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ALLE REVIEWS :: Index: 'W' :: WITT

WITT

AUF EWIG (73:50 min.)

PRIMADONNA / EDEL
Mangelndes Selbstbewusstsein kann man Joachim Witt ja nun nicht vorwerfen. Denn eine „Best Of“, die gleichzeitig Abschluss der „Werkreihe Bayreuth“ und Retrospektive seines beinah schon dreissigjährigen Schaffens ist, mit „Meisterwerke“ zu untertiteln, entbehrt nicht eines gewissen Narzissmus. Aber Witt hat nicht einfach eine „Greatest Hits“ Compilation gemacht. Er hat Songs aus seinen drei „Bayreuth“ Alben mit zwei alten Klassikern, zwei Tracks aus „Eisenherz“, einem aus „Pop“ und zwei gänzlich neuen, unveröffentlichten Songs zu einer sehr schönen runden Sammlung zusammengestellt. Alle Songs wurden neu eingespielt, neu arrangiert, teilweise sogar neu eingesungen. Und so hat Witt ein in sich geschlossenes Werk geschaffen, das einen sehr guten Überblick über sein Oeuvre bietet. Gleich zu Anfang, in der neuen Version des Überhits „Goldener Reiter“, präsentiert er all das, was ihn ausmacht. In der ersten Strophe noch das alte „NDW Jodeln“, wechselt er in der zweiten zum tieferen „Bayreuth 1“ Dröhnen, um am Schluss in der gequälten Intonation von „Bayreuth 3“ zu enden, während sich die hämmernden E-Gitarren mit martialischer Elektronik und stampfenden Rhythmen vereinen. Dies zieht sich durch das ganze Werk. Wo mich am Ende der Bayreuth-Reihe das ausschließliche, tiefe Drücken seiner Stimme etwas nervte, offenbart „Auf Ewig“ eine wunderbare stimmliche Vielfalt. Witt zeigt sich zerbrechlich, dröhnend, pathetisch, sanft und vor allem poppig. Jeder Song ist ein Ohrwurm. Jede Melodie schraubt sich ins Gehirn, jeder Rhythmus dringt in die Beine und so entsteht aus Bombast, Härte, Dramatik, Wehmut und Kraft, ein Album, das bestens geeignet ist, einen kurzen knappen Abriss dessen zu schaffen, wofür Witt steht und gleichsam ein Abschluss einer Schaffensperiode zu sein.
Natürlich darf „Die Flut“ nicht fehlen, überrascht hier aber durch die Tatsache, dass Witt den Song ganz alleine singt. Der uralte „Herbergsvater“ ist auch drauf. Jener Song, der schon damals textlich für Unverständnis sorgte, aber einer der wenigen deutschen Songs war, der sich wochenlang in den amerikanischen Dancecharts tummelte. „Battaillon D’Amour“, Witts Interpretation des Silly-Klassikers, ist einer der großartigsten Songs, die er je schuf. Bei „Das geht tief“ verliert sich Uwe Hassbeckers Gitarre am Ende beinah schon in Pink Floyd artigen Artrockkapriolen, während das Album mit „Immer noch“ in einem wunderbar melancholischem, sehnsüchtigen Kleinod endet.
Musikalisch zeigt sich Witt als typisch deutscher, progressiver Musiker, der in der Tradition von avantgardistischen Heroen wie Can oder Amon Düül, genauso zu Hause ist, wie in wavigen Elementen der Neuen Deutschen Welle und den Rammstein artigen Gothicmetalklängen der Neunziger.
Nun möchte ich noch ein paar Gedanken zu den Lyrics verlieren. Witt ist oft für seine Texte angegriffen worden. Zugegeben, manche seiner Metaphern kommen sehr mit dem Holzhammer, erscheinen lächerlich und unverständlich, können aber bei genauer Betrachtung ungeahnte Tiefen offenbaren. Zwei Beispiele: In „Supergestört und Superversaut“ heißt es u.a.: „er scheißt in Marmortoiletten, andere müssen ihren Kot verstecken.“ Daran hat sich schon so mancher Journalist hochgezogen. Wenn man diese Metapher aber auf das Tierreich anwendet und weiß, dass einige Raubtiere ihren Kot nicht zuscharren, um damit ihre Dominanz und ihr Revier zu markieren, gewinnt diese Zeile im Kontext des ganzen Songs, der sich sehr extrem gegen Machtmissbrauch, Ausbeutung und Globalisierung wendet, eine neue Bedeutung, die sich durch oberflächliches Hören nicht erschließt. Während eine Zeile aus „Und ich lauf“: „Am Abgrund wartete die Wolke und die Erde wird plötzlich so bunt.“ bei eingehenderer Beschäftigung wirklich große Poesie ist – „Wolke am Abgrund“ -, deutet auf die Höhe in der sich der Protagonist befindet und wenn man überlegt, dass unsere Erde von oben betrachtet blau aussieht und erst bei Näherkommen immer mehr Farbe bekommt, dann hat man hier eine kurze, intensive Beschreibung eines endlosen Sturzes.
Am Schluss noch ein paar Worte zu den Vorwürfen, Witt würde irgendwie Deutsch tümeln, ja sogar eher rechts stehen. Das kann man behaupten. Genauso, wie die NPD auf ihren Demos neuerdings Ton Steine Scherben-Songs spielen kann. Beides entbehrt aber jeglicher Grundlage und ist völlig abstrus. Mann muss nicht mal zum Booklet greifen um zu erkennen, dass sich hinter Wagnerianischem Bombast, teutonischer Schwermut, rollendem R und Marschrhythmen ein linkes „Attac“-Mitglied, ein Globalisierungsgegner, ein Sozialromantiker, ein streitbarer Demokrat, ein idealistischer Gutmensch steht, der mit seinen Mitteln auf Missstände und Ungerechtigkeiten in dieser unserer Gesellschaft aufmerksam macht, die er aber dennoch, vom Grunde her liebt, denn es gibt weitaus Schlimmere. „Sonderschule, in den Kampf hinaus, wer nicht mitmarschiert ist rot und aus!“ (Unsere Welt)
Leute die mit Witt nichts anfangen, ihn gar nicht leiden können, werden mit „Auf Ewig“ auch nicht vom Gegenteil überzeugt werden. Werden in ihm weiterhin den sehen, der irgendwie nicht ins Raster passt und deswegen als Irrer abgestempelt werden kann. (Ein verblüffende Aktualität, die der „Goldene Reiter“ hier beweist.) Alle anderen, haben eine wunderbare Retrospektive, die man einfach schneller durchhören kann, als ca. sechs verschiedene Joachim Witt CDs, ohne etwas zu verpassen.
Ein Meisterwerk!
10/10 - TS


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