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Georg Hösler-Weiß Brauner Filz im schwarzen Schafspelz Die brauenen Schafe der schwarzen Szene :: FREAK WHEN SP ....

FREAK WHEN SPOKEN TO - THE STORY OF FREAK KITCHEN

ÅSA ANASTASIA JONSÉN

BULLET POINT PUBLISHING

222 Seiten / EUR
Biographien noch aktiver Bands erscheinen stets irgendwie unbefriedigend, erzählen sie doch eine offene Geschichte ohne Pointe, auch wenn dies in der Natur der Sache liegt. Dabei ist es eher selten, dass sich solche Biographien einem Phänomen wie Freak Kitchen widmen, das über mehr als zwei Dekaden mit Ausnahme weniger Märkte (etwa Japan und Frankreich) weitgehend ein Nischenthema geblieben ist. Der Name Mattias IA Eklundh ist hingegen ein echtes Trademark, in Gitarristen-Nerdkreisen genießt der schwedische Innovator einen Ruf wie Donnerhall. Was die Unbekanntheit seiner Band Freak Kitchen umso unverständlicher und ärgerlicher macht, denn hier zelebriert Eklundh seine Künste in extrem songdienlicher und unprätentiöser Form (was wohl auch Teil des Problems ist). "Freak When Spoken To", basierend auf zahlreichen Interviews mit (Ex-)Weggefährten Eklundhs und dem Bandkopf selbst, widmet sich demnach nicht zuletzt der Frage, warum einem derart gefeierten Saitenhexer mit seiner Band nicht mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Die Antwort ist denkbar leicht: Weil Eklundh sich standhaft weigert, genau zu jenem "Trademark" zu werden, als das ich ihn eben bezeichnet habe. Einer der interessantesten Aspekte der Biographie besteht in einer Untersuchung der Urgründe der häufig extrem aggressiven und dennoch eigenartig humorvollen Texte Eklundhs, die sich so wohltuend vom wenig inspirierten Allerlei im heutigen Musikbiz abheben, auch wenn man nicht immer mit den in ihnen geäußerten Ansichten konform gehen muss. Aber genau darum geht es Eklundh schließlich: um künstlerische Integrität, Eigenständigkeit, um das "anders" sein, welches oft jenes gewisse "je ne scai quoi" in der Kunst ausmacht. "Grow your own moustache", wie er es zu nennen pflegt.

Insbesondere der erste Teil von Jonséns lebhaft erzähltem Büchlein (für das man, wie bei Skandinaviern üblich, gute Englischkenntnisse mitbringen sollte – in den letzten Kapiteln klingt für Sprachkenner jedoch einiges etwas unnatürlich) ist überaus interessant: Hier wird die Geschichte eines hochtalentierten Musikus sowie seiner beiden Mitstreiter Joakim Sjöberg und Christian Grönlund erzählt, und zwar von den Kinderschuhen bis hin zu Eklundhs ersten ernst zu nehmenden musikalischen Gehversuchen bei den AORlern Fate bis hin zu den erfolglosen Versuchen, mit Freak Kitchen ein Stück vom Mainstream-Kuchen abzubeißen. Es ist gerade die deutlich werdende hoffnungslose Zerrissenheit der Band, die den Reiz jenes Teils des Buches ausmacht, und die diese Biographie von vielen anderen unterscheidet: die Träume einer juvenilen Band von Stardom und dicken Limousinen zerschellen hier nämlich unspektakulär und im Verborgenen, und es ist ebenso interessant wie desillusionierend, diesem schleichenden (sich immerhin über vier mitunter exzellente Alben wie "Spanking Hour " und das grandiose "Dead Soul Men" hinziehenden) Prozess zu folgen.

Der folgende Teil, sich der Geschichte der Band und Eklundhs diversen Projekten seit ca. 2000 widmend, fällt hingegen etwas ab, und zwar nicht zuletzt, da er sich stellenweise in nerdigen musiktheoretischen Exkursen verliert, die Fans des Gitarristen zwar interessieren mögen. Auch wenn diese die Persönlichkeit Eklundhs partiell erklären helfen: stattdessen hätte ich mir am Ende des Buches eine Diskographie sowie eine deutlichere Fokussierung auf die letzten vier, allesamt wunderbaren Alben (wobei mir schleierhaft bleibt, warum der absolute Geniestreich "Move" nicht als solcher herausgestellt wird) gewünscht. Jedoch wird auch hier deutlich, dass Eklundh seine (nicht selten diktatorisch erdachten) Visionen mitunter ohne Rücksicht auf seine neuen Mitstreiter Christer Örtefors und Björn Fryklund (deren Biographien überaus interessant sind), aber eben auch auf jenes Credo vom Erfolg um jeden Preis, das nicht selten die Grundlage eines Durchbruchs auf breiter Ebene zu sein scheint, verfolgt.

Insgesamt stellt "Freak When Spoken To" eine lohnende Anschaffung für Fans der Band sowie für Musikinteressierte dar, die an den Brüchen und Widersprüchen im Musikbiz interessiert sind, an einer Wahrheit also, die den Wert harter Arbeit anstelle der Mythen schnellen Erfolgs streng herauskristallisiert. Gerade der Blick in verletzte (und mitunter, angesichts des Alters der Protagonisten verständlich naive) Musikerseelen ist gerade durch den beinahe erlebbaren Schmerz erhellend. Zwar hätte man sich statt einer strikt chronologischen eine etwas elegantere Strukturierung des Buches gewünscht, unterm Strich fügt man sich jedoch in diese durchaus Sinn machende Vereinfachung.

Auf jeden Fall lädt das Buch dazu ein, die wunderbaren Alben einer absolut unterbewerteten und wundervollen Band (wieder) zu entdecken und dabei die den Geist befreiende Kraft einer jenseits allen Schubladendenkens funktionierenden Musik zu erfahren – gerade weil hier niemand auf ein Podest gehoben wird. Und genau dies ist denn auch die zutiefst befriedigende Pointe.

P.S.: Das bereits 2015 erschienene aber noch immer aktuelle "Freak When Spoken To" ist nur auf dem Importwege erhältlich. Interessenten rate ich den Prä-Brexit-Umweg über:

http://www.amazon.co.uk

PM.


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