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MÄRCHENLAND IM MÜLL

Constanze S

EditionPaperONE

142 Seiten / 9,50 EUR
Ungefähr zwanzig Jahre ist es her, da gab es sie zuhauf. Die sogenannten „Tatsachenromane – und Geschichten“, oft von namhaften Zeitungsverlagen herausgegeben. Das wirkliche Leben war nach Studentenrevolten, RAF-Terrorismus, ersten Drogentoten, durchgeknallten Punks und Hausbesetzern interessant genug, um es ständig in Buchform zu veröffentlichen. „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ stand da ganz an erster Stelle.
Nun, im Jahre 2006, erscheint „Märchenland im Müll“, die autobiographische Erzählung, (oder sollte man sagen: Bewältigung?) von Constanze S. Die sich jahrelang in der Punkszene einer deutschen Kleinstadt bewegte, auf Grund einer Krankheit nach und nach erblindete und dennoch mit erstaunlicher Klarheit und Sehkraft den Verfall um sich herum dokumentierte.
Nein, „Märchenland im Müll“ ist kein Roman, dazu fehlt viel zu sehr die Dramaturgie, der erzählerische Spannungsbogen und andere handwerkliche, schriftstellerische Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen „Selbsttherapie“ und „Kunst“ ausmachen. Und so ist es auch schwer über Sprachbilder das Schaffen von Emotionen und „bildlich machen“ von Eindrücken zu rezensieren.
Aber dieses ist ein Buch, dessen Sog man sich schwer entziehen kann. Erschütternd, ergreifend, nüchtern, ehrlich, abgeklärt, abstoßend und faszinierend, schildert es ein Leben im Dreck, im Müll, umgeben von Verfall, Gewalt und Ablehnung. Ein Leben, in dem der Tod allgegenwärtig ist, denn die Welt der Punks, so wie sie uns heute immer noch begegnen, in den U-Bahnhöfen und vor den Einkaufszentren der modernen, urbanen Gesellschaft, sie ist nicht bunt und schillernd. Sie ist allenfalls schmutzigbunt. In erster Linie aber durch Drogen verseucht. Es ist keine Rebellion, als sabbernder Junkie sein ganzes Leben nach dem nächsten Schuss auszurichten. Es ist nichts faszinierendes für die Kohle auf den Strich zu gehen oder zu klauen. Hin und her gerissen zwischen der Suche nach ein wenig menschlicher Wärme, Zärtlichkeit, ja Liebe und wütender Aggression, desillusionierten Verfall und abgeklärter Stumpfheit dokumentiert Constanze S eine Welt, die den meisten von uns fremd sein dürfte. Eine Welt, die uns abstößt, die der Erzählerin aber jahrelang vertraut, ja Heimat war und in der sie, trotz allem Müll, Dreck und Tod, dennoch Freundschaft und Liebe erfuhr. Immer bis zu dem Punkt, wo sie (im wahrsten Sinne des Wortes) „durch den Tod geschieden wurde“.
„Märchenland im Müll“ ist ein Buch, das man Sozialarbeiten und Drogenbeauftragten geben sollte, damit sie verstehen, wo für einige unserer Kids die Faszination im Rausch, in diesem Leben liegen kann. Ein Buch, das man aber auch unseren Kids geben sollte, anstatt sie einfach nur vor „Drogenmissbrauch“ zu warnen, damit sie erkennen. wie abstoßend und grausam dieses Leben sein kann.
Es ist vor allem aber ein Buch, das einen nicht kalt lässt, das den Leser bewegt, das ihn eintauchen, ja teilhaben lässt, an dieser Welt, aus der sich Constanze S gelöst hat, um im wahrsten Sinne des Wortes als „Überlebende“ zu dokumentieren.
Voyeure und „Elendstouristen“ werden an diesem Buch keinen Spaß haben, dazu bietet es zu wenig skandalös-schillerndes. Allen anderen Lesern, Menschen mit offenen Augen und vor allem Herzen, kann es aber sogar Kraft geben, denn in der Hoffnung, dass selbst im Müll, im Verfall, irgendwo Liebe sein kann, dass im Leben, so elend es erscheinen mag, immer auch ein Märchen versteckt sein kann und dass sich die Suche danach lohnt, liegt die große Stärke dieses Buches. Constanze S hat das Motto der Punks „No Future“ durchbrochen, hat für sich eine Zukunft gefunden und dafür gehört ihr meine Bewunderung.

ISBN 978-3-939398-32-5
Thomas Sabottka


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