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MAGAZIN :: Index: 'D' :: DIARY OF DREA ....

DIARY OF DREAMS
Authenzität als Erfolgsgrundlage
Interviews mit Adrian Hates von Diary of Dreams sind selbst nach Jahren journalistischer Arbeit immer wieder etwas Besonderes, wobei es keinen Unterschied macht, ob es ein aktuelles Album oder eine DVD zu promoten gilt, oder ob es sich ein Interview handelt, bei dem man sich, so wie in diesem nachfolgenden Interview, frei und unbelastet von der Seele weg über alle möglichen Themen unterhalten kann. Ursprünglich als Interview anlässlich der DVD-Veröffentlichung gedacht, liessen terminliche Schwierigkeiten den eigentlichen Interviewtermin immer weiter nach hinten rücken und da mittlerweile in anderen Publikationen nahezu alles über die erste und wirklich beeindruckende DVD aus dem Hause Diary of Dreams gesagt wurde, standen zunächst die gerade begonnenen Aufnahmen zum neuen Studio-Album im neu eingerichteten Studio, das Adrian zu wahren kreativen Höhenflügen inspiriert, sowie der Israel-Trip der Band im Mittelpunkt unseres Gesprächs. Doch lassen wir Adrian selbst zu Worte kommen.
>> Ich habe jetzt auch ein Studio, so wie ich es noch nie hatte und kann unglaublich schnell und unglaublich kreativ arbeiten. Das macht sich wahnsinnig bemerkbar und ich habe in einer ganz kurzen Zeit erstaunliche Resultate erzielt. Wir haben jetzt also schon elf Titel. <<

Also arbeitest du doch wieder weitestgehend autark? Basierend auf dem Interview auf der DVD hatte ich den Eindruck, dass ihr als Band nun viel stärker eine Einheit seid als je zuvor. Spiegelt sich dies dann doch nicht beim Songwriting wider?

>> In dem Interview sagen wir aber auch, dass es von Produktion zu Produktion variiert und das entsteht, was entstehen soll. Jeder hat so seinen Raum, der flexibel ist. Bisher hat es sich halt ergeben, dass ich alleine gearbeitet habe. Heute Abend und morgen kommt Gaun:A und dann müssen wir mal sehen, was das ergibt. Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren wahnsinnig viel Gitarre gespielt. Mehr, als ich wahrscheinlich in meinem ganzen Leben gespielt habe und das hat sich natürlich auch irgendwie bemerkbar gemacht. Bei Torben war es eigentlich immer so, dass wir uns zeitweise auf das Projekt konzentriert haben. Wo wir gesagt haben „so, wir haben jetzt eine gute Basis“ und wo wir dann einen Termin ausgemacht haben, wo er ein paar Tage herkommt und wir dann drei, vier Tage ganz intensiv arbeiten. Er addiert somit sein Wissen zur Musik hinzu. Wir sehen uns schon als Band, aber es ist halt oft so, dass ich Sachen alleine mache und gerade für diesen kreativen Grundstein war es für mich immer besser, wenn ich alleine gearbeitet habe. Das geht einfach am schnellsten. <<

In einem unserer ersten Interviews vor einigen Jahren hast du dich dahingehend geäussert, dass es dein absoluter Traum wäre, mit Diary of Dreams mal als wirklicher Rock-Band auf der Bühne zu stehen. Diesen Traum erfüllst du dir nun schon seit einiger Zeit, schaut man sich das aktuelle Line Up und die Shows an. Hast du dein Ziel damit erreicht?

>> Ich bin nie derjenige gewesen, der sich ein Ziel gesetzt hat und dann gesagt hat „wenn ich da angekommen bin, bin ich zufrieden und weiter will ich gar nicht“, sondern aus jedem neuen Schritt ergibt sich der nächste. Hat man einen Zwischenpunkt erreicht, fixiert man den Nächsten. Es ist immer ein Weiterarbeiten, ein stetiges Vorwärtskommen, was für mich bei Diary of Dreams immer die wichtigste Rolle gespielt hat. Was ich definitiv sagen kann, ist, dass wir eine Gruppe, eine Crew und eine Mannschaft zusammen gesammelt haben, die eine wahre Freude ist, die ein unglaublich enges Team und ein unglaublich enger Kreis an Freunden ist. Das ist auf jeden Fall etwas, wo ich immer hin wollte und das habe ich erreicht. Das haben wir auf „Alive“ und „Nine In Numbers“ präsentiert, dass wir eine homogene Einheit sind und dass es unheimlich viel Spass macht mit dieser Truppe unterwegs zu sein. Es ist immer ein Erlebnis gemeinsam auf der Bühne zu stehen und ein ganz wichtiger Punkt, den ich erreicht habe. Es gibt immer Dinge und nach jedem Konzert beredet man sich und überlegt, was man noch besser machen oder verändern könnte. Wir sind mit neun Mann unterwegs und das ist schon etwas, was ich mir damals nie hätte erträumen lassen. Und das ist toll, weil man dadurch einfach auch Konzerte mit einem technischen Aufwand bewerkstelligen kann, den man nicht leisten könnte, wenn man einfach nur als Band unterwegs wäre. Ansonsten habe ich noch ganz viele Träume, ganz viele Ziele und ganz viele Wünsche, die ich mir mit Diary of Dreams verwirklichen möchte. Daran arbeite ich stetig mit Hilfe all dieser ganzen kreativen Menschen um mich herum. <<

In wie weit bist du der Verwirklichung deiner musikalischen Träume dadurch näher gekommen?

>> Da gibt es immer noch Feinheiten und Finessen, die ich realisieren möchte. Wir sind jetzt in einer Personenkonstellation angekommen, die mich schon sehr zufrieden stellt. In dieser Konstellation werden wir noch sehr viel erreichen und es gibt noch ganz, ganz viele Dinge, die wir erreichen wollen. Es gibt auch noch den einen oder anderen Musiker, den ich mir dazu vorstelle. <<

Wird es sich da um einen ehemaligen Musiker Diary of Dreams’ handeln oder sogar jemand Bekannteren?

>> Nein, neue Musiker. Es sind eher Instrumente als Musiker. Die passenden Personen werden sich noch finden lassen. <<

Du werkelst zudem seit einigen Jahren an einem Nebenprojekt mit einer Sängerin herum. Was ist denn daraus geworden? Wird man hier in absehbarer Zeit mit einer Veröffentlichung rechnen dürfen?

>> Ich arbeite immer noch daran. Das sind so Sachen, die ich halt versuche einzurichten in der wenigen Zeit, die ich zwischen Diary of Dreams habe. Ich habe ja keinen Leistungs- und Veröffentlichungsdruck. Meine Priorität und mein Hauptaugenmerk wird immer Diary of Dreams gelten. Was dazwischen an Zeit und an Kapazitäten ist werde ich dafür nutzen. Die Perspektiven, die ich habe, sind sehr spannend und es für mich eine tolle Sache mal anders arbeiten zu können. Das ist eine gewisse Form von Abwechslung, die mich da sehr stimuliert. Es ist aber nicht so, dass das jetzt für mich eine sehr wichtige und vordergründige Arbeit wäre, die ich jetzt unbedingt machen möchte. Ich könnte mir aber schon vorstellen, dass da eine Veröffentlichung nicht mehr so lange auf sich warten lässt. „Nicht mehr so lange“ heisst bei mir jetzt aber nicht in den nächsten Monaten. Das neue Diary-Album ist für mich jetzt die erste Prämisse und es macht mich auch unglaublich glücklich daran zu arbeiten. Das gibt mir persönlich sehr, sehr viel, zumal ich auch sehr viel zu verarbeiten habe. Wir werden das Album wahrscheinlich zum Ende des Jahres heraus bringen und dann liegen zwischen „Nigredo“ und dem neuen Album drei volle Jahre, was für Diary of Dreams ein sehr ungewöhnlicher Zeitraum ist, der nicht so merklich ist, weil „Menschfeind“, „Alive“ und „Nine In Numbers“ dazwischen waren, wie auch die Widerveröffentlichung von „Dream Collector“. Für jemand Aussenstehenden ist das nicht so spürbar, für mich aber enorm, weil der Kreativprozess und somit ein Alltag, der durch die Kompositionen dominiert wird, mittlerweile zwei Jahre her ist. Das ist etwas, was für mich ein ganz fremder Alltag ist. Das Komponieren hat mich eigentlich immer im Alltag verfolgt und begleitet, und das hat mir sehr gefehlt. <<

Kennst du das Gefühl und die Angst, diesen kreativen Fluss zu verlieren, keine Inspiration mehr zu haben, die es musikalisch umzusetzen gilt?

>> Das ist natürlich etwas, wovor die meisten Musiker Angst haben und von dem ich immer sagen konnte, dass mich so ein schwarzes Loch nie erreicht hat. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, wie man lebt. Mein Leben ist so voll an Erlebnissen und an Dingen, die mich künstlerisch weiter bringen and voller Visionen, Wünsche und Vorstellungen die ich habe, dass ich eigentlich nie in der Position war, wo ich mich gefragt habe, worüber ich schreiben soll. Ich habe da keine Angst vor und glaube, so eine Angst droht auch eher Leuten, die nichts anderes machen ausser Musik und ihre Zeit maßgeblich im Studio verbringen. Wo man einen Routine Alltag im Studio hat, morgens aufsteht, ins Studio geht und abends aus dem Studio in den Feierabend. Das wäre für mich ein Rhythmus, der meine Kreativität hemmen würde. <<

Als Aussenstehender, wann immer man dich trifft, hat man stets das Gefühl, dass du mit deinen Gedanken immer und überall bei Diary of Dreams ist und ständig an neuen Sachen arbeitest.

>> Ja, das ist richtig. Mein Kopf tickt rund um die Uhr immer für Diary of Dreams. <<

Wohin wird es denn musikalisch mit dem neuen Album gehen? Ist das neue Stück auf „Accession 3“ da in irgendeiner Form richtungsweisend?

>> Nein, überhaupt nicht. Nicht mal im Ansatz. Das ist ein Experiment ausser der Reihe. Das habe ich bei Compilations meistens so gemacht, dass ich was Exklusives abgeliefert habe. Ich habe das nie richtungsweisend für ein Album gesehen, weil ein Album im Entstehungsprozess an einem Stück entsteht. Das ist emotional eine ganz andere Voraussetzung, als ausserhalb im Laufe eines Jahres irgendwann mal ein Stück zu schreiben. Das ist für mich der springende Punkt, homogen und kontinuierlich an einem Projekt zu arbeiten, das Querverweise hat, das inhaltlich und musikalisch zusammenhängt und wo ich auch bemüht bin, dass es wie aus einem Guss wirkt. Was ich sagen kann ist, dass ich glaube, dass diese Platte im Gegensatz zu „Nigredo“, die, jedenfalls für mich, inhaltlich ein sehr präzises Konzept und einen sehr abgesteckten Rahmen hatte, inhaltlich nicht so klar und präzise sein wird. Sowohl musikalisch wie auch inhaltlich. Deswegen kann ich das Album jetzt ganz anders bearbeiten. Ich kann Stücke mehr explodieren und andere Stücke mehr in sich zusammenfallen lassen, ohne Angst zu haben, einen Homogenitätsfluss zu zerstören, der auf „Nigredo“ für mich elementar wichtig war. Ich wollte keine Stücke, die sich im Kontext zu den anderen Stücken als nicht wirklich zugehörig anfühlen. Für mich war wichtig, dass man „Nigredo“ durchhören und sagen konnte, dass dies eine ganz klare Linie ist, die ich da verfolge. So das man als Musiker sagen konnte, dass da eine konzeptionelle Linie verfolgt wird. Das neue Album bricht da ein bisschen mit. Es werden sehr starke Stücke dabei sein, wo man sich erschreckt und überrascht sein wird und wo man sich auf jedes Stück neu einlassen muss. Es ist schon eine konzeptionelle Arbeit, musikalisch wie inhaltlich, aber nicht ganz so eng, nicht ganz so präzise. Eng soll nicht so klingen, als wenn ich mich selbst limitiert hätte. Ich habe die Kompositionen deshalb auch auf die Art und Weise verfolgt. Das neue Album gibt mir da mehr musikalischen Freiraum, ganz davon abgesehen, dass ich finde, dass die „Nigredo“-Trilogie für sich alleine steht. Der Versuch, diese Trilogie zu wiederholen, kann nur scheitern. Deshalb war unsere Vision ganz klar die, nicht an etwas anzuschliessen, das einen abgeschlossenen Zyklus darstellt. Inhaltlich knüpfen wir an einigen Punkten sicherlich an, das habe ich immer gemacht, aber ich habe nie versucht, mich in diesem Punkt zu kopieren. Künstlerisch wäre es für mich unendlich langweilig da jetzt wieder anzuschliessen. <<

„Nigredo“ war in jeder Hinsicht ein Album, an dem ihr exzessiv gearbeitet habt. Wenn ich alleine an die, wie ihr es seinerzeit genannt habt, Kritzelarbeit der Texte denke ...

>> Das war exzessiv bis zum Haar spalten, ja. <<
... frage ich mich, ob ihr hier den Punkt erreicht hattet, wo es für die Zukunft einfach nicht mehr zu übertreffen geht und ihr euch zwangsläufig etwas zurücknehmen müsst, um nicht irgendwann einen Lagerkoller zu bekommen.

>> Was wir bei „Nigredo“ gemacht haben, kann man auf der Ebene des Peniblen nicht mehr toppen. Ein Aussenstehender, der jetzt nicht so den Einblick hatte, mag das nicht so erfassen, aber die Monate lange Arbeit nur an graphischer Umsetzung, Zeichnungen, Kritzeleien ... jeder Tuschepunkt ist selbstgemacht. Das war einfach eine Geschichte, die man nicht wiederholen kann. <<

Zumal sie mit Sicherheit sehr kräftezehrend war und wo ihr sicher ganz automatisch sowohl physisch aber auch psychisch an eure Grenzen gestossen seid.

>> Ja, und eine unglaubliche Anforderung an die Disziplin. Wahnsinn. Das ging ja über zwei, zweieinhalb Jahre. Gerade im letzten Jahr konnte man die freien Tage fast an einer Hand abzählen. Das war aber Bestandteil des Prozesses, dieses intensive Gefühl, dass das Album für uns hat, was die Texte für uns haben und alles Drumherum, das ging nur so. Da konnte man nur „ganz, oder gar nicht“ sagen. Wir haben gesagt, wir machen das hundert Prozent intensiv und so musste das auch sein. Die neue Platte ist eher auf einer emotionaleren Ebene, wie sie das Ganze wieder Revue passiere lässt und geht auf einige Punkte dieser Trilogie ein, aber auch auf einige Punkte der Vergangenheit. Natürlich bringt man da auch einiges Aktuelles und Neues mit ein. Es wird eine sehr intensive Geschichte sein, die damit präsentiert wird und eine sehr eigenartige Vision, die dargestellt werden wird, die aber nur bedingt an „Menschfeind“ und „Nigredo“ anknüpft. <<

Wenn du nun auf die intensive Arbeit an „Nigredo“ zurückblickst, was hast du während dieser Zeit über dich selbst erfahren? Wie hat sich deine Psyche während dieser Phase verändert. Ist das für dich aus heutiger Zeit erklär- und nachvollziehbar?

>> Woran ich mich sehr gut erinnere, ist das Ende der Produktion, wo wirklich dann alles fertig war. Nachdem die Pressefotos ausgewählt waren, denn aus achttausend Fotos auszuwählen war auch nicht ganz einfach, denn wir haben Tage lang nur an Pressefotos gesessen, und wir die Tour vorbereitet haben, haben wir eine kleine Pause von ein paar Tagen gemacht. Da habe ich Gaun:A angerufen und gesagt „Gaun:A, ich habe ein ganz komisches Gefühl. Ich fühle mich, als würde ich mich betrügen, als müsste ich unbedingt etwas machen“. Die Tatsache da zu sitzen und nichts machen zu müssen, kein Programm zu haben und nicht vorwärts kommen zu müssen war für mich ein Gefühl, das mir vollkommen fremd war. Das war so verloren gegangen und wir hatten uns so in diesen Zyklus und diesen Rhythmus, in dem wir uns befunden haben, eingelebt, dass das zu einem ganz selbstverständlichen Bestandteil unseres Alltags geworden ist. Emotional war es wahnsinnig intensiv und es hat einen auf Höhen und Spitzen gebracht, die man vorher noch nie erreicht hat, aber auch in emotionale Löcher gerissen, die sich sehr mit neuen und destruktiven Inhalten auseinandersetzt. Auch mit traurigen Inhalten. Ich erinnere mich sehr gut daran, auch wenn es lange her ist, als ich zu „End Of Flowers“-Zeiten an mehrere Tage hintereinander sehr intensiv „Tears Of Laughter“ gearbeitet habe, dass ich damals mehrere Tage gebraucht habe, um aus diesem emotionalen Vakuum heraus zu kommen. Diese Seifenblase und diese Abkopplung, das ist etwas, was „Nigredo“ sehr ausgezeichnet hat und wo wir wirklich unglaublich intensiv drin waren. Fast wie in einer eigenen Welt nur für uns für eine ganz lange Zeit. <<

Hast du vielleicht sogar Angst davor, diesen Punkt noch einmal zu erreichen?

>> Nein, der reizt eigentlich eher. Es ist etwas, wonach man erst mal Kraft sammeln muss, weil die Akkus definitiv bei allen leer waren, aber die ganze Konzerte, die ganzen Liveshows, das ganze Reisen war natürlich ebenfalls wieder sehr Kräfte zehrend, aber auch unglaublich bereichernd. Es war auch etwas, was wir ganz, ganz doll gebraucht haben, nach der Isolation. „Nigredo“ hat für uns Rekorde gebrochen, an die wir niemals geglaubt haben. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nicht daran glaube, dass die Platte erfolgreicher wird als „Freak Perfume“, weil sie so schwer und komplex war. Ich habe gedacht, dass das viele Menschen überfordert. Ich glaube, es waren neun Titelstories und sieben Soundchecks, die wir gewonnen haben. Ich habe von einigen Magazinen die Resonanz bekommen, dass ein Soundcheck noch die so durchweg positiv war. Ich habe es beispielsweise noch nie erlebt, dass „Zillo“, „Orkus“ und „Sonic Seducer“ in einem Monat den gleichen Soundcheck-Gewinner hatten. Das hat uns sehr stolz und sehr glücklich gemacht, uns aber nie veranlasst die Nase in den Wind zu halten. Wir hatten das Gefühl, dass wir ein hartes Stück Arbeit für jemanden gemacht haben, der danach zu uns gekommen ist und gesagt, „Mensch, das hast du gut gemacht“. <<
Während die Electro-Szene sich in weiten Teilen immer wieder kopiert und selbst reproduziert, habt ihr es mit Diary of Dreams geschafft, den Sound zu einem wirklichen, nicht kopierbarem Markenzeichen zu machen. Ihr habt nie nach der schnellen Mark geschielt, sondern euch immer auf eine wirkliche Authenzität berufen, die anscheinend nicht zu kopieren ist, oder?

>> Lieben Dank. Das sehen wir genau so. Ich habe das bei den Veröffentlichungen dann auch etwas zelebriert, indem wir die limitierte Auflage eben nicht für fünfundzwanzig Euro in den Laden gestellt haben, sondern für einen ganz amtlichen und fairen Preis. Mir geht es nicht darum den Leuten Kohle aus der Tasche zu ziehen, sondern mir geht es um den Austausch mit unseren Hörern und ich glaube, dass das mittlerweile ganz, ganz viel Leute wahr genommen haben. <<

Ihr habt vor wenigen Wochen zum ersten Mal in Israel gespielt, vor einigen Jahren aber auch schon im Libanon. Was ist das für ein Gefühl in Ländern zu spielen, die entweder schwer vom Bürgerkrieg gezeichnet sind, oder wo man ständig der Terrorgefahr durch Attentate ausgesetzt ist? Kann man sich wirklich von dieser Angst frei sprechen?

>> Ja. Ich habe vorher keine Angst gehabt, und hinterher auch nicht. Das ist für mich eine Frage des Schicksals. Wenn ich in die Luft gebombt werden, wenn ich irgendwo bin, dann ist das halt so. Dann passiert das halt, es ist mein Abgang von dieser Welt und dann soll das auch so sein. Ich habe immer Warnungen bekommen. Vor unserem ersten Südafrika-Auftritt haben alle gesagt, ich sei wahnsinnig. Vor Libanon haben sie es gesagt und vor Israel auch. Wir haben vorher mit dem Auswärtigen Amt telefoniert und es nicht so, dass ich grob fahrlässig bin. Wir telefonieren vor jedem Land, das wir nicht richtig einschätzen können. Vor Russland, wo wir ja nun auch schon waren, haben wir uns ebenfalls informiert. Da waren wir ja auch so etwas wie Pioniere, als wir da rüber geflogen sind und ich erinnere mich genau, dass knapp zwei Wochen vorher die grosse spektakuläre Geiselnahme in der Oper stattfand. Wir telefonieren unsere Ämter ab, führen unsere Gespräche und jeder für sich fällt dann das Urteil. Keiner hat eine Mitfahrpflicht. Es ist nicht so, dass wir entscheiden und alle anderen müssen folgen. Jeder kann aus dem Bauch heraus entscheiden, ob er sich dieser Gefahr aussetzen möchte. Und ganz im Ernst: in Amerika kann uns so etwas genau passieren wie in London. Die Frage ist, wie weit man geht und wo man seinen Strich zieht. Ich ziehe meinen Strich sehr, sehr weit. Ich bin kein ängstlicher Mensch was so etwas angeht und bislang haben alle unsere Erfahrungen das auch stets bewiesen, dass unsere Handhabe richtig war. Wir haben unseren Manager und Booker Albert immer mit an Bord und der hat ja auch keine Lust sein Leben für eine Band zu opfern, die er unterstützt, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Wir sind ja alle keine lebensmüden Menschen sondern wägen schon ab und entscheiden dann, was wir für richtig empfinden und was nicht. Das Erlebnis in Israel war ausserordentlich und im Libanon damals auch. Ich bin kein Politiker. Das muss ich dazu sagen. Wir fliegen nicht in diese Länder, um den Leuten ihre Politik vorzuhalten. Ich glaube aber auch, dass das Publikum, das zu unseren Shows kommt, andere politische Vorstellungen hat als man glaubt. Ich habe in jedem Land, wo ich mit der herrschenden politischen Meinung nicht einer Meinung bin, durch Gespräche mit den Fans nach den Shows auch sehr kritische Stimmen offenbart bekommen. Das stärkt sie vielleicht auch, dass Bands mit anderem Gedankengut kommen und der Austausch sie da in ihrem Denken da vielleicht stimuliert. Ich würde nie dahin gehen und sagen „eure Regierung ist Mist“. Der Bürgerkrieg, der da schon seit vielen Jahren stattfindet ist traurig und grauenvoll und ich bin unendlich traurig über das, was mit dem Libanon praktiziert wurde. Es tut mir in der Seele weh das zu sehen und zu hören. Ich kann es aber nicht ändern. Es gibt viele Leute in Israel, die diesen Konflikt genauso grauenvoll finden und die ihn gerne vermieden hätten. Das weiss ich. Ich bin auch nach Amerika geflogen und bin sicher kein Unterstützer von George Bush. <<

Hast du den Eindruck, dass die Menschen und Konzertbesucher in solchen Ländern dankbarer sind als bei uns? Wie seid ihr, als deutsche Band, in Israel aufgenommen worden?

>> Für uns war es auf jeden Fall so, dass wir sehr herzlich aufgenommen wurden und von allen Menschen unglaublich lieb betreut wurden, sei es im Hotel oder beim Essen in einem Restaurant. Wir haben sehr viel auf eigene Faust unternommen, sind sehr freundlich aufgenommen worden und haben nicht einen einzigen feindseligen Spruch abbekommen. Und wenn ja, dann haben wir ihn wahrscheinlich nicht verstanden, weil er nicht in Deutsch oder in Englisch war. Es waren auch keine düsteren Blicke, im Gegenteil, es war sehr offen. Viele Leute sind aus den Läden herausgekommen, wenn wir eine Strasse entlang gelaufen sind und wollten Fotos machen. Sie haben gefragt wer wir sind und wo wir herkommen. Als sie dann hörten, dass wir aus Deutschland sind, haben sie dann Deutsch mit uns gesprochen. Die Präsenz der deutschen Sprache in Israel ist wahnsinnig gross und ich kann überhaupt nichts negatives berichten. Ich kann nichts berichten, wo es gefährlich war, auch vom Zoll und den Einreisebedingungen. Es war absolut in Ordnung und es war alles amtlich. Es war alles höflich, es war alles freundlich und total unproblematisch. <<

Wie viele Zuschauer hattet ihr bei dem Konzert?

>> Wir haben über vierhundert Leute beim Konzert gehabt, was den Veranstalter zu einem Dauergrinsen ermutigte, denn das war doppelte von dem, was er sonst bei sämtlichen Veranstaltungen in Israel erlebt hat. <<

Habt ihr, neben den Konzerten, Kontakt zur Schwarzen Szene in Israel gehabt? Normalerweise ist es doch wohl eher so, dass man in das Land fliegt, das Konzert spielt, und dann schnell wieder nach Hause oder zur nächsten Show weiter fliegt.

>> Ja, wir waren aber auch sehr lange da. Wir haben aufgrund von relativ ungünstigen Flugkonstellationen vier, fünf Tage da verbracht und waren auch in Jerusalem. Ich hatte während meines Aufenthaltes da Geburtstag und so sind wir mit der ganzen Crew nach Jerusalem gefahren und haben uns viele der Orte angeguckt, die sehr geschichtsträchtig sind. Jeder kann uns muss für sich selbst entscheiden, wie authentisch echt oder was auch immer da alles ist. Ich finde es historisch wahnsinnig interessant und faszinierend und es hat mir unglaublich viel gegeben da zu sein. Sei es die Klagemauer oder all die ganzen Wege und Orte, die halt geschichtlich geprägt sind. Auch da war es völlig ungefährlich. <<

Gerade Jersualem ist durch durch das enge Miteinander der verschiedenen Religionen ja auch ein sehr spiritueller Ort.

>> Ja, auch Kopf an Kopf und Haus an Haus nebeneinander. Unter einem Dach leben die verschiedensten Religionen, was man sich, wenn man sich von hier aus Jerusalem vorstellt, eigentlich gar nicht vorstellen kann. Man denkt immer, das wäre so sehr einfarbig, aber das ist es überhaupt nicht. Es war einfach ein unglaublich beeindruckendes Erlebnis, auch wie die Leute ihre spirituellen Ereignisse da gelebt haben. Wir haben viele Erlebnis gehabt von Leuten, die an der Klagemauer oder der Aufbahrungsstätte von Jesu Christi fast zusammen gebrochen sind, während man zwei Meter daneben steht. Die Leute leben das auf eine ganz bestimmte Art und Weise und das respektiere ich. <<

Zumal der Glaube, der dort praktiziert und gelebt wird, ja ein ganz anderer ist als der, der hier in den offiziellen Amtskirchen gepredigt und dementsprechend in seiner originären Aussage durch die offiziellen Kirchenvertreter verzerrt und ja zum Teil auch pervertiert wird.

>> Das stimmt auf jeden Fall, wobei ich natürlich immer sage, dass mein persönlicher und privater Glaube ein anderer ist. Den werde ich niemals propagieren und nach aussen tragen, weil ich nicht möchte, dass jemand sich in seinem Glauben beeinträchtigt oder gekränkt fühlt. Glaube ist etwas dermassen individuelles, dass jeder mit sich selbst seinen eigenen Glauben finden muss, oder auch nicht. Das ist nichts, was ich mir anmassen oder kritisieren würde. Ich würde lediglich bestimmte Praktiken kritisieren , die anderen wiederum ihre Freiheit nehmen. Das Wichigste ist, dass jeder dem anderen seinen Glauben lässt. Ob er damit übereinstimmt oder nicht spielt dabei überhaupt kein Rolle. Er darf nur mit seinem Glauben keinem anderen Menschen schaden. <<

Ihr habt, bis auf Australien, mittlerweile auf allen Kontinenten gespielt. Gibt es noch einzelne Länder, die du mit Diary of Dreams gerne bereisen würdest?

>> Ja, wir haben noch ein bisschen was vor uns und dieses Jahr werden wahrscheinlich noch einige Territorien dazu kommen, die für uns ebenfalls Neuland sind und szenetechnisch fast unberührt sind. Ich glaube, es waren bislang sechsundzwanzig Länder. Japan wäre so ein Land. <<

Obwohl man durch diese unsägliche Visual-Kei-Geschichte den Eindruck hat, dass es den Japanern da viel weniger um Inhalte als um Äusserlichkeiten und ein möglichst androgynes Aussehen geht, was ja schon im Widerspruch zur Philosophie von Diary of Dreams steht?

>> Mit meinem jetzigen Eindruck würde ich das sicherlich unterstreichen, aber ich hätte mich in so vielen Ländern getäuscht, wenn ich nur diese Erwartung gehabt hätte. Deswegen lasse ich mich da erartungsfrei und finde einfach den Gedanken, in solch einem Land zu spielen, sehr spannend und ich glaube, dass dies ein sehr intensives Erlebnis werden könnte. Es ist ein Markt und eine Welt, die ich in meinem Leben noch nie berührt habe und die ich einfach zur Ergänzung meines Weltbildes erleben möchte. Damit meine ich jetzt explizit Japan oder auch China, was natürlich jede für sich sehr unterschiedliche Kulturen sind, die aber enger miteinander verbunden sind, als Island zum Beispiel. Ein Konzert in Reykjavik wäre für mich auch ein Traum, wobei das mit Sicherheit ein kleines Clubkonzert wäre, weil dort einfach soviel Szene mit Sicherheit nicht ist. Aber, ich fände es spannend. Ansonsten gibt es Länder, die ich gerne bereisen möchte. Ich habe jetzt schon so viel gesehen und bin unglaublich glücklich darüber, dass ich diese Möglichkeit hatte. Es wird jetzt in Zukunft viele Länder geben, über die ich nie intensiver nachgedacht habe und die da plötzlich auf dem Schirm stehen werden, wo ich mich dann mit auseinandersetzen und wo ich mich informieren werde. Ich werde mich einlesen und dann entsteht bei mir immer eine extreme Vorfreude. Viele andere Bands würden diese Pionierarbeit gar nicht leisten wollen, denn sie ist in der Regel nicht sonderlich lukrativ. Wirtschaftlich ist das meistens überhaupt nicht lukrativ, aber mich persönlich interessiert das nicht, weil ich ein Konzert in Israel nie des Geldes wegen machen würde. Libanon oder Südafrika sind alles Sachen, wo ich einfach kein wirtschaftliches Interesse mit verfolge. Das sind persönliche Interessen. Ich habe mal zusammengerechnet, dass ich privat in sechsunddreissig Ländern war. Das finde ich phänomenal und ich konnte es auch fast gar nicht glauben, bis ich mich mal hingesetzt und diese Länder runtergeschrieben habe. <<
Du bist aber auch jemand, der nicht nur weiss, wem er das alles zu verdanken hat und seine Dankbarkeit den Fans gegenüber auch zeigt, sondern für den sein Schaffen nicht nur Beruf, sondern vor allem Berufung ist. Und das ist etwas, was der zahlende Fan sehr wohl wahr nimmt.

>> Ich weiss, wem ich das zu verdanken habe, und das ist kein Spruch wie ihn zig Leute in Interviews gerne mal plakativ darstellen. Ich hoffe, dass mit jedem Handeln und mit jeder Platte und mit jeder Internetseite und mit jedem Gespräch, das wir nach dem Konzert führen, deutlich wird, dass wir den Leuten, die uns unterstützen, wirklich dankbar sind. Gerade jetzt auch, wo die Zeiten sehr schwierig sind und die Menschen überall mit Ressourcen-Knappheit an allen Fronten zu kämpfen haben. Sei es durch Konzertbesuche, durch legale Downloads oder den Kauf eines Merchandise-Artikels. Dass wir dankbar sind, dass wir diese Hilfe bekommen, um das weiter machen zu können. Ich hoffe natürlich, dass die Leute das in den nächsten Jahren auch nicht aufgeben. <<

Ihr stellt euch nach einem Konzert ja immer auch den Fans, egal vor wie vielen Leuten ihr an dem Tag gespielt habt, und mischt euch nach der Show immer noch unter das Publikum. Das registrieren die Fans natürlich auch.

>> Ja, das wird wahr genommen und wir nehmen das auch wahr. Es ist für uns ja auch jedes Mal ein intensives Erlebnis. Das sind viele Gespräche, die zum Teil ja auch unglaublich tief sind. Es ist ja nicht immer nur „Hallo“, „Ja“, „Danke“ oder wie auch immer, sondern es sind ja auch immer Leute dabei, die Geschichten zu erzählen haben und die dir wirklich etwas vermitteln, wo du erst mal da stehst und dir das Kinn runterfällt. Lehrer, die Texte von uns in der Schule durchgehen, Studenten, die ihre Abschlussarbeit über unsere Band und unsere Arbeit machen, Familien, die eine ganz, ganz intensive Verbindung zu unserer Musik haben. Das sind Erlebnisse, wo man wirklich berührt ist und wo man sch darüber freut, dass man das erfahren darf. Wenn ich mich, und das mache ich ja in der Tat sehr viel, in meinen Elfenbeinturm einschliesse und da nie rauskomme, dann erfahre ich da auch nicht und das sind für mich einfach Bereicherungen und gang, ganz wichtige Erlebnisse, die in mir sind und mich bei einer Albumproduktion begleiten. <<

Du bist für viele Fans natürlich auch ein Vorbild und wirst von einigen da auch idealisiert, was sicherlich auch zu Situationen führt, wo Fans mit Problemen vor dir stehen und eine Antwort erwarten, die du unter Umständen gar nicht zu geben in der Lage bist. Wie gehst du mit solchen Situationen und der Verantwortung, die daraus erwächst, um?

>> Ja, man hat eine Verantwortung, der man sich sehr bewusst sein muss. Ich versuche, niemals leichtfertig Äusserungen zu machen. Ich versuche, wenn ich Antworten und Hilfestellungen geben soll, sehr diplomatisch und sehr vorsichtig zu sein. Ich möchte auf gar keinen Fall Ratschläge geben, wo ich gar nicht beurteilen kann, ob ich überhaupt zu einem Ratschlag fähig bin. Im Endeffekt sage ich den Leuten auch sehr oft, dass ich kein Mensch bin, der alleine Hilfestellung geben kann. Ich verarbeite meine Emotionalität in meiner Musik, und in dieser tief emotionalen Welt finden sich viele Leute wieder und projizieren ihr Leben da hinein. Das ist ja die Möglichkeit, die ich durch meine Texte gebe, nur bürgt das natürlich eine gewisse Gefahr. Ich werde idealisiert und viele Menschen glauben, in einer Parallelwelt zu leben, das gleiche zu durchleben wie ich, und das stimmt natürlich nicht. Deswegen werde ich aber häufig um Rat und um Hilfe gebeten, was auch schon mal ausarten kann. Ich habe auch Mails bekommen, die nicht schön sind und wo Leute mich missverstehen und missinterpretieren. Es gibt Menschen, die sehr wenig von mir halten und mir das auch unmissverständlich kundtun, die dies auf sehr exzessive Art und Weise tun, die einen beleidigen und kränken kann, aber auch Angst machen kann. Es gibt auch definitiv Erlebnisse von Aftershow-Parties, wo Leute eingreifen mussten, aber man muss ganz stark bemüht sein, nicht zu generalisieren und zu pauschalisieren und da wirklich zu unterscheiden. Man muss auch sehen, dass da unheimlich viele Menschen sind, deren Bekanntschaft mich unglaublich bereichert hat. Das klingt vielleicht schwülstig, aber es ist tatsächlich so. Wir haben über die Jahre ganz, ganz viele Leute kennen gelernt, die uns bis heute sehr nahe sind und wo weitaus mehr als ein Musiker-Fan-Konstellationsprinzip entstanden ist. Wo eine wirkliche persönliche und innige Nähe da ist, und es gibt auch Menschen, die heute in meinem Privatleben stattfinden. Die früher „lediglich“ vor der Bühne standen. Das ist selten, man lässt es auch selten zu, weil es sehr schwierig ist. Ein neuer Mensch, der neu in dein Leben kommt, und das meine ich völlig beziehungsfrei, sondern als wirklicher Freund, hat erst mal eine gewisse Vorstellung davon, wie man Freundschaft zelebriert und da kann ich im Regelfall auch nicht mithalten. <<

Ihr habt für die DVD „Nine In Numbers“ ausschliesslich Aufnahmen aus Magdeburg verwendet, obwohl ihr auch das Essener Konzert komplett mitgeschnitten habt. Warum finden sich von der Show keine Aufnahmen auf der DVD wieder?

>> Wir haben uns hingesetzt und alle drei Konzerte analysiert, die wir aufgenommen haben. Frankfurt haben wir akustisch aufgenommen und Essen und Magdeburg mit Bild und Ton. Wir haben alles anhand von Kriterien analysiert, die wir schriftlich niedergelegt haben. Wir haben eine Art Tabelle gemacht und haben Bild, Ton und Darbietung, quasi eine Gesamtästhetik dessen, was wir gesehen haben, beurteilt. Da war es am Ende so, dass bei fast allen Stücken unter dem Strich Magdeburg stand. Dann haben wir uns überlegt, ob es wirklich sinnvoll ist, diesen Bildfluss durch ein oder zwei Ausnahmen zu unterbrechen, indem wir dann Aufnahmen aus Essen nehmen. Am Ende sind wir dann zu dem Entschluss gekommen, dass wir das gerne komplett lassen. Man hat natürlich dann auch wieder andere akustische Voraussetzungen und ich glaube, das hätte man gehört und seltsam empfunden. Wir haben uns dann für Magdeburg entschieden und sind einfach glücklich damit. <<

Was passiert mit den Aufnahmen aus Essen? Werdet ihr diese eventuell in Form von Bonus-Material veröffentlichen?

>> Wir haben jetzt auch schon wieder zwei Jahren an dem Video- und Audiomaterial rumgearbeitet und das letzte, was mir derzeit vorschweben würde, wäre mir Gedanken darüber zu machen, was ich irgendwann mal mit den Outtakes machen würde. Für mich ist diese Welt erst mal abgeschlossen und eine DVD wird es so schnell auch nicht mehr geben. <<

Zumal von den Aufnahmen der Shows bis zur Veröffentlichung der DVD fast zwei Jahre verstrichen sind.

>> Es war ein Koloss an Arbeit, wobei wir gesagt haben, dass eine DVD dann herauskommt, wenn sie fertig ist, und nicht dann, wann ein Veröffentlichungstermin glücklich wäre. Mir wäre es lieber gewesen, wenn es ein Jahr früher gewesen wäre, aber das Resultat ein Jahr vorher hätte unseren Ansprüchen nicht stand gehalten. <<
Du hast dich in einem Interview zur DVD-Veröffentlichung dahingehend geäussert, dass du dich selbst nicht gerne auf der Bühne beobachtest, was bei der Arbeit an der DVD natürlich nun unumgänglich gewesen ist.

>> Stimmt. Ich habe bis heute Umzugskartons voll mit VHS-Kassetten von Live-Konzerten, die von Freunden, Bekannten und Fans aufgenommen wurden, von denen ich bis heute achtzig Prozent noch nicht gesehen habe. Mir ist es unangenehm. Es gibt Menschen, die hören auch nur ihre eigene Musik. Das läge mir fern. Das ist eine Sackgassenstimulation und würde mich nicht bereichern. Ich höre in der Produktionsphase fast ausschliesslich meine Musik, auch dann auf meinen privaten Anlagen, dann aber auch nur um das Stück zu ergründen und komplett erfassen zu können, um meine Kriterientabelle durchgehen zu können und auch zu den Punkt zu kommen, wo sich dann herauskristallisiert, was mir nicht gefällt und was ich noch anders machen möchte. Es gibt aber Phasen, wo ich fast ausschliesslich Fremdmusik höre. Bei der DVD war es aber so, dass für mich das Erlebnis des Sehens erst mal sehr schön war und mich auch überrascht hat. Dass ich mir auch mal ganz gerne zugesehen habe, aber es vor allem unglaublich genossen habe, meine Kollegen auf der Bühne mal detailliert in Aktion sehen zu können. Die Mimiken sehen zu können, Bewegungen sehen zu können, die harte körperliche Arbeit von DNS zum Beispiel mal sehen zu können und Gaun:A in Aktion richtig als Voyeur zelebrieren zu dürfen. Das hat mich schon sehr gefreut und das war klasse. <<

Wie siehst du solch einen Konzertmitschnitt dann? Als Fan und neutraler Beobachter, oder nimmst du das dann eher aus einer Perspektive wahr, wo du die Show bewertest du mögliche Fehler wahr nimmst, die es für zukünftige Konzerte abzustellen gilt?

>> Nein, unter Show-Gesichtspunkten nicht. Ich bin kein Typ, der sich durch stilisiert und sich sagt, dass ich showmässig hier oder da was Blödes gemacht hat oder nicht an der Position gestanden hat, wo es lichttechnisch gut ausgeleuchtet war. Das passiert einfach und ich bin kein Mensch, der eine Choreographie von seiner Bühnenshow erstellt. Das ist den Boy- und Girlbands vorbehalten. Da habe ich keine Lust drauf. Wir sind eine Band, die spontan das, was emotional in ihr vorgeht, auch auslebt. Mal etwas aggressiver, mal etwas verhaltener, das äussert sich auch am Gesang und das ist auch gut so. Es ist nur so, dass man natürlich auch eine gewisse Körperhaltung und eine gewisse Mimik oder auch Bewegungen da sieht, die man sonst normalerweise gar nicht wahr nimmt. Wenn ich mich auf der Bühne bewege, denke ich über die Bewegungen nicht nach. Es kommt voll automatisiert von innen und da sitzt man manchmal schon da und denkt sich „Ach du liebe Güte, wie sieht das denn aus“. Aber das ist authentisch, es ist echt und deswegen lasse ich das einfach natürlich dann durchgehen oder schneide gegebenenfalls ein Stückchen raus. <<

Als Bonus findet sich auf der DVD ein, wie ich finde, sehr bemerkenswertes Interview mit euch wieder, wo euch die Fans dann wirklich ungeschminkt und offen und ehrlich begutachten können und dass, wie ich finde, die etwas mystische Aura, die Diary of Dreams umgibt, entmystifiziert. Soviel ich weiss, waren die Fragen im Vorfeld nicht mit euch abgesprochen, so dass alle Antworten spontan gegeben wurden.

>> Das ist definitiv so. Die Fragen wurden komplett von Albert (Diehl, Anm. des Verf.) und Doreen (Fanclubleiterin, Anm.des Verf.) ausgearbeitet, die dann zum Teil auf Fragen basieren, die halt immer wieder mal von Fans gestellt wurden. Dieser Katalog wurde über mehrere Wochen ausgearbeitet und wir kannten nicht eine einzige Frage. Wir wurden dann ins kalte Wasser geworfen und mit diesen Fragen konfrontiert, und die Antworten hört man. Ich bin jemand, der ganz allergisch darauf reagiert, wenn er Fragen vorher zu lesen bekommt und danach beantworten soll, denn für mich ist das, einen Kreativprozess zweimal zu durchleben. Das ist ganz, ganz langweilig, uninspirierend und mir liegt das fern. Ich hatte da einfach keine Lust drauf und ich wusste, dass das Interview dann zu einem Inferno werden würde. Ich wollte einfach spontan antworten und deswegen entsteht auch ein spontanes Lachen oder eine spontane Ernsthaftigkeit, die sich einfach aus der Frage ergibt. Das ist ein Echoeffekt, und den wollte ich gerne dargestellt wissen. Ich wollte einfach mal, dass die Leute uns in die Augen gucken können und uns glauben können. Am Mund und an den Augen ablesen können, dass das, was wir sagen, was wir leben, Ernst meinen. Dass wir keine Leute sind, die irgendwie nach Schema F irgendwas in ihrem Leben durchexerzieren, weil es irgendwie eventuell erfolgreich ist, sondern dass wir das glauben, was wir sagen. Dass wir das, was wir sind, auch tatsächlich im Alltag auch sind. Wir sind keine Bast-Puppen oder irgendwelche zurecht geformten Leute die, wie ich mal paradoxerweise vorgeworfen bekommen habe, ich zusammen gecastet habe. Da kann man sich nur total drüber kaputt lachen. Wenn eine Casting-Kapelle alles macht, aber nur nicht so eine Musik wie wir. Das, was wir seit vielen, vielen Jahren in den Extreme, in der Intensität, wie wir es leben, machen, würde ein Casting-Fuzzi niemals durchleben können. Es gibt etwas, was ich als Vergeudung kostbarer Energie betrachte, und das ist für mich Fernsehen. Die gesamte Präsenz von Massenmeiden ist für mich absolute Energievergeudung. Ich habe keine Illustrierten, Zeitungen oder Monatszeitungen aus dem normal medialen Bereich, geschweige denn einen Fernseher oder ein Radio. Ich habe auch kein Radio im Auto. Ich habe auch keine Musik im Auto. Das ist bei mir ein Wechselspiel von ganz bewusstem Hören von Musik, ganz bewusstem Betrachten von Filmen, das heisst, ich habe einen Fernseher, aber kein Fernsehen. Da ist ein DVD-Player dran. Ich gucke ganz gezielt Filme und ich höre ganz gezielt Musik, ansonsten höre ich einfach nur die Stille. Für mich war diese Stille und diese freiwillige Isolation immer sehr wichtig. Das ist auch etwas, was ich im Studioganz ähnlich zelebriere. Ich verlasse manchmal wochenlang kaum das Haus, habe nur meinen Hund bei mir und gehe dann höchstens mal ein bisschen durch den Wald. <<

Wobei dieses Gefühl zur Natur in unserer Gesellschaft ja ohnehin immer weiter in den Hintergrund rückt und kaum noch gepflegt und wahr genommen wird.

>> Für mich hat sich in den letzten Jahren, explizit den letzten fünf Jahren, zunehmend herauskristallisiert, dass ich die allgemeinen gesellschaftlichen Massenveranstaltungen immer wieder gebraucht habe und ich da auch immer weniger wohl gefühlt habe. Das kann schon seit meiner Kindheit als einen roten Faden nachvollziehen. Dieser ganze Stress und diese ganzen Nervereien und diese ganzen Menschenmassen, die ich draussen wahrnehme, und das ist jetzt wahrscheinlich der Punkt, wo mich Fans dann wieder verurteilen und sagen, ich wäre ein Menschenhasser, aber man muss schon unterscheiden zwischen dem, was ich schreibe, und dem, was ich fühle und denke und dem, was ich bin. Jemand, der einen Film übe reinen Massenmörder dreht, ist deswegen noch lange kein Massenmörder. Das muss man einfach differenzieren können. Auch wenn viele Aussagen und Thesen, die ich darbiete, in ihrem Ursprung aus dem Herzen kommen, heisst das trotzdem, nicht jedes Wort für bare Münze zu nehmen. Das muss man differenzieren. Das ist wie einen Roman zu lesen, der auf wahren Begebenheiten basiert. Dennoch ist nicht jede Zeile wahr. Das ist etwas, was man ganz stark verinnerlichen muss. <<

Was man aber auch nicht mehr erlernt, denn der Erziehungsauftrag wird doch aus dem Elternhaus immer mehr in Kindergärten und Schulen verlagert, die dies einfach nicht mehr leisten können, weil ja auch dort die Klassenstärken immer grösser werden.

>> Man braucht ja nur zu sehen, dass Eltern ihren Kindern wie selbstverständlich vorleben, Musik aus dem Internet zu laden, wenn man sie haben will, ohne ganz selbstverständlich kein Geld dafür auszugeben. Es gibt Leute, die mir begegnen, die mir ins Gesicht sagen: „Ach, das machst Du beruflich? Wir haben zuhause nicht eine einzige echte CD.“ Das ist so, wie dem Autohändler ins Gesicht zu sagen, dass man ihm letzte Woche drei Autos geklaut hat. Die Wahrnehmung des Unrechts ist da nicht vorhanden und da braucht man sich natürlich nicht zu wundern, wenn das nicht vorhandene Wertedenken an die Kinder so weitergereicht wird. Das ist ja ganz selbstverständlich. Da haben wir einen Aufklärungsauftrag und dem möchte ich versuchen gerecht zu werden. <<

Ihr habt auf euer Homepage eine recht umfangreiche Download-Sketion, zum Teil mit exklusiven Mixen oder Live-Aufnahmen. Ist dies bereits ein Zugeständnis an diesen Werteverfall?

>> Nein, ich würde mich niemals einem Werteverfall anpassen. Ich würde lieber mit wehenden Fahnen untergehen als mich mit einem Verlust von Idealen anzupassen. Wir haben ein umfangreiches Download-Angebot, aber in einem Segment, das nicht normaler Audio-Bereich ist. Wir haben zum Beispiel die ganze Snippet-Sektion, die ich ganz, ganz wichtig finde, weil ein interessierter Hörer die Möglichkeit haben muss, vorzuhören. Viele Filialen und viele Einzelhändler bieten diese Möglichkeit nicht mehr und bevor irgend jemand sagt, dass er sich genötigt fühlt auf ein illegale Seite zu gehen, gestehe ich ihm dieses Recht, eine Platte vernünftig mal vorher zu hören, zu. Deswegen umfangreiche Snippets auch in schöner Länge auf der Website, damit jeder sagen kann „Ich durfte die Musik mal entdecken und für mich entscheiden, ob ich die Musik als kaufenswert oder eben nicht empfinde. <<

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang und unter Marketing-Gesichtspunkten dann eine Internetseite wie Myspace?

>> Wenn ich nachts manchmal auf Myspace gehe und sehe, dass dreihundert Millionen Menschen online sind, dann stellt sich dir Frage schon nicht mehr. Es ist essenziell und nicht mehr aus der Welt zu denken. Wenn das mal nicht mehr existiert kommt ein Pendant. Das Ding ist ein wahnsinnig wichtiges Tool um Verknüpfungen herzustellen und um Leuten die Musik nahe zu bringen und vor allem, und das hat es mit diesen legalen Download-Portalen gemeinsam, eine Möglichkeit ohne Grenzen überall auf der Welt hör- und entdeckbar zu sein. Das ist etwas, was nicht wegzudenken ist und was ich zudem extrem spannend finde, ist zu sehen, wer einem schreibt und aus was für Länder da Rückfragen kommen. Auf der anderen Seite ist es ein ganz, ganz gefährliches Portal mit vielen Fälschungen und mit vielen falschen Gesichtern. <<

Die Erstauflage von „Cholymelan“, die seinerzeit noch bei Dion Fortune erschien, ist mittlerweile ein gesuchte Rarität und wechselt bei Ebay locker schon mal für fünfzig Euro seinen Besitzer. Betrachtest du das als Wertschätzung deiner Arbeit oder als Geldschneiderei, ist die CD doch mittlerweile schon längst über Accession wiederveröffentlicht worden?

>> Irgend jemand betrachtet sie in einer Erstauflage von damals als etwas Besonders, eine Wertschätzung. Die würde ich niemals belächeln. Es ehrt mich, es freut mich bis zu einem gewissen Grad und ich selbst habe aus den USA schon Angebote bekommen, die mehrere hundert Dollar waren. Ich habe daraufhin nur geantwortet, dass ich das mit meinen Gewissen nicht vereinbaren kann. <<

Ist das vom Grundsatz her für dich nachvollziehbar? Hast du selbst eine Sammelleidenschaft?

>> Ich habe einen gewissen Sammeltick, aber bei mir gibt es da schon auch gewisse Grenzen. Es gibt gewisse CDs oder DVDs auf die ich einfach warte, bis sie da sind, wie sie mir gefallen. Optisch wie ich preislich. Gut dreissig Euro würde ich durchaus für eine CD, die ich haben möchte, ausgeben. Ich habe „Cholymelan“ aber auch schon für achtzig, neunzig Euro über den Tisch gehen sehen. <<

Wie sieht es dieses Jahr mit Festivals und Konzerten aus? Für die grossen deutschen Festivals wie das „Wave Gotik Treffen“ oder das „M’era Luna“ seid ihr bislang noch nicht bestätigt. Heisst das, dass ihr dort auch nicht auftreten werdet?

>> Es wird ein bisschen was kommen, aber das wird sehr wenig sein. Wir werden erst kurz vor Jahresende wieder sehr aktiv werden. So wie es aussieht, wird es zwei, drei Festivals in Europa geben, auf denen wir spielen werden. <<

Dem Gesetz der Serie entsprechend wäre dieses Jahr aber zumindest das „Wave Gotik Treffen“ wieder an der Reihe.

>> Ungelegte Eier werden öffentlich nicht mehr verkündet, sonst heisst es später „Aber du hast doch gesagt ...“. Ich habe nichts gesagt, darauf kann man mich auch nicht festnageln. Was sicher ist, ist die „Castle-Party“ in Polen, da spielen wir definitiv. Was bei uns auf der Website bei den Tourdates steht, sind die Termine, die sicher, offiziell und bestätigt sind. Wenn sie da nicht stehen, dann hat das seinen Grund und dann spielen wir auch erst mal nicht da. <<
Fotos: Silke Jochum
http://www.diaryofdreams.de
Michael Kuhlen


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