "offiziell" dem Neofolk zugeschrieben werden, sondern Musik, die von Freunden gemacht wird oder mir von Freunden empfohlen wird. Wenn Du also das Gefühl hast, daß ich auf meine innere Stimme höre und meine Kunst sehr geradlinig entwickle, bin ich sehr froh darüber und habe das Ziel nicht verfehlt. <<
Gibt es zeitgenössische Musik, egal welcher Art, die dich beeinflusst und berührt?

>> Hier muss ich kurz überlegen, was zeitgenössische Musik sein könnte, denn auch "unsere Musik" prägt ja mittlerweile den Zeitgeist, ich nenne aber mal einige der "moderner instrumentierten" Musikgruppierungen, die mir sehr zusagen: Múm (isländische Formation, die klassische Instrumente und moderne Technologie perfekt verschmilzt), Stereolab (französisch/englische Gitarrenformation mit Easy-Listening-Charakter - immer wieder innovativ), Portishead (Trip-Hop, haben die 90er revolutioniert, sind aber nie gegen den Proll-Techno und HipHop angekommen) und Massive Attack (wird immer genialer, seit Del Naja vorwiegend allein im Kämmerlein frickelt). <<

Eins, wenn nicht das schönste und bewegendste Lied aus deiner Feder ist für mich "Lied am Feuer", fasst es diese Sehnsucht nach kultureller und innerer wie äußerer Erneuerung sowohl lyrisch wie auch musikalisch für mich perfekt zusammen und trifft mich jedes Mal bis tief ins Mark, spricht es mir doch zutiefst aus der Seele. Wie sieht für dich die hier besungene "bessere Zeit" aus?

>> Ich bin kein Vertreter eines bedingungslosen "Zurück zu Natur", was ein Verdammen jeglichen Fortschrittes einbezieht. Das ist illusorisch und man müsste früher oder später unterliegen. Vielmehr sollte man sich ein Lebensmodell erschaffen, indem man ein Wertesystem generiert und Ideale und Ziele definiert. Danach sollte man sich auf die Suche nach Gleichgesinnten begeben, denn gemeinsam ist man stark und kann Einfluss auf andere ausüben. Und all das sollte man unter sinnvoller Einbeziehung der Moderne tun, ohne sich der Technik und vor allem den Medien auszuliefern.
In meinem konkreten Fall sehe ich das ungefähr so:
Der Mensch sollte im Einklang mit der Natur leben, sich von ihr ernähren, aber sie achten. D.h., wenn man sich nicht selbst vom Bauernhof ernährt, sollte man genau darauf schauen, was man wo kauft. Ich ziehe unbehandelte den behandelten Lebensmittel vor, deutsche den ausländischen.
Man sollte sich den großen Medien entziehen. Ich besitze keinen Fernseher, da ich davon überzeugt bin, dass das Fernsehen ausschließlich der Manipulation dient, sei es durch Werbung, durch Meinungs- und Stimmungsmache oder durch Persönlichkeitsverfremdung durch Niveaugefälle oder oberflächliche zu schnell wechselnde Themen. Trotzdem sehe ich gute Filme, im Computerzeitalter kein Problem.
Man sollte den kreativen dem konsumierenden Weg vorziehen. Wenn man bereits dazu übergegangen ist, lieber ein gutes Buch zu lesen, als fern zu sehen, ist man schon auf dem richtigen Weg - warum also nicht einen Schritt weiter gehen und Gedichte schreiben, Musik komponieren, für eine niveauvolle Zeitschrift arbeiten! Warum nicht ein Regal selbst zimmern, anstatt die Einbauwand aus asiatischer Produktion aus dem Baumarkt zu holen.
Man sollte sich, wenn irgend möglich, für (eigene) Kinder entscheiden - "materielle Abstriche" sind keine Ausrede und gemessen an der Bereicherung und Herausforderung ein lächerlicher "Verlust".
Die Beispiele klingen nahezu trivial und man kann die Liste endlos fortsetzen, aber wenn man sich mal im Umfeld so umschaut, ist es sehr ernüchternd, wie wenige sich für ein solches Leben entscheiden, dem Leben mehr Sein als Schein abringen zu wollen. <<


Muss man, um solch eine Art von Musik zu machen, nicht im tiefsten Herzen ein Fatalist oder ein Pessimist sein? Ich möchte diese beiden Begriffe aber keineswegs negativ verstanden wissen, denn im Gegensatz zum blinden Jubeloptimismus ist für mich ein Pessimist derjenige, welcher uns vor unüberlegtem Handeln und Fehlern bewahrt.

>> Diese Frage knüpft sehr gut an die vorhergehende an. Ich sehe auch in allen Dingen zuerst das Schlechte, würde mich aber nicht als Fatalist oder Pessimist bezeichnen, eher als Zweifler. Der Zweifler hinterfragt alles, sucht regelrecht nach dem Wermutstropfen, verliert sich dann aber nicht in Selbstmitleid, resigniert nicht, sondern sucht nach den Ursachen und versucht letztendlich, das Übel mit der Wurzel auszureißen. Wenn ich das Schlechte in Worte und Lieder fasse und zusätzlich Perspektiven aufzeige, bereite ich den Weg für Veränderungen.
Der Zweifler ist somit auch ein Mensch, der den Jubeloptimisten vor vielen Fehlern bewahrt. <<


Musikalisch scheint mir "Notwendfeuer" etwas offener geworden zu sein, was sich alleine schon durch das Trompetenspiel und die wundervollen Streicher- und Akkordeonarrangements offenbart. Denkst du, dass diese über zweijährige Pause seit "Herbstgewölk" und der lange Zeitraum des Songschreibens hier ihre Spuren hinterlassen hat?

>> Ich denke eher, dass es an der Thematik liegt. An der "Herbstgewölk" habe ich genau so lange gearbeitet, wie an der "Notwendfeuer", die ersten Stücke entstanden 2001. Die "Herbstgewölk" war aber von vornherein ein eher experimentelles Album zu einer apokalyptischen Thematik - es ist entsprechend komplex ausgefallen und beinhaltet auf den ersten Blick natürlich weniger offene und eingängige Stücke. Für das Arrangement der Klanglandschaften benötigt man ebensoviel Zeit wie für das Schreiben und Instrumentieren von Folkstücken. In folkloristische Stücke fließt hingegen mehr Persönliches und Positives ein, wodurch das Album offener klingt. <<

Der weitaus überwiegende Teil der deutschen Neofolk-Szene und Bands wie Forseti, Orplid, Seelenthron oder eben Darkwood kommt aus den (mittlerweile auch nicht mehr ganz so) neuen Bundesländern und thematisiert neben den bereits in den vorherigen Fragen erwähnten Inhalten eine grosse Liebe zur Natur und dem Drang nach neuen Entdeckungen und neuen Erfahrungen in fremden Welten. Alle diese Bands gehören zu einer Generation, die noch die ersten Schritte der Erziehung in der ehemaligen DDR mit ihren Reisebeschränkungen genossen hat. Denkst du, dass sich diese Sehnsucht nach neuen und einst scheinbar unerreichbaren Welten heute in deinen Texten heute noch widerspiegelt, um in gewisser Weise diese Reisebeschränkungen zu kompensieren? Wenn nein, was ist für dich dieser Antrieb, neue Welten und neue Kulturkreise zu entdecken? Was nimmst du für dich an Erfahrungen mit?

>> Ich denke nicht, dass die Reisebeschränkung etwas damit zu tun hat, auch wir haben andere Kulturkreise kennen gelernt, nur eben weiter östlich. Auch halte ich die zur Zeit wiederaufkeimende Ost-/Westdiskussion, auch in der Musik, für recht gefährlich, weil hier Unterschiede herausgestrichen werden, um Versäumnisse, z.B. in der Politik, zu verdecken.
Einen Grund, warum es mehr Neofolkgruppen auf östlichen Territorium gibt, sehe ich darin, dass wir zum einen mit dieser Musik aufgewachsen sind, während im Westen Deutschlands die 68er Generation mit ihrem Musikgeschmack alles überlagert hat, und zum anderen darin, dass wir einfach keine technischen Möglichkeiten hatten, diese Musik umzusetzen, von der Zensur der Inhalte mal ganz abgesehen.
Einen weiteren Grund würde ich in der Tatsache sehen, dass wir unvoreingenommen in das neue System eingetreten sind und es zu Recht besonders argwöhnisch und kritisch betrachten. Wir haben aber zum Glück sehr viele Gleichgesinnte gefunden, die die bereits angesprochenen alternativen Ansichten trotz oder wegen anwachsender Amerikanisierung in Betracht gezogen haben. Selbst in den USA habe ich während meines fast einjährigen Aufenthaltes überraschend viele Andersdenkende kennen- und schätzen gelernt. <<
Wie bewertest du heute deine Jugend in der DDR. Ist bspw. deine Erinnerung an den Wehrdienst in der NVA eher positiver oder negativer Art?

>> Wenn man die politischen Aspekte mal außen vor lässt, muss man sagen, das unsere Jugend schön war, weil sie organisiert war. Es ist mir ein Rätsel, wieso die heutige Gesellschaft die Jugend ignoriert und völlig sich selbst überlässt. "Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entzündet werden wollen." (François Rabelais) Früher oder später wird sich das rächen.
Für die NVA gilt im Grunde genommen das Gleiche, im mag Uniformen, Technik und habe kein Problem mit Autorität. Abgesehen von der Tatsache, dass ich im Ernstfalle meinen eigenen Großvätern gegenübergestanden hätte, aber wir wollten die politischen Aspekte ja außen vor lassen... <<


Wie definierst du den Begriff Heimat?

>> Heimat wird oft definiert als der Ort, an dem man geboren wurde und aufgewachsen ist. Für viele Menschen wird das die Heimat sein und bleiben. Ich denke aber, daß diese Definition zu kurz greifen würde. Der Heimatbegriff in meiner Musik ist ein eher spiritueller. Heimat bedeutet, kulturelle Wurzeln zu haben, eine bestimmte Lebensweise zu führen, Leute bestimmten Charakters um sich zu scharen. Um die Heimat besonders lieben lernen zu können, ja sie überhaupt erst als solche erkennen zu können, sollte man aber auch die Zweige ausstrecken, einmal den angestammten Platz verlassen, um das Sehnen kennen zu lernen - nur so wird die Heimat ein seelisches Ganzes sein können. <<

"Die Vergangenheit schwebt über uns wie ein Damoklesschwert. Wir sind überschattet vom Leid des Krieges, die Liebe zu unserem Heimatland bleibt gezeichnet von Schuldgefühlen - vergessen scheint die Schönheit von Natur und Tradition", heißt es auf Deiner Homepage. Nun wurde Deutschland durch die Fußball-WM geradezu mit einer Welle des Patriotismus überschüttet und überrollt. Wie hast du diese Wochen und diesen aufkeimenden Patriotismus empfunden? Als inszeniertes Medienspektakel oder als wirkliches Bekenntnis zu Deutschland und seiner Kultur, die, so konnte man den Eindruck haben, ja zumeist aus feierwütigen Fußball-Fans bestand und keinerlei Bezug zu dem hatte, was sich sonst "Volk der Dichter und Denker" nennt?

>> Dieser aufkeimende Patriotismus war natürlich ein inszeniertes Medienspektakel, aber dieses inszeniertes Medienspektakel hatte einen positiven Nebeneffekt, nämlich genau den, dass sichtbar wurde, dass ein großes Identitätsvakuum in Deutschland herrscht und dass die Menschen dieses Landes begierig sind, dass diese Vakuum gefüllt wird. Ich selbst habe die WM verfolgt, obwohl ich mich eigentlich nicht für Fußball interessiere. Und diese junge, frische, unverbrauchte Mannschaft mit ihrem ungekünstelten Nationalstolz und ihrem Siegeswillen hat es geschafft, die Menschen zu fesseln und ihnen eine Identifikationsquelle zu sein. Und wir sind äußerst würdevoll nicht Weltmeister geworden und haben bis zum Schluss gekämpft, das sonst so typische Selbstmitleid fehlte hier völlig. Nun ist Fußball nicht das Leben und auch nicht gleich Kultur, obschon Tradition, und so könnte doch diese WM als Vorbild dienen für den gesunden Nationalstolz, der uns so abhanden gekommen zu sein scheint. <<

Du hast mit "Lapis" ein Album zusammen mit dem Projekt Chaos as Shelter veröffentlicht. Wird es zukünftig weitere Kollaborationen dieser Art geben?

>> Ich mochte das Album "Cherries" von Agnivolok, das mir Marco Koch von Stateart bereits vor seiner Veröffentlichung hatte zukommen lassen. Und dann war da diese handvoll von mir geschriebener Lieder mit russisch anmutender Gesangsmelodie, aber ohne Texte. Des weiteren hatte ich eine handvoll deutscher Texte zum verborgensten und zugleich offensichtlichsten Geheimnis der Alchemie, die absolut nicht ins Versmaß passen wollten. Deshalb wurden die Texte ins Russische übertragen und von Vera eingesungen, während Vadim von Chaos as Shelter Klangkollagen hinzugefügt hat. Eigentlich waren es all diese Umstände und der Zufall. Von daher kann ich nicht sagen, ob es zu ähnlichen Kollaborationen kommen wird. <<

Deine Zusammenarbeit mit der Künstlerin Vera Agnivolok war ja nicht der erste Hinweis auf Deine Sympathie für Russland. Nun gibt es insbesondere in Westen der Republik bei vielen Menschen eine unerklärliche Angst vor "dem Russen". Wie siehst Du, auch unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen, Russland heute?

>> Ich habe mich, auch früher schon, immer für die russische Sprache und Kultur begeistert. Die Sprache und die Kultur Russlands zeichnen sich durch eine ätherische Melancholie, Poesie und Verwundbarkeit aus. Für die politischen Strukturen und Zusammenhänge hatte ich ehrlich gesagt zu keiner Zeit Verständnis, nicht für den Panzerkommunismus und nicht für den Korruptionskapitalismus, noch hatte ich ein übermäßiges Interesse daran. Von daher kann ich zur aktuellen Entwicklung nicht viel sagen. Nach wie vor bleibt der Traum, dass Europa kulturell zusammenfindet. <<

Du veröffentlichst alle deine Alben auf "Heidenvolk" und bekennst Dich in den Texten zudem zu einer sehr engen Naturverbundenheit. Denkst du, dass man in dieser Welt seinen heidnischen Glauben überhaupt leben und verwirklichen kann? Was verbindest du für dich ganz persönlich mit (d)einem heidnischen Glauben?

>> Mein heidnischer Glaube ist eher eine Art Alternative zum Christentum und zum Atheismus. Ich interessiere mich für heidnische Gebräuche, und nehme, wenn immer sich die Gelegenheit bietet, an Ritualen teil. Ich sehe die Runen als Teil meines Glaubens und bin überzeugt von ihrer verborgenen Macht. Die bereits angeführte alternative Lebenseinstellung ist dementsprechend an eine heidnische Lebensweise angelehnt. Christentum bedeutet die Vernichtung unserer Welt, Atheismus eine Verneinung dieser. Das Heidentum hingegen achtet Natur, Pflanze und Tier, akzeptiert auch den Andersdenkenden, sieht den Feind als Herausforderung und zieht den Kampf dem Müßiggang vor. Wir sind das heimliche Deutschland auf der Suche nach dem geistigen Reich der Freiheit. <<

Du hast mit "Deutsche Sonnenwend" einen überragenden musikalischen Beitrag zu "Forseti lebt" geleistet, der bereits auf "In The Fields" veröffentlicht wurde. Warum hast du dich gerade für dieses Lied als Beitrag zu "Forseti lebt" entschieden?

>> Ich hatte Andreas einst meine erste CD "In the Fields" zugesandt und er hatte mir sein erstes Werk "Jenzig" noch in die USA nachgeschickt, nachdem wir uns zum Konzert auf Burg Falkenstein kennen gelernt hatten. Von da an hatten wir unser beider Arbeiten immer ausgetauscht. Besonders mochte er meine deutschsprachigen Stücke; "Deutsche Sonnwend" war das erste deutschsprachige Stück, das ich aufgenommen hatte. Ich gehe also davon aus, dass ich mit der Neuaufnahme dieses Stückes von der "In the Fields" eine gute Wahl getroffen habe. <<

Welchen Stellenwert haben Forseti für dich besessen (besitzen sie vielleicht noch)? Wie sehr hat dich das Schicksal Andreas Ritters getroffen und betroffen gemacht? Bekommt man nach solch einem Schicksalsschlag eine andere Sichtweise auf die Welt, aber auch auf die eigene künstlerische Arbeit?

>> Nach meiner Rückkehr aus den USA haben wir uns regelmäßig auf Konzerten getroffen, zweimal hat er auch bei mir übernachtet, seine damalige Freundin war zudem aus Finsterwalde, seine damalige Gitarristin eine ehemalige Untermieterin von mir, mit der ich 1997 mein erstes Konzert bestritten hatte. Zweimal hat Andreas mich zu Darkwood-Auftritten mit Akkordeon und Trommeln unterstützt, zu seinem letzten Kurzauftritt auf dem WGT 2005 hatte ich Melodikaspiel beigesteuert. Wenige Wochen danach hatte er für mich völlig überraschend einen Herzinfarkt. Wir waren alle wie gelähmt, als wir davon erfuhren. Ich weiß nicht, ob man eine andere Sichtweise auf die Welt bekommt, aber in die künstlerische Arbeit fließt es mit Sicherheit ein. Für unser beider aktuelle Studioalben hatten wir eine Zusammenarbeit abgesprochen, wie einst bei einem zufälligen Treffen in der mb Leipzig und dann in einem Forseti-Interview im BLACK Magazin manifestiert. Das neue Darkwood-Album ist die "Notwendfeuer" geworden, leider ohne seine Mitarbeit am Akkordeon, dabei wäre es thematisch und musikalisch perfekt geeignet gewesen. Da fragt man sich schon, warum es nicht hat sollen sein. <<
Forseti und Darkwood sind künstlerisch sehr ernsthafte Gruppen, deren Musik immer von außerordentlicher musikalischer Qualität ist. Und damit bin ich wieder, ob ich es will oder nicht, auf dem Boden des ewigen und ehernen Gesetzes aller Kunst aller Zeiten. Wer dieses Gesetz nicht erfüllt, macht - wenn überhaupt - intellektuellen Schnickschnack.
Kannst du dem zustimmen? Und bedauerst du, dass gegenwärtig vielen Menschen der gesunde Menschenverstand (nicht nur im Bezug zur Kunst und Musik) vollkommen abhanden gekommen zu sein scheint?

>> Dem kann ich nur zustimmen. Kunst kommt von Können und der Kunst sollte eine Aussage innewohnen. Ich würde zwar ein gewisses Augenzwinkern zulassen, denn ein gesunder Humor zeugt von Überlegenheit, und auch ein elitäres Auftreten, wenn es dem Gesamtkunstwerk zuträglich ist. Wenn aber Musik ausschließlich der Belustigung der Zuhörer/Betrachter dient, die sich zerstreuen wollen, und im schlimmsten Falle ausschließlich der Unterhaltung der Musiker/Maler/Künstler selbst dient, die zudem glauben, eine leicht zugängliche Geldquelle gefunden zu haben, wird der Grundgedanke der Kunst in Frage gestellt - durch Inhalt aufzurühren und durch Ausführung Wert zu schaffen. <<

Siehst du dich selbst eher als Künstler oder Handwerker? Welche Rolle möchtest Du mit Darkwood in einer globalen Musikszene spielen?

>> Anknüpfend an die vorhergehende Frage: als beides. Ein Künstler, der keinerlei Handwerk beherrscht, sei es das Spielen eines Instrumentes, das Bedienen eines Samplers oder Grundbegriffe von Bildkomposition, wird nur durch Abart provozieren können. Ein perfekter Handwerker, virtuoser Musiker, der keinerlei Idee entwickelt, wird nur kopieren und hofieren können.
In der globalen Musikszene, die wir ja bereits haben, möchte ich genau die Rolle spielen, die ich bereits innehabe - das aufrührerische, analytische, kryptische Kunstprojekt zu sein, das es vermag, durch Form und Inhalt Gehör zu finden und Wirkung zu erzielen. <<


Konzerte Darkwoods finden leider viel zu selten und dann leider meist im Osten Deutschlands statt. Gibt es bereits Pläne für aktuelle Auftritte (z.B. beim WGT) oder auch mal im Westen Deutschlands?

>> Da ich mich hauptsächlich auf Studioarbeit konzentriere, sind kurzfristige Live-Auftritte oft nicht möglich. Die Musiker, mit denen ich die Alben einspiele, sind zeitlich zu sehr eingebunden, um Konzerte zu absolvieren. Von daher kamen viele Konzerte nur durch Unterstützung anderer Musikprojekte zustande, wie Voxus Imp., Hekate oder Forseti. Für die zweite Hälfte diesen Jahres könnte es zu zwei oder drei Auslandsauftritten kommen, es ist aber noch nichts entschieden. Mit ähnlicher Besetzung wäre dann auch noch ein Konzert in Deutschland denkbar, wir werden das in Kürze besprechen. Vorerst werde ich auf dem kommenden WGT Lux Interna bei ihrem Auftritt unterstützen. <<

Möchtest du abschließend noch ein paar letzte Worte sagen?

>> An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Michael Kuhlen und Stephan Pockrandt für dieses Zwiegespräch bedanken. Dem Leser danke ich aufrichtig für sein Interesse. <<
http://www.darkwood.de
Michael Kuhlen / Stephan Pockrandt


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