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obliveon :: 8. CASTLE ROC ....

8. CASTLE ROCK - 30.06.2007, Mülheim, „Schloss Broich“
Mülheim, „Schloss Broich“

30.06.2007
Zum achten Mal bereits fand in diesem Jahr das „Castle Rock“-Festival im Schloss Broich in Mülheim statt, und welchen Stellenwert dieses Festival nicht nur im Kalender der Schwarzen Gemeinde des Ruhrgebiets und weit darüber hinaus besitzt, sondern auch im Kulturhaushalt und Veranstaltungsplan der Stadt Mülheim, machte die Anwesenheit der Mülheimer Oberbürgermeisterein Dagmar Mühlenfelds deutlich, die es sich nicht nehmen liess, die wieder einmal rund 1.800 Besucher des Festivals zusammen mit Veranstalter Michael Bohnes zu begrüssen. Auch die achte Auflage des „Castle Rock“ war ausverkauft, so dass dem schwarzbunten Treiben bei weitestgehend trockenem Wetter in der stimmungsvollen Atmosphäre des Burghofes, in dem sich neben der Gastronomie auch wieder diverse Verkaufs- und Merch-Stände wiederfanden, nichts mehr entgegenstand. Und wer dem musikalischen Treiben und den Menschenmassen vor der Bühne entfliehen wollte, der konnte sich im angrenzenden Park auf die Wiese setze, um zu entspannen, zu picknicken oder einfach nur zu quatschen.

Den Auftakt machten THE PUSSYBATS, die die Tradition einer Nachwuchsband als Opener für das „Castle Rock“-Festival fortsetzten, mit ihrem „Goth’n Roll“ irgendwo in der musikalischen Schnittmenge zwischen The 69Eyes, HIM und Alt-Posern wie Mötley Crüe aber keinen grossen Eindruck hinterlassen konnten. Ein biederes Songwriting, das sich schamlos bei den vorgenannten Bands bedient, eine optisch uneinheitlich wirkende Band und vor allem ein Bassist, der alle Klischees eines Schmalspur Rockstars erfüllte, indem er nicht nur mit einer Flasche Jack Daniels auf die Bühne kam, sondern auch noch vollkommen überzogen von der Bühne herab poste und durch die Gegend rotzte, was das Zeug hielt. Dass er zudem noch als abgehalfterte Version eines Nikki Sixx-Lookalikes möglichst abgefuckt über den Burghof schlurfte, machte ihn nicht sonderlich sympathischer. Überzeugen konnten hingegen Sänger Sid van Sin mit einer guten Gesangsleistung und Drummer Mike Night, der einen soliden Beat lieferte. Fazit: für feuchte Höschen im Schritt der weiblichen Fans auf dem Burghof reichte es trotz Bemühen bei THE PUSSYBATS allerdings bei weitem nicht.
Aus der Schweiz kamen die METALLSPÜRHUNDE angereist und nach ersten technischen Schwieirgkeiten, die Sänger Michel Frasse mit „hätten wir mal gelernt Instrumente zu spielen“ kommentierte, legten die Eidgenossen vehement los. Electro Metal war angesagt und den boten die METALLSPÜRHUNDE dann auch überzeugend und in Reinkultur, wobei vor allem der charismatisch agierende und immer wieder die Nähe zum Publikum suchende Michel Frasse die Blicke auf sich ziehen konnte. Selbst der Fotograben wurde überwunden und so waren die METALLSPÜRHUNDE im wahrsten Sinne des Wortes eine Band zum anfassen, die auch musikalisch überzeugen konnte. Da die METALLSPÜRHUNDE als einzige Band des Tages tanzflächen-orientiert ausgerichtet war, wurde dies dankbar vom Publikum aufgenommen und selbst der Totenkopf auf dem Keyboardständer von Keyboarderin Marion verlor mit zunehmender Spieldauer viel von seiner Angst einflössenden Aura. Mit diesem engagierten und makellosen Auftritt haben die Schweizer ohne Frage viele neue Freunde gewinnen können.
COPPELIUS waren wohl für die meisten Anwesenden die grosse Unbekannte, gleichzeitig sicher aber auch die grösste Überraschung und eine der besten Bands, die das „Castle Rock“ in den letzten Jahren live gesehen hat. Alleine das Line Up der Band mit zwei Klarinettisten, einem Cellisten, einem (Kontra)Bassisten und einem Schlagzeuger machte klar, dass hier keine „normale“ Rockshow zu erwarten war, und so gab sich das betagt aussehende Kammerorchester, stilecht in Frack und Zylinder und unterstützt durch einen Conferencier, durch einen gut einstündigen Parforce-Ritt durch ihre Songs, wobei die Iron Maiden Coverversion „Transsylvania“, später noch gefolgt durch „Killers“ vom gleichnamigen Maiden-Album, den Auftakt machte. Vereinzelte Metallica-Zitate folgten wobei die spielerische Klasse der Musiker beeinflusste, die sich stilistisch durch das Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts beeinflusst sehen. Auch Drummer und Nippon-Import Nobusama konnte mit kurzem und prägnantem Drum-Solo auf ganzer Linie überzeugen. So gab es nach dem überragenden und begeisternden Konzert kaum jemanden, der nicht am Motto der Band zweifelte: „COPPELIUS hilft“, ohne Frage ...
Der Erfolg von Norwegens GOTHMINISTER ist für mich immer noch unbegreiflich, bedient der Minister doch nahezu jedes erdenkliche Goth-Klischee. Böses Gucken, Furcht einflössende Schminke, X-TRA-X-Klamotten von der Stange, langweiliges und vorhersehbares Electro Metal-Songwriting und eine spielerisch mittelmässig agierende Band wären ja immer noch verzeihbar, wenn man zumindest den Eindruck hätte, dass sich hinter der ganzen aufgesetzten Maskerade eine Botschaft oder eine inhaltliche Substanz finden würde, doch weit gefehlt. GOTHMINISTER sind live strunzlangweilig und spätestens nach zwei Stücken hat man sich an der bösen Mimik der Band und ihres Vorsitzenden satt gesehen. Selbst das Totem, das der GOTHMINISTER zu Beginn des Konzertes über seinem Kopf schwenkte, strahlt mehr Leben und Inhalt aus, als diese Band. Gott sei Dank verzichtete der Meister dieses Mal auf seine Leiter, auf der er sich als einer Art Kanzel noch beim letztjährigen „M’era Luna“ präsentierte, so blieb den weiter hinten stehenden Besuchern zumindest der Anblick dieses peinlichen Auftritts erspart, nicht aber der abgrundtiefe Hörverdruss, auch wenn grosse Teile des Publikums dies anders sahen.
LEAVES’ EYES machten den Unterschied zum schwächelnden Gotenminister dann deutlich, denn Liv Kristine und ihr Ehemann Krulle mit Atrocity als Backing Band im Rücken boten ein gewohnt routiniertes, engagiertes und spieltechnisch einwandfreies Konzert ohne Fehl und Tadel. Auch wenn Liv’s Stimme live immer ein wenig dünn klingt, ihre sympathische und jederzeit positive Einstellung übertrug sich schnell auf das Auditorium, das die Band dementsprechend begeistert aufnahm und feierte. Sänger und Frontmann Krulle liess keine Gelegenheit aus um das Publikum anzuheizen und zum Mitklatschen zu animieren und war dabei als ständiger Unruheherd auf der Bühne unterwegs, während die in ein rotes Kleid mit Korsett gewandete Liv den ruhenden Pol der Band darstellte. Die Wikinger-Hymnen des letzten und aktuellen Albums „Vinland Saga“ konnten dabei musikalisch ebenso überzeugen, wie ältere Stücke vom 2004 veröffentlichten „Lovelorn“-Album, so dass unter dem Strich ein sehr stimmiger Auftritt zu verzeichnen war.
Die Dresdner LETZTE INSTANZ zählt fast schon zum Stamminventar des „Castle Rock“, denn bereits zum dritten Male rockte die Band den Burghof des Mülheimer Schlosses mit ihrer Mixtur aus Mittelalter, Nu Metal, Rap und dezenten Goth-Einflüssen. Sänger Holly hat sich seit seinem noch etwas wackeligen Auftritt beim „M’era Luna“ im letzten Jahr gut in die Band eingefügt und ist auf dem besten Wege seinen charismatischen und stets etwas arrogant wirkenden Vorgänger Robin durch seine sympathische und volksnahe Art vergessen zu machen. Auch seine stimmliche Performance ist im Laufe des letzten Jahres gereift. Die Band rockte, der Burghof tobte und als die LETZTE INSTANZ die Coverversion von Kiss’ „I Was Made For Lovin’ You“ anstimmte und den nicht ganz so textsicheren Zuschauern den Text auf grossen Tafeln zum Mitsingen präsentierte, war die Stimmung auf dem Siedepunkt und auch die letzten Zweifler und Nörgler waren von der Qualität der Band überzeugt.
„Ihr wolltet Spass“ lautete das Motto der TANZWUT, die nach den vorhergegangen zeitlichen Verzögerungen im Laufe des Tages mit reichlich Verspätung auf die Bühne gingen, und genau diesen Spass brachte die rockende Mittelalterformation auch vehement und mit gewohnt engagierter Spielfreude unters Volk. Nachdem Veranstalter Michael Bohnes seit Jahren erfolglos versucht hatte, TANZWUT nach Mülheim einzuladen – mit CORVUS CORAX hatte es ja bereits mehrmals geklappt – rockten die Berliner sich voller Spielfreude und Engagement durch ihren Set. Im Mittelpunkt natürlich Sänger Teufel und Frauenschwarm Ardor, die mehr als einmal spitze und laute Schreie aus dem Publikum entgegennehmen durften. So authentisch CORVUS CORAX ihre Dosis Mittelalter unters Volk bringen, genauso konsequent sind sie in ihrer metallischen Variante als TANZWUT, wobei auch hier erneut die Diskrepanz zwischen den spannungs- und energiegeladenen Shows auf der einen, und den Alben der Berliner auf der anderen Seite deutlich wurde, die lange nicht diese unbändige Spielfreude widergeben, die TANZWUT live nun mal entfachen. Die Zuschauer jedenfalls verfielen sprichwörtlich in Tanzwut und so zuckten hunderte von Leibern entfesselt und vollkommen enthemmt im Burghof, den Zeremonienmeistern auf der stimmungsvoll beleuchteten Bühne ihre Ehrerbietung erweisend.

TANZWUT boten den würdigen Abschluss eines grossartigen Festivals, das aus der Festivallandschaft Deutschlands nicht mehr wegzudenken ist und sich trotz seiner Grösse immer noch seinen sehr intimen und persönlichen Charme bewahrt hat und mit Preisen glänzt, die bei anderen Festivals schon seit langem überschritten sind.
Die sich im Hotel Handelshof anschliessende Aftershow-Party rundete die 8.Auflage des „Castle Rock“ gebürhend ab.
Wir sehen uns garantiert nächstes Jahr wieder ... oder vielleicht doch bereits im August an gleicher Stelle beim „Burgfolk“-Festival, wo mit QNTAL, FAUN oder KORPIKLAANI nicht minder schlecht gefeiert werden dürfte.

Weitere Fotos des "Castle Rock" findet Ihr in der Foto-Galerie.
Michael Kuhlen - Pics: Michael Kuhlen


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