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MAGAZIN :: Index: 'C' :: CELTIC FROST

CELTIC FROST
…über Ehrlichkeit und Selbstachtung
1999, im Zuge der Re-Releases der Celtic Frost-Alben führte ich mein bis dato erstes und letztes CF-Interview. Mit „Monotheist“ meldet sich die um die beiden Original-Mitglieder Thomas Gabriel Warrior und Martin Eric Ain reformierte Band nach 16 Jahren zurück. Grund genug, einen der Promo-Termine im Century Media-Office wahrzunehmen. Besonders schön, das ich mit Tom meinen damaligen Gesprächspartner zugeteilt bekam und so auf einige Fragen aus 1999 Bezug nehmen konnte.
Tom, was für ein Gefühl ist es, nach 16 Jahren Abstinenz - die 92er Raritäten-Scheibe „Parched With Thirst I Am And Dying“ zähle ich hier mal nicht mit - mit einem neuen Frost-Album zurück zu sein?
>> Es ist ein gutes Gefühl! Was soll ich sagen? Es ist ja nicht so, dass es überraschend gekommen wäre und ich gestern plötzlich wieder da gewesen wäre. Martin und ich haben ja bereits 2000 darüber gesprochen und haben 2001 mit den Arbeiten dazu begonnen. Also blieb viel Zeit, uns daran zu gewöhnen. Und es geht jetzt ja nur darum, es öffentlich zu machen und daran bin ich gewöhnt. Ich habe ja das Buch gemacht und Appollyon Sun und die CF-Reissues, also ist das eigentlich okay. Und wir waren jetzt so intensiv vier Jahre involviert in dieses Album, dass das ganze Drumherum schon fast alltäglich ist. <<

Ihr habt mit „Monotheist“ nicht nur neues Material vorgelegt, sondern werdet auch weltweit live unterwegs sein und diverse Mega-Events wie Wacken, With Full Force, Sweden Rock etc. spielen bzw. headlinen.
>> (Lacht und unterbricht kurz.) Ja, die wollten das ja nicht anders. <<

Ja eben. Habt ihr da nach dieser langen Auszeit nicht etwas Angst vor zu vielen Vorschusslorbeeren und möglicherweise zu hochgesteckten Erwartungen von Publikum und Presse?
>> Also mich persönlich kümmert das überhaupt nicht. Und ich hab da auch keine Angst mehr. Ich bin da auch sehr realistisch. Celtic Frost ist eine sehr einfache, sehr primitive Band. Und wenn da jetzt jemand `ne Kiss-Show erwartet, dass wir einen Zirkus auf die Bühne bringen, dann ist das einfach eine falsche Erwartungshaltung. Das ist nicht so und das wird auch nie so sein. Wir haben ein sehr intimes Stagesetting, fast proberaummäßig und das ist auch in voller Absicht so. Wir wollen uns nicht so machomäßig präsentieren, so als Rockstars auf der Bühne. Bei uns geht es um die Kreation einer Emotion, eines Feelings. Ob das auch in Wacken so funktioniert, vor 40.000 besoffenen Fans, das weiß ich nicht. Das werden wir dann sehen, aber ich hoffe diese Festivals haben sich genau überlegt was sie machen. Wir sind Celtic Frost. Wir sind sehr einfach, wir sind sehr simpel. Aber Angst, nein, dafür habe ich schon zu oft auf der Bühne gestanden. Um ehrlich zu sein, denke ich fast nie weiter als zwei Tage in die Zukunft. Das war schon früher so bei mir. Und letztendlich ändert sich sowieso immer alles. Es genügt, wenn ich mich mit dem Gedanken beschäftige, wenn ich dann auch die Bühne gehe und dann realisiere: „Oh, ich kann die Riffs gar nicht.“… <<

Schon mal passiert?
>> Ja klar, ich bin ein absoluter Airhead. Ich hab extreme Mühe Texte zu lernen usw. Das war schon in der Schule so. Ich leide unter diesem ADS-Syndrom, das heißt, ich habe eine Lernschwäche. Das ist etwas was mich mein Leben lang begleitet und das es für mich auch sehr schwer macht Texte zu lernen. Aber ich kann´s ja dann live von `nem Monitor ablesen, haha… <<

1999 – im Zuge der Interviews zu den Noise-Re-Releases eurer alten CF-Alben – hast du mir gesagt, wenn du ein neues CF-Album schreiben wirst, dann muss es grundsätzlich schon ziemlich hart und dunkel sein? Eigener Wunsch bzw. Erwartung mit „Monotheist“ erfüllt?
>> Ich nehme an du hast sie gehört? <<

Klar, und meine Meinung dazu kenne ich auch. Würd´s aber gerne von dir hören.
>> Ja, logisch. Ich glaube, das war sehr weißsagerisch von mir. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es uns so geht. Das das Album einfach einen Gemütszustand dokumentiert, in dem sich die Hauptsongschreiber befinden oder befunden haben. Das ist nichts aufgesetztes, sondern etwas worin ich mich aufgrund meines Lebens, meiner Jugend wohl fühle. Diese Dunkelheit und dieses, ja, fast schon Depressive. Ich sage das jetzt nicht, um irgendwie Mitleid zu erregen, das ist einfach ein Faktum. Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und habe mich damit beschäftigt. Ich weiß das und ich muss es nicht verleugnen. Celtic Frost tönt ja so und das ist auch okay so. Wenn ich versuche ein Happy-Album zu machen, dann kommt das total scheiße raus, was ja auch jeder weiß. (Er spielt natürlich auf „Cold Lake“ an. – der Verf.) Das ist jetzt mein zehntes Album. Eines davon ist happy und die anderen sind dunkel und die Dunklen sind viel besser. <<

Mir gefällt das Album auch sehr gut. Es ist kein Überhammer…
>> (Tom unterbricht) …siehst du, das ist es für mich aber. <<

…aber es wächst auch. Dass Hören der Promo-Version ist nur eine Qual. Nicht wegen eurer Musik, sondern wegen des permanenten Piepsens, das verhindern soll vorab hörbare Kopien in Umlauf zu bringen. Aber mein CF-Highlight ist halt auf ewig „Into The Pandemonium“.
>> Es ist für mich relativ nah bei „Into The Pandemonium“. Was der große Unterschied ist…(überlegt kurz)…wir waren nie 100% zufrieden mit „Pandemonium“, weil die ganzen Experimente da zum großen Teil aufgesetzt klingen. Die klingen zwar alle geil und wir sind auch noch immer stolz den Mut gehabt zu haben die überhaupt zu machen, aber zum Teil klingen die gar nicht wie Celtic Frost, sondern fast wie angeklebt an unseren Sound. Zum Beispiel der Elektronik-Song. Auf dem neuen Album hat es ja auch sehr viele fremde Ideen, fremde Einflüsse, die wir integriert haben, aber die tönen alle nach Celtic Frost und das ist der große Unterschied für mich zischen diesen beiden Outputs. Damals waren wir wahrscheinlich, was Erfahrung und Technik angeht, noch nicht so weit. Auch die Studiotechnik war noch nicht so ausgereift und so ist es natürlich 20 Jahre später viel einfacher so etwas zu realisieren. <<
Schon in 1999 gab es erste zaghafte Überlegungen zu einer CF-Reunion. Laut neuester Biographie sollst du dich – zusammen mit Martin (Eric Ain) – konkret ab 2001 zusammengesetzt und neues Material erarbeitet haben. Warum hat es trotzdem bis Mitte 2006 gedauert, bis das Ergebnis nun in Form von „Monotheist“ veröffentlicht wird?
>> Weil es nicht so eine geldgeile Reunion war. Es war weder auf Geld basierend, wo ein Label oder ein Konzertpromoter uns quasi Geld hingelegt hat und erwartet hat, dass ein Ergebnis dann oder dann vorliegt. Angebote dafür hätte es wohl genügend gegeben. Die ganzen 90er Jahre hindurch wurden uns immer größere, immer absurdere Summen vorgeschlagen um die Band nur für ein Konzert zu reanimieren und das schien uns einfach viel zu schal um die Band aus dem Sarg zu holen. Viel zu peinlich! Und genauso wenig war es eine Reunion um gute alte Zeiten aufleben zu lassen oder irgendwelche Riffs, die wir mal geschrieben hatten, wieder aufzuwärmen. Es ist eine Reunion, die ist entstanden aus dem Wunsch von Martin und mir, gewisse Musik, die wir in uns getragen haben, zu schreiben und aufzunehmen. Und wir haben eben kein Geld angenommen von einer dritten Partei, sondern wir haben es selbst finanziert, eine eigene Plattenfirma gegründet. Sozusagen selbst finanziert, selbst produziert, selbst kontrolliert. Artwork, Studio usw. und konnten uns dann auch erlauben, so lange daran zu arbeiten bis wir das Gefühl hatten, jawoll, das ist in echtes CF-Album und nicht nur eine Improvisation oder ein peinliches, halbgares Comeback, sondern das Ganze entsprechend reifen zu lassen. In unserem Alter sind wir eben nicht mehr beherrscht von irgendwelchen jugendlichen Adrenalin-Hormonen und Selbstbestätigungsdrang. Das haben wir alles hinter uns mit 42 bzw. Martin mit 38 und können uns auch zurücklehnen und sagen, dass das Material noch reifen muss und wir ja auch Zeit haben. Es muss nicht mehr alles heute geschehen. Und ob es jetzt 10 Jahre dauert oder vier oder nur eines, ist egal. Das Endprodukt muss doch stimmen, oder? Und das Album musste auch eine gewisse Emotion in sich tragen und bevor die nicht da war, wollten wir das nicht freigeben. <<

Mit Franco Sesa habt ihr einen neuen Drummer und ihr habt „Monotheist“ als Trio eingespielt.
>> Das ist nicht ganz korrekt. „Monotheist“ wurde als Quartett eingespielt, da bis November 2005 noch der ehemalige Apollyon Sun-Gitarrist dabei war. <<

Okay. 1999 sagtest du mir, dass ein neuer CF-Output definitiv als 4-Piece eingespielt werden würde. Damals war allerdings von einem anderen Personenkreis die Rede. Über Reed (St. Mark) hast du gesagt, dass ihr fast wie Brüder wäret und ihr auf jeden Fall mal etwas zusammen machen wollt. Und Ron Marks aber auch Curt Victor Bryant sollten – zumindest mit einem Gastspiel – auf einem neuen CF-Release vertreten sein. Was machen eure damaligen Weggefährten und warum kam es zu keiner Kooperation?
>> Sämtliche genannten Personen waren auch im Gespräch. Der absolut wichtigste war natürlich Reed, der tatsächlich so etwas wie ein Bruder für mich war und der auch einfach zum klassischen Celtic Frost-Line up gehört. Ich bin damals auch mehrmals nach New York geflogen und habe das mit ihm besprochen. Er wollte auch teilnehmen, es gab dann aber zwei Dinge die geschehen sind bzw. die ich dort vorfand, die das verhindert haben. Zum einen – und ich bin jetzt relativ drastisch ehrlich – war das Erste wonach Reed gefragt hat Geld. Und uns ging es eben nicht um Geld. Wir haben die Plattenfirma ja gerade eben gegründet um die Dinge selbst zu finanzieren und Martin und ich sind eben nicht reiche Rockstars und haben buchstäblich Tag und Nacht gearbeitet um dieses verdammte Album zu finanzieren. Es hat uns ein Vermögen gekostet vier Jahre lang aufzunehmen. Und wir kommen dahin und dieser Reed fragt gleich als erstes nach Geld und immer wieder nach Geld und das ist uns ziemlich schräg angefahren um ganz ehrlich zu sein. Ich meine, wir hatten uns eigentlich gewünscht, dass er was beiträgt und nicht etwas verlangt. Genau so wie wir – im Sinne des Albums – was reingegeben haben bevor man hohle Hand macht. Und das Zweite war: Ich habe da einen Schlagzeuger vorgefunden, der einfach ein radikales Alkohol-Poblem hatte. Und ich glaube nicht, dass der fähig gewesen wäre mit uns vier Jahre lang aufzunehmen. Das weiß der Reed selber auch. Das sieht heute ganz anders aus. Ich bin nach wie vor mit Reed befreundet und es gab auch nie eine Feindschaft. Ich habe das letzte Mal mit Reed vor zwei Wochen gesprochen. Er ist jetzt clean, er ist durch Entzugskuren gegangen. Zwangsweise, man hat ihn zwangseingeliefert. Er tönt fantastisch, er tönt wie früher jetzt, aber für uns ist das jetzt leider vier Jahre zu spät. Und in Franco haben wir einen Schlagzeuger gefunden, bei dem es am Anfang nicht ganz einfach war ihn zu integrieren, da Martin und ich auch immer nur an Reed denken konnten. Es war natürlich auch eine unheimliche Vergleichslatte da. Schlussendlich hat sich aber herausgestellt, dass der Franco aber viel mehr ein Bandmitglied ist als Reed. Reed hatte sich damals in den 80er Jahren immer geweigert, den Plattenvertrag zu unterschreiben. Hat uns quasi mit dem Risiko immer allein hängen lassen. Franco hat sofort gesagt: „Jawoll, ich bin dabei.“ Hat auch investiert, hat auch Songs mit uns geschrieben, hat sich an allem beteiligt. Eben wie ein Bandmitglied. Und Francos Energie ist so radikal, das es wirklich Punkte gab, wo Franco der Schlüssel war, das das Album überhaupt fertig gestellt wurde. Das ist nicht übertrieben. Es gab Momente, wo Martin und ich extreme Konflikte hatten und Franco der Schlüssel war diese zu lösen. Ich weiß nicht, wie Reed sich da verhalten hätte. Wenn er da auch so gesoffen hätte…sehr produktiv wäre das sicherlich nicht gewesen. Und so hat sich etwas, was uns zunächst als radikales Problem erschienen war und was auch ein Schock war – nämlich den Reed so zu erleben – in etwas verwandelt, was letztendlich der Band zugute gekommen ist. <<

Meine nächste Frage hast du im Grunde genommen damit schon vorweg genommen. Du hattest ebenfalls seinerzeit prophezeit, dass eine Zusammenarbeit ehemaliger CF-Mitglieder wahrscheinlich nie einfach und oft streitbar sein würde.
>> Das ist auch so. So ein Album wie es nun mit „Monotheist“ vorliegt, kannst du nicht mit Friede, Freude, Eierkuchen aus dem Ärmel schütteln. Die Musik ist dunkel und voller Konflikte. Nicht aufgesetzt dunkel oder erfunden dunkel, sondern etwas, das wirklich aus Problemen und Konfliktsituation entstanden ist. Und wir sind ja auch Personen, die alle auf irgendeine Art eine abgefuckte Jugend hatten. Und auch wenn wir mittlerweile erwachsen sind und mit unserer Jugend nichts entschuldigen wollen, so sind dieses doch Dinge, die du in irgendeiner Art mit und in dir trägst und nicht los wirst, auch wenn du eine denkende, erwachsene Person bist. Schon allein diese Dinge führen immer wieder zu Konflikten. So nimmt halt jeder Vorkommnisse ganz anders auf. Es gab im Verlaufe dieser vier Jahre eine ganze Menge von schweren Konflikten. Das Erstaunliche ist, dass es sich schlussendlich immer kreativ gelöst hat und in die Songs eingeflossen ist und diese noch radikaler gemacht hat. Und das gefällt mir eigentlich. <<

Es sind dann aber auch keine Konflikte gewesen, die zu irgendeinem Zeitpunkt die Fertigstellung der Scheibe oder den Bestand der Band gefährdet hätten?
>> Doch. Es gab einen Vorfall zwischen Martin und mir nach gut anderthalb Jahren, wo es soweit war, wo ich gesagt habe, wenn wir jetzt beide weiterhin so stur sind, dies das Ende bedeuten würde. Erst im letzten Moment sind dann, nicht zuletzt durch Francos Intervention, alle aufgewacht. Das wäre auch sehr schade gewesen, denn wir haben da etwas wirklich Gutes erarbeitet und die Aufgabe dessen wäre eine echte Katastrophe gewesen. Offensichtlich sind wir genauso fehlerhafte Menschen, wie die, die wir beschrieben. (lacht) <<
Deine Ansichten zum Black Metal waren nie sehr positiv, das ist bekannt. Trotzdem habt ihr mit eurer Musik im Laufe der Jahre Heerscharen im Extreme Metal-Lager beeinflusst. Seien es nun Bands, die später ebenfalls in die experimentelle oder progressive Ecke tendierten (wie Opeth, Enslaved) als auch Straight Forward-Knüppel-Truppen wie beispielsweise Immortal. Nun habt ihr euch mit Peter Tägtren (u.a. Hypocrisy, Dimmu Borgir, Immortal) für einen Produzenten entschieden, der eben diesem musikalischen Spektrum entstammt. Warum?
>> Nicht nur das. Wir sind ja mittlerweile auch sehr gut befreundet mit einigen Black Metal-Bands. Und der Peter ist ja eigentlich nur am Rande Black Metal. In den Neunziger Jahren wurde ich sehr oft angesprochen auf diese Thematik. Angestoßen durch diese ganzen Vorfälle, die sich in Skandinavien abgespielt haben. Das ist auch der Grund dafür, warum ich so riesige Probleme hatte mit diesen Assoziationen. Ich glaube nicht, dass Martin und ich jemals im Sinn hatten durch Hellhammer irgendwelche Morde zu inspirieren. Oder zur Gewalt gegen Brüder – quasi aus der eigenen Szene – anzustacheln, um diese auf primitivste Art und Weise abzustechen. Und doch wurde Hellhammer damals sehr oft in diesem Kontext erwähnt, als einer der Einflüsse auf diese Leute die das getan haben. Und ja, das hat mir unheimliche Mühe gemacht. Mir auch verunmöglicht Hellhammer realistisch oder auch nur neutral anzuschauen. Hellhammer ist ein Riesenteil von meinem Leben, ist die Basis von allem was ich gemacht habe. Und die Erfahrung Hellhammer hat später Celtic Frost geprägt. Es war eine ziemliche Scheiß-Situation auf der einen Seite meine ganze Karriere darauf aufgebaut zu haben, auf der anderen Seite sich fast schämen zu müssen, das gewisse Leute uns als Einfluss angegeben haben und dann losgegangen sind und solche Dinge getan haben. Mittlerweile ist es für Martin und mich möglich, das alles ein bisschen differenzierter zu betrachten. Diese Dinge liegen jetzt 10 und mehr Jahre in der Vergangenheit und die Black Metal-Szene hat sich ja auch emanzipiert in Skandinavien. Wenn ich heute Bands wie Gorgoroth oder Satyricon usw. höre, deren erstes Ziel es nicht ist, sich gegenseitig abzuschlachten, sondern Black Metal auf ein weiteres Level zu hieven und auch mit Symphonie Orchestern oder Synthezisern etc. arbeiten und nicht einfach von Track 1 bis 10 durchknüppeln, sondern differenzierte Songs machen, mal schnell mal langsam, Klangbilder – ähnlich wie Celtic Frost – kreieren, dann hab ich es jetzt mit einer ganz anderen Black Metal-Szene zu tun. Und erkenne jetzt auch das Gute im Einfluss von Hellhammer und kann auch sagen: „Jawoll, ich bin auch stolz auf diesen Einfluss“. Ich muss mich nicht verstecken, wenn jemand sagt: „Der war doch in Hellhammer“. Es hat durchaus auch gute Seiten, es hatte irgendwie seine Berechtigung. Und das war zu der damaligen Zeit halt absolut nicht so. Da musste man sich halt schämen, wenn jemand von außerhalb der Musikszene sagte: „Hey, du bist doch der von Hellhammer. Du stehst doch mit diesen ganzen Morden in Verbindung. Das war halt totale Scheiße. Und Peter war halt für uns attraktiv, weil er ein sehr guter Produzent ist, sich auskennt mit diesen ganzen Po-Tools, der Computer-Technik im Studio. Und wir waren eigentlich immer eine Band die dieser modernen Studiotechnik gegenüber sehr aufgeschlossen war. Schon allein wegen der ganzen Dinge, die wir im Studio immer gemacht haben. Und da wir auch diesmal nicht darauf verzichten wollten, haben wir Peter eben gefragt, ob er das machen würde. Vorteil dabei war auch, dass Peter ein lebenslanger Celtic Frost- und Hellhammer-Fan ist und von daher genau wusste, wie die Band klingen muss und gleichzeitig all diese Kenntnisse mitbrachte. Es war also eine super Kombination. <<

Celtic Frost standen fast durchgehend für Innovation, Revolution, Provokation. Fandest du/ihr es, in der heutigen Szene, wo sich Metal, Hardcore, Gothic, Wave, Rap und was-weiß-ich vermischen, nicht schwerer etwas neues, etwas Experimentelles bzw. etwas Revolutionäres zu schaffen?
>> Ja, das war sie früher aber auch. Es gab nur etwas weniger Stilrichtungen. Früher war es genauso ein Schachteldenken. Und man gehörte in diese oder jene Schachtel, sonst bist du Scheiße. Es gibt heutzutage nur noch viel mehr Unterschachteln. <<

Ja, aber mit verschiedenen Einflüssen halt. Früher hat jemand `ne Violine mit ins Spiel gebracht und da war es eine Sensation.
>> Klar, die ganzen Dinge die wir damals gemacht haben sind heute auf jeder Platte zu hören. Deshalb ist es sicherlich heute viel schwieriger etwas Neues zu bringen. Auf der anderen Seite haben wir „Monotheist“ nicht am Reißbrett entworfen und gesagt, die muss auf Knall und Fall revolutionär sein. Es ging uns zunächst einmal darum ein Celtic Frost-Album zu machen, das für uns auch nach CF klingt. Was dann da drauf ist…ich meine, wir haben zu viele Songs aufgenommen. Effektiv haben wir Material für drei Alben aufgenommen und Haufen von Tracks wieder rausgeschmissen. Es war halt nicht so designed, dass es revolutionär sein muss. Ich denke, „Monotheist“ ist eine echte und ehrliche Celtic Frost-Platte, ob sie nun revolutionär ist oder nicht. Jetzt so aus den Interviews zu schließen ist sie doch sehr kontrovers und es gibt 100.000 verschiedene Meinungen, die sich teilweise sehr gegenüber stehen. Es gibt nach wie vor genügend Diskussionsstoff, wenn wir eine Platte machen, obwohl ich selbst sie auch nicht sehr revolutionär finde. Die Leute steigern sich heute in was-weiß-ich-nicht hinein und jeder hat seine Vorstellungen. Irgendwie hat das schon eine Eigendynamik angenommen. Ist es Celtic Frost, dann muss man gleich drüber diskutieren. Ich weiß nicht, ob das wirklich vonnöten ist. <<

Würde mich jetzt mal so interessieren, wenn du sagst kontroverse Ansichten: Ist da ein Generationenunterschied festzustellen? Wir beide stammen so aus einer Generation, aber viele Kollegen dürften wohl so in ihren Zwanzigern sein.
>> Ich weiß nicht, wie es Martin widerfahren ist, aber bei mir war es so, das die jungen Journalisten, von denen ich weiß, die waren damals definitiv nicht in der Szene, das die viel offener sind. Ich weiß nicht, aber das rührt vielleicht davon, dass die immer die ganzen Bands von uns reden gehört haben. Es sind die älteren Journalisten, die sich ein CF-Album als Lieblingsalbum ausgewählt haben oder irgendein Schlüsselerlebnis hatten und dann vergleichen. Und da sind viel höhere Erwartungen da als bei den Jüngeren. Wobei man im Vorhinein vielleicht gedacht haben könnte, dass die Jungen gar keinen Bezug zu uns haben und uns als Fossil oder so sehen. Aber zunächst einmal scheint das anders zu sein. Wie das dann auf Tour ist, weiß ich nicht. <<

Das ist interessant. Okay, ich hab leider keine Texte zu „Monotheist“ vorliegen. Könntest du einmal versuchen, das textliche Konzept von „Monotheist“ in wenigen knappen Sätzen zu erläutern?
>> Nein. (lacht). Für mich gliedern sich die Texte eigentlich in zwei Bereiche. Der eine Teil ist sehr persönlich, fast intim. So persönlich wie es bislang noch nie auf einem CF-Album war. Der zweite Bereich ist dagegen eigentlich eher Celtic Frost-typisch. Die Beobachtung dieser verzweifelten Menschheit, die sich unbedingt einen Gott oder einen Führer kreieren muss und sich hinter diesem scharen und hoffen, dass dieser Führer dem Wunder von Leben und unabänderlichem Tod einen Sinn gibt. Das man nicht nur so dahin lebt und denkt, man sei nur ein Staubkorn im Universum. Seit wir aus den Höhlen gekrochen sind haben wir diese manische Angst und hoffen in unseren Köpfen auf den einen Gott, der alles verspricht. Das ist eine richtige Sucht für die Menschen und geht seit tausenden von Jahren schon so. Das ist etwas was uns schon während der ganzen Existenz von Celtic Frost fasziniert hat. Diese Ameisen-Mentalität, diese verzweifelte Frage „Man kann doch nicht einfach so sterben?“. <<
Wo stehst du selbst da? Bist du gläubig?
>> Nein, überhaupt nicht. Ich glaube an überhaupt nichts. Und dann sagen immer alle „Ach so, dann bist du Atheist oder Agnostiker!“ Nein, das bin ich eben auch nicht. Ich bin eben nicht Teil von irgendwas. Ich muss mich auch nicht bezeichnen, um mich zu definieren. Es kotzt mich an, dass jeder dich irgendwie benennen und in eine Schublade stecken will. (ereifert sich) Ich bin einfach ein Mensch. Ist denn das nicht genug? Kann ich nicht einfach leben und nachdenken? Muss ich denn… – das ist doch wieder dieses blöde Schubladendenken – ich muss Death Metal sein, ich muss Agnostiker sein. Der Tom ist also diese Person und wenn der Tom sagt „Ne, ich find Heavy Metal einfach gut – und CF verbindet verschiedene Stilrichtungen – und ich lebe einfach“ dann kommt „Ja aber an was glaubt der denn? Und warum spielt er nicht Black Metal?“ Dies ist ein Riesen-Universum und es gibt so viele interessante Dinge. Muss man sich da selbst reinzwängen in diese Handschellen? Nur weil die Menschen dann verloren sind? Das ist doch wieder dasselbe Symptom. Jemand muss den Menschen sagen, das ist alles so oder so und ihr müsst keine Angst haben. Wir behaupten von uns, wir seien die intelligenteste Rasse auf diesem Planeten und dann kommen diese Kindereien und diese Unsicherheiten. Ich frag mich einfach, warum ist das so? Ich hatte noch nie das Bedürfnis mich definieren zu müssen und dann zu sagen „Ich bin jetzt nur das oder nur das.“ Und nur dann bin ich glücklich oder nur dann gehöre ich dazu. Die Welt ist voller Wunder und es gibt so viel zu entdecken. Und da gibt es für mich auch nicht nur eine Stilrichtung. So viel geilen Heavy Metal. Ich will mich nicht festlegen, das ist doch Bullshit. Es eröffnet doch neue Dinge, wenn man so viel wie möglich liest und spielt und ausprobiert. Warum soll ich all diese Wunder verpassen? Und ich glaube eben nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich habe kein Problem damit, dass ich nach dem Tod verwese. Ist doch genau so ein Wunder. Ebenso wie der Himmel. Alles ist ein Wunder. Wenn man weiß, wie das Universum entstanden ist (Hier muss ich Tom widersprechen – wenn man GLAUBT zu wissen, wie es entstanden ist! – Anm. des Verf.) und wie riesig das ist, dann ist das ein Wunder, da brauch ich keinen Gott. Aber wenn du glaubst, du lebst nur jetzt, dann möchtest du natürlich auch jetzt alles erfahren und nicht erst in einem späteren Paradies, wo dann entweder der liebe Gott für mich Harfe spielt oder mir Jungfrauen bringt oder wie auch immer die verschiedenen Paradiese je nach Glaubensrichtung aussehen. Nein, ich möchte es jetzt erfahren. Ich bin jetzt hier, ne!?! Ich habe jetzt Augen, jetzt ein Hirn. <<

Welche Rolle spielt Provokation auf „Monotheist“? Ich denke da z.B. an Textfragmente wie „Denn mein ist das Leid und die Wut“ in „Synagoga Satanae“, die nicht von ungefähr an das „Vater Unser“ erinnern.
>> Ja, das ist eben umgekehrt. Die Provokation, die wurde uns entgegen gebracht. Wir provozieren nicht aus Image, weil wir provozieren wollen um coole Heavy Metal-Macker zu sein. Bei Martin ist das ja so, dass er in seiner Jugend in dieses erzkatholische Korsett gezwängt wurde von fast besessen religiösen Eltern. Und sich als kleines Kind versuchte aufzulehnen und das nicht konnte, weil er diese Macht nicht hatte und dann Ministrant wurde und das „Vater Unser“ eigentlich ein Symbol war für eine komplett frustrierte, verzwungene Jugend, die ihn auch heute noch prägt. Wenn du Martin kennst, dann siehst du, das sein ganzes Leben durchzogen ist mit diesem religiösen Wahn, den er mit sich trägt und seinen Auseinandersetzungen damit. Deshalb studiert er ja diese ganzen okkulten Dinge und hat die in die Band gebracht. Und was dieses „Vater Unser“ angeht, so hat er mir gesagt, dass es so was wie ein blasphemische Rache an seinen Eltern ist und an dieser Kirchenstruktur, die ihn vereinnahmt hat ohne ihn zu fragen. Ihm das aufgezwungen hat und ihn vor diesen sterbenden Christus gestellt hat, der mit Nägeln in den blutenden Gliedmaßen dort hängt und zu dem er aufschauen musste. Er hat von oben herab zu diesem sechsjährigen Kind geschaut, welches nur dachte: „Was ist das? Das ist ja furchtbar!“ Und dann musste er auch noch jeden Tag dahin gehen, ihn anschauen und zu ihm beten. Das ist der Grund für diese Blasphemie. Der Grund dafür kommt von den anderen Leuten. Das ist ne späte Abrechnung, ganz klar! Hellhammer waren so etwas wie ein Befreiungsschlag. Wir galten als Black Metal und du weißt ja wie wir ausgesehen haben. Mit Face-Painting und so und seine Eltern stockkatholisch, die sind fast gestorben. Martin konnte sich nicht normal lösen wie jeder andere Jugendliche, der musste sich genauso radikal zu lösen wie seine Eltern versuchten ihn zu vereinnahmen. Was folgte, war der Radikalschritt vom katholischen Teenager zum Black Metal-Musiker. Und das in der damaligen Zeit, als es keine extreme Metal-Szene gab und in einem Trio, das zum härtesten der Welt gehörte. In einer Musikrichtung, die man gar nicht gekannt hatte (Nun ja, Venom hatten zu diese Zeitpunkt schon existiert, oder? – Anm.) Bei mir war es ja nicht viel anders, nur auf einem anderen Level. Diese Erfahrungen ziehen sich natürlich bis heute in den Texten hin. Texte von Martin gehen alle in diese Richtung. Nicht zuletzt deshalb die Listening-Session in der Kirche in Berlin, wo Martin quasi als Priester das komplette Album vorstellt. Seine Eltern würden die Wände hochgehen, wenn sie das wüssten. <<

Ihr habt „Monotheist“ komplett selbst vorfinanziert, um euch – nach euren desaströsen Erfahrungen mit Noise / Modern Music – sämtliche Entscheidungsfreiheiten vorzubehalten. Was hat nach Fertigstellung den Ausschlag für Century Media gegeben?
>> Wir wollten nicht einfach eine Position in der Geschäftsbilanz sein. Wir haben das Selbstverständnis, das wir auch ein gewisses persönliches Interesse in unserer Musik spüren wollen. Das war der Fall bei zwei von diesen ganzen Labels, die uns die Angebote gemacht haben. Eines davon war Century Media und der Vorteil bei denen war, dass die einen viel größeren und total professionellen Vertriebsapparat haben, sowie eine viel bessere Promotionsabteilung als die andere Firma. <<

Magst du sagen, wer die andere Firma ist?
>> Nein, lieber nicht. Das ist ein sehr guter Freund von mir und er war eh schon sehr enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Schlussendlich ragten aber beide Companies aus einer riesigen Gruppe von Firmen heraus, wo wir eben nicht das Gefühl hatten, es gehe nur um die schnelle Kohle mit CF aus der Publicity heraus, sondern das da eben auch ein gewisses Verständnis für uns und unsere Musik besteht. <<

Welche Erwartungen habt ihr selbst an „Monotheist“? Wie wird es weitergehen? Wird es weitergehen?
>> Also ich habe gar keine Erwartungen. Die Erwartungen, die ich habe, die habe ich schon erfüllt. Ich habe dieses Album gemacht und ich hatte eine genaue Vorstellung wie die Sachen zu klingen haben. Genau so wie Martin und ich das dachten ist es jetzt eben auch geworden. Ich bin sehr stolz und sehr glücklich mit dem Album. Somit sind die Erwartungen für mich erfüllt. Was jetzt kommt – und das sage ich nicht, um irgendwelche schlechten Kritiken abzuwehren – ist mir eigentlich egal. Nach etwas wie „Cold Lake“ war es für mich viel wichtiger ein Album machen zu können, hinter dem ich bedingungslos stehen kann. Und das war schon beim Apollyon Sun-Album so. Das ist auch ein Album, hinter dem ich wahrscheinlich bis zu meinem Lebensende stehen kann. Und das ist bei „Monotheist“ auch so. Das steht für mich über allem. Ich bin der Musiker, mein Bild ist auf der Platte, mein Name, ich habe diese Songs geschrieben. Was andere Leute darüber denken, das ist Geschmackssache, aber für mich ist es wichtig, dass ich etwas kreiert habe, was ich vertreten kann. Was jetzt weiter ansteht…wir werden auf Tour gehen. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren. Ich hoffe schon, dass es weitere Celtic Frost-Alben geben wird. Wenn das Publikum das gut findet und es uns erlaubt, dann würde ich sehr gerne weiter machen. Das ist für mich der einzige Punkt, wo das Publikum entscheidend ist, was meine kreative Arbeit betrifft. Wenn es dem Publikum nicht gefallen sollte, dann kann ich natürlich auch kein weiteres Album finanzieren. Martin und ich arbeiten bereits am Material für ein neues Album. Das wäre natürlich super, wenn wir das auch machen könnten. <<
http://www.celticfrost.com
Stephan Becker


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