Obliveon - Metal und Gothic Webzine
 :: Suchen 

 :: Obliveon.de
· Home
· MySpace
· Links

  Info...
· FAQ
· Kontakt
· Impressum
 

 :: Magazin
· GESAMT
· News
· Interviews
· Konzert/Festivals
· Specials
· Foto Galerie

 :: Reviews
· GESAMT
· CD Reviews
· CD Import
· Eigenpressungen
· White Metal
· DVD/Video
· Bücher/Magazine

MAGAZIN :: Index: 'B' :: BLIND PASSENG ....

BLIND PASSENGERS
ALLE PASSAGIERE VON BORD
Eine Ära ist zu Ende. Die „Blind Passengers“ gibt es nicht mehr. Die Reise ist zu vorbei. Ziemlich lange ging das Sterben nach dem letzten Album „Neosapiens“. Aus der anschließenden Schaffenspause ging es über in den Entschluss, die „Blinden Passagiere“ endlich ankommen zu lassen. Und das haben sie nun getan. Der Hafen ist erreicht. Die beiden Bandgründer Rayner Schirner und Nik Page haben entschieden eigene Wege zu gehen. Rayner Schirner als Produzent und Nik Page, bastelnd an der bisher sehr erfolgreichen Solokarriere als Musiker und Labelchef bei Wannsee. Aber um dem ganzen Schaffen einen würdigen Abschluss zu setzen, traf man sich noch mal, um mit „Time Machine“ den Fans Material zu geben, damit die Tränen trocknen und der Abschied süß verzuckert wird. Nik Page nahm sich viel Zeit und berichtete vom Werden und Ende einer der innovativsten Bands, die der Synthie-Pop-Rock je hervorbrachte…
Ja, Ihr habt letztens ja hier in der Gegend auf dem Castle-Rock gespielt, wie war’s in Mühlheim?

Schön war´s gewesen. Erst hatte Petrus wohl etwas gegen uns. Am Anfang hat’s ja ganz schön geschüttet, aber zum Ende hin war es dann stabil und beim Auftritt hat´s auch nur bei drei Songs geregnet. Aber das Publikum war ja ganz gut ausgerüstet mit Regenschirmen und ich hatte nicht den Eindruck, als ob das Wetter die Stimmung beeinträchtigt hat. Schloss Broich ist ein sehr schönes Gelände und es hat sehr viel Spaß gemacht. Auch ein großes Kompliment an die Veranstalter! Die haben da echt eine superprofessionelle Organisation und eine sehr fitte Technikfirma. War echt alles vom Feinsten, da können wir uns nicht beklagen. War klasse und schönen Gruß an den Veranstalter Michael Bohnes.

Ein Bekannter von mir war auf Eurem Konzert gewesen und sagte mir, der Nik Page, der hat doch irgendwas von Billy Idol, so wie er sich auf der Bühne darstellt…

Total seltsam. Da habe ich vorhin gerade mit jemandem gesprochen: Bevor Billy Idol sein Comeback hatte hat mich in Deutschland nicht einmal – die ganzen Jahre über – jemand darauf angesprochen. Obwohl ich meine Show, Frisur, mein Posing überhaupt nicht verändert habe. Das einzige Mal wo ich da mal darauf angesprochen wurde, war in Holland. Da hieß es dann auf einmal: The German Billy Idol on Stage, als Kompliment gemeint. Und seitdem Idol sein Comeback hatte, was mich persönlich ja sehr freut das so eine Ikone wieder am Start ist – seitdem habe ich das jetzt schon das dritte Mal gehört. Ich finde es komisch, dass es erst eines Comebacks von Billy Idol bedurfte, das die Leute jetzt auf einmal der Meinung sind, das es da Parallelen zu mir gibt. Bei der ersten Platte waren schon zwei, drei Songs dabei die musikalisch auch Billy Idol Songs hätten sein können – ohne das damals bewusst gemacht zu haben. Aber auf der Neuen gar nicht, allein schon durch die deutschen Texte. Ich fasse den Vergleich jetzt mal als Kompliment auf, denn für mich ist Billy Idol schon einer der größten Entertainer, die wir bisher überhaupt hatten. Und ich bin happy, dass er auch wieder so fit ist. Ich nur überrascht, was da meine Person betrifft und eben diesen Vergleich. Also, die Lippe ziehe ich nicht hoch bei den Auftritten. Und die beiden Fäuste so hoch, wie Fußballspieler, das mache ich auch nicht. Ok, wir haben Beide blonde Haare…

Und ein paar Jahre Unterschied sind ja auch da.

Ja, das kann man schon sagen…

Aber darüber wollen wir ja gar nicht hier reden…

Vielleicht liegt´s ja daran, dass es nur wenige Musiker gibt, die auf der Bühne auch mal lächeln in der etwas ´dunklen´ Szene. Vielleicht ist es ja das, was mich da mit Billy Idol verbindet. Ich versuche ja immer nicht so den ganz Superbösen zu markieren. Ich glaube, manche nehmen sich da auch wohl ein bisschen zu ernst. Und um das zu unterstreichen, spiele ich wohl auch ein bisschen mehr mit meiner Mimik. Und das macht Billy Idol natürlich sehr gekonnt.
Ok. Aber wir wollten ja über die „Timemachine“ reden. Das letzte Album der Blind Passengers. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Scheibe ist das letzte Abschiedsgeschenk an die Fans. Woher kam die Idee, jetzt, ein paar Jahre nach dem offiziellen Split der Band noch mal was an den Start zu bringen?

Das sind ja im Prinzip jetzt schon mehrere Fragen. Die erste Frage, die ich da raushöre ist, warum hat es so lange gedauert, bis man zu dem Entschluss gekommen ist, dass es mit Blind Passengers eben nicht weitergeht.

Ok, da könnte man jetzt wieder zwei Sichtweisen haben. Erstmal die Positive, den Rückblick für die Fans auf das Werk der Band. Und die (provokant) Negative: Die wollten jetzt noch ein paar Euro rausschlagen…

Also, das lässt sich bei dieser Platte nun extrem schwer sagen. Denn wenn man einen Digipack als Doppel-CD zum Preis von einer Einzel-CD verkauft, dann kann sich wohl jeder ausrechnen, dass da mit verdienen nicht sonderlich viel ist. Das hat da bisher auch niemand bei irgendeinem Interview gefragt. Diese Frage beantwortet sich schon über den Verkaufspreis der CD von selbst. Und die Leute sehen ja auch, dass wir da extrem viel Arbeit reingesteckt haben. Da ist ja an jedem Song gearbeitet worden. Manche sind ja auch komplett neu aufgenommen worden. Und bei manchen Stücken, bei denen ich Angst hatte, den Charme zu zerstören, habe ich auch alte Synthiearrangements genommen und nur die Gesänge und ein paar dezente Gitarren neu gemacht.

Hast Du also quasi den alten Atari wieder aus dem Keller geholt…

Nein, wir hatten das alles zum Glück gut gespeichert gehabt. Wir haben ja damals viel mit A-Dat gearbeitet und hatten die alten Bänder alle noch. Das Gerät hat dann auch zum Schluss seinen Geist bei der Arbeit an der „Timemachine“ aufgegeben.

Aber warum jetzt erst?

Ja, das war ja die eigentliche Frage… Und da möchte ich die Frage mal zweiteilen: Warum hat es so lange gedauert, bis es klar war, das wir nicht weitermachen? Das liegt einfach daran, dass ich Rayner (Schirner) die Zeit geben wollte, die er sich erbeten hatte um in sich hineinzuhören und festzustellen ob er noch für die Blind Passengers brennt, oder nicht. Und jetzt war für mich auch einfach der Punkt da, wo ich einsehen musste, dass es da keine Hoffnung mehr gibt. Das Rayner da definitiv abgeschlossen hat auf der Bühne zu stehen als Sänger und seine Zukunft als Produzent sieht. Und in dem Moment, wo das klar war gab es auch keinen Grund die Fans länger hinzuhalten mit dieser Information, weil immer die Frage im Raum stand ob es weitergeht mit den Passengers, oder eben nicht. Und ich wollte das nicht eher machen, weil ich Rayner nicht die Pistole auf die Brust setzen wollte. Dafür war mir das Projekt einfach zu wichtig. Und pro forma die Band aufzulösen um sie dann zwei Jahre später wieder zu reaktivieren – das wäre eine so billige Masche gewesen, die viele Bands ja machen um Aufmerksamkeit auf sich zu richten. Aber das fände ich ziemlich gemein gegenüber den Fans, weil man da ja auch mit deren Emotionen spielen würde. Das kam für mich nicht in Frage. Ich wollte wirklich erst mit dem Ende der Band an die Öffentlichkeit treten, wo feststand das Rayner nicht weitermachen würde.
Aber es war ja dann schon ein relativ langer Entscheidungsprozess…

Ja, das stimmt. Rayner hat sich 2002 Zeit erbeten, weil bei ihm halt die Luft raus war. Und ich wollte ihn da auch nicht unter Druck setzen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich vielleicht auch die Chance verspielt, dass er doch wieder zurückkommt. Er hat sich aber eingelebt in sein neues Leben als Produzent – und es scheint ihm im Augenblick mehr zu gefallen. Und er hat definitiv gesagt, dass er nicht mehr als Sänger zurückkehren möchte. Und eine Band wie Blind Passengers kann eben nicht ohne diese Form der Live-Präsenz existieren. Und Blind Passengers ohne Rayner ist eben Nik Page. . Aber die Entscheidung ist endgültig. Es wird keine Reunion von Blind Passengers geben, das wäre ja nur peinlich. Und es wäre auch eine Mogelpackung, wenn ich meine Soloplatten unter dem Logo Blind Passengers rausgebracht hätte. Dafür gibt´s auch keine kommerzielle Notwendigkeit, weil die Nik Page – Platten sich ja genauso gut verkauft haben. Und der Hauptgrund, warum die „Timemachine“ jetzt überhaupt rausgekommen ist, ist der, dass es uns wichtig war uns bei den Leuten zu bedanken die es uns ermöglicht haben das wir so viele Jahre Musik machen konnten und von der Musik auch leben konnten. Weil jede Band, die keine Fans hat, ist unbedeutend. Keine Band ist etwas ohne ihre Fans, sagen wir es mal so. Es war uns einfach wichtig, uns würdig zu verabschieden und vielleicht auch einfach so ein Resümee zu ziehen. Es ist ja auch ein Stückweit Vergangenheitsbewältigung zu sehen: Was waren jetzt die fünfundzwanzig wichtigsten Songs für uns.

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen: Nach welchen Kriterien habt Ihr die Songs auf „Timemachine“ ausgewählt?

Eigentlich war der letzte Satz von mir nicht ganz korrekt. Welche der fünfundzwanzig Songs waren nicht für uns persönlich die Wichtigsten, sondern für unsere Entwicklung als Band. Wie gesagt: Jede Band kann nicht ohne ihre Fans existieren – und insofern haben wir versucht die Songs zu finden, die die Fans am meisten geliebt haben. Und da hat man ja auch über die Jahre, die Konzerte, die Einträge in das Guestbook – und wenn man nicht ganz taub auf den Ohren war – ein gutes Feedback bekommen welche Songs besonders beliebt waren. „Timemachine“ ist ja nun schon ein paar Tage auf dem Markt – und bisher heben wir auch die Rückmeldungen bekommen, dass wir da mit unserer Auswahl ziemlich ins Schwarze getroffen haben. Die einzige Kritik war, warum „Respect yourself“ nicht dabei ist, aber wir mussten uns ja nun für eine gewisse Anzahl von Tracks entscheiden.

Aber die Stücke auf den beiden CDs sind ja nun nicht in chronologischer Reihenfolge der Bandgeschichte zu finden. Warum das?

Schon klar. Es gibt die Grundtrennung zwischen der Synthie-Pop-Phase und der rockigen Phase der Band. Es fällt mir jetzt auch schwer zu sagen, welche war bedeutender. Wir haben fast ein komplett unterschiedliches Zuhörerklientel für beide Zeiten gehabt, aber es gibt Leute, die kennen uns halt nur als Synthie-Pop-Band und es gibt Leute, die kennen uns nur als Industrial-Metal-Act. Und im Endeffekt waren wir Beides. Und waren auch Beides mit Herzblut. Und das ist diese Grundtrennung. Bei den CDs war es mir einfach auch wichtig, dass man die gut durchhören kann. Es ging ja nicht nur darum eine Dokumentation zu schaffen, sondern auch zwei schöne CDs – und Übergänge zwischen den Songs zu finden, die auch harmonisch sind, eben rund in sich. Und da war die Chronologie eher zweitrangig.

Dann passt es ja trotzdem nicht, dass auf der zweiten CD „Riffs and Shouts“ sechs neue Songs zu finden sind. Wäre es nicht sinnvoller gewesen die Zeitmaschine mit Passenger-Songs vollzuladen?

Ja, aber auf der anderen Seite ist es ja ein Blind Passengers Album, was im Jahre 2005 rauskommt. Und wir haben uns ja in den letzten drei Jahren ohne Album trotzdem weiterentwickelt. Und es war mir auch wichtig diese Entwicklung auf dem Album wieder zu finden. Warum soll man die leugnen? Es wäre auch schade gewesen diese Songs nicht drauf zu packen, weil die Leute ja da auch mehr bekommen für ihr Geld. Das passt halt zu dem Punkt, den wir am Anfang unseres Gesprächs hatten: Wir bieten den Leuten ja nicht nur ein Doppelalbum zum Preis einer Einzel-CD, sondern haben da ja auch extrem viel Arbeit reingesteckt. Und dazu gehört eben auch, dass wir den Leuten neue Songs bieten wollten, weil ich denke, dass das auch der Wunsch der Fans war etwas Neues zu hören. Es war ja auch für uns die letzte Chance zusammen im Studio zu arbeiten. Und da war es selbstverständlich, dass wir da nicht ein oder zwei, sondern eine ganze Latte von neuen Songs mit draufpacken. Und die kommen auch sehr gut an und wir haben tolle Reaktionen darauf erhalten.

Ich finde die auch klasse, obwohl die schon deutlich in die Richtung weisen, in der Du jetzt solo arbeitest.

Aber warum sollte ich die Entwicklung verleugnen, die ich gemacht habe? Weil, wenn man ein Blind Passengers Album 2005 rausbringt, sind es ja auch zwei andere Leute, die 2001 die Platte gemacht haben. Und insofern ist es ja auch klar, dass der Nik Page Stil bei den neuen Songs mit rausklingt.
Wie muss ich mir das jetzt vorstellen? Da sind zwei Musiker, die seit 1987 miteinander arbeiten. Die sich irgendwann einmal gefunden haben. Und irgendwann gesagt haben, wir gründen gemeinsam eine Band. Die sehr erfolgreich waren – und sind. Und was wir jetzt gerade tun – wir begraben gerade etwas. Und sitzen jetzt gemeinsam im Studio und basteln eine Art Grabstein ihrer Zusammenarbeit. Fiel das schwer?

Dadurch dass es ja ein sehr schleichender Tod war, hatten wir ja die Möglichkeit uns emotional darauf vorzubereiten. Es gab zwar immer noch einen Funken Hoffnung, aber es gab dann den Zeitpunkt wo Rayner sehr strikt klarmachte, dass er keine Lust mehr auf einen Neustart hatte. Ich musste jetzt eben auch realistisch sein – und Anfang letzten Jahres auch immer mehr damit rechnen, dass es nicht mehr weitergehen wird. Klar tut es weh, wenn man die Band zu Grabe trägt, mit der man aufgewachsen ist – aber wie haben es genossen noch mal miteinander zu arbeiten und letztendlich auch eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit zu unternehmen – daher auch der der Name des Albums. Ich habe jetzt auch genügend Monate in der Vergangenheit gelebt – es wird Zeit wieder in die Gegenwart zurückzukehren.

Habt Ihr im Studio Kerzen angezündet, eine Flasche Rotwein aufgemacht und bei jedem Song überlegt wie das damals war, als das entstanden ist? War es eher ein straightes, nach Plan laufendes arbeiten, oder habt Ihr die Songs im Laufe der Arbeit ausgewählt?

Federführend bei der Zusammenstellung war ich auf alle Fälle, weil der Rayner derzeit auch sehr eingespannt ist. Er produziert gerade ein Album für ein neues Projekt aus Berlin das den Namen „Lola Angst“ trägt. Da gibt´s auch schon eine veröffentlichte Single – und im Herbst soll ein Album folgen. Dadurch war er jetzt zeitlich auch sehr eingespannt, weil die mit dem Zeitplan noch sehr hinterherhinken. So war er, glaube ich, auch sehr froh, dass ich da schon mit konkreten Vorschlägen kam. Und das ich ihm da das Sichten der alten Bänder und Arrangements auch schon abgenommen habe.

Hmm… Ich überlege gerade. Das ist jetzt das dritte Interview, was wie in den vergangenen zwei Jahren führen – und – wann machst Du denn das alles?

Die Frage ist schon berechtigt. Die letzten zwölf Monate waren auch ziemlich hart. Wir haben jetzt die eigene Tour gemacht, dann mit Tanzwut und Joachim Witt, die „Tiefenrausch“-Tour, die sehr schön war – und jetzt sind wir ja auch unterwegs, wo wir Clubshows und Festivalauftritte kombinieren. Die letzten zwölf Monate waren schon sehr intensiv muss ich sagen. Das lag jetzt auch ein bisschen daran, dass es mir eine Herzensangelegenheit war, dass die Blind Passengers Sache auch wirklich komplett ist. Und wir hatten da auch ein Ultimatum von der Sony bekommen. Das ist auch noch mal ein Argument, dass es absurd erscheinen lässt, dass wir mit der Platte Geld machen wollen – wir mussten ja auch die ganzen Songs lizensieren und ein Viertel vom Nettoeinkommen an die alten Plattenfirmen abführen. Eigentlich sind es ja die, die daran verdienen und nicht wir. Das tut jetzt ja auch nichts zur Sache, sollte nur noch ein Beispiel dafür sein. Und bei der Sony hatten wir die „Bastard“ rausgebracht – und da waren eben vier Songs drauf, die ich unbedingt auf „Time Machine“ haben wollte. Und die Sony stellte uns ein Ultimatum, so dass dieses Album eben nun im Mai herauskam. Ich hätte es lieber im Herbst veröffentlicht, aber das hätte eigentlich auch nichts an der Auswahl oder der Qualität der Scheibe geändert. Aber wenn es so gewesen wäre, hätte ich nicht ganz so stressige Monate gehabt. Zwischen Tourbus und Studio – wir haben ja nun auch einige Monate gebraucht um die Blind Passengers Platte so hinzu bekommen, wie sie jetzt geworden ist – das war schon ganz schön hart. Die Zeit, die man auf einer Tour zum relaxen braucht, habe ich halt komplett im Studio verbracht. Aber jetzt wird es ein bisschen entspannter für mich. Ich hab zwar auch schon wieder konkrete Pläne, große Vorhaben und Projekte. Aber da habe ich jetzt kein Zeitlimit mehr. Ich muss da kein bestimmtes Datum einhalten.
Es ist jetzt etwas abgeschlossen…

Es ist etwas abgeschlossen und das Nik Page Projekt bekommt jetzt auch erstmal eine kleine Pause. Es wird wahrscheinlich zwischendurch mal eine Maxi geben, wo ich dann natürlich nicht nur einen Song mit fünf Remixen, oder so, veröffentlichen werde, sondern mehrere neue Songs draufpacken werde. Eher eine Maxi mit EP – Charakter. Aber es wird halt in nächster Zeit kein neues Nik Page Album geben – aber dafür halt zwei neue Projekte von mir.

Das hattest Du bei unserem letzten Gespräch zum „Sinmachine“ – Album schon leicht angedeutet…

Das kann sein, da das schon Sachen sind, die mir seit drei Jahren unter den Nägeln brennen. Und ich mich jetzt riesig drauf freue, die endlich umzusetzen. Das Eine wird ein Projekt namens „Cromags International“, eine ziemlich abgefahrene Cyber-Punk-Geschichte, bei dem wir versuchen werden die Band aus dem „Neosapiens“-Roman in die heutige Zeit zu beamen. Quasi aus dem Buch rauszuholen. Das wird ein Projekt sein, von dem ich mir sehr viel erhoffe – auch in punkto Spassfaktor. Weil es eben sehr viel mehr Humor hat, als alles, was ich bisher gemacht habe. Und es startet den Versuch, eine bisher nicht existente Musikrichtung zu etablieren. Das ist natürlich ein sehr kühnes Vorhaben, aber man es kann ja zumindest mal versuchen – und sehen, ob die Medien das zulassen…

Gothic-Comedian-Electro-Rock?

Also, Gothic wird da sehr wenig drin vorkommen. Science Fiction, Punk, Electroclash – es lässt sich wirklich schwer beschreiben. Und gerade das macht es ja auch so interessant, dass man es wirklich schwer beschreiben kann, was da auf die Leute zukommt. Ich denke mal, dass wir da einiges Unverständnis – aber auch einige Euphorie mit erzeugen können.

Und die zweite Sache?

Das zweite Projekt wird so gegensätzlich sein, wie es nur irgendwie sein kann. Und zwar eine Sache, die ich gemeinsam mit einer Musical-Sängerin namens Michaela Laubach, eine erfolgreiche Solistin vom ´Theater des Westens´, hier in Berlin, aufziehen werde. Und wir werden da auch noch einen Cellisten dabei haben. Und da das aber noch nicht hundertprozentig feststeht, werde ich da auch noch keinen Namen nennen, aber es wird wahrscheinlich jemand sein, den wir alle kennen. Und wir werden auch noch einen Konzertpianisten dazuholen. Wir wollen da den Spagat zwischen Minimal-Klassik-Besetzung und Dark-Rock-Hymnen schaffen. Da will ich eben auch ein Projekt etablieren, was nicht versucht irgendwelche erfolgreichen Bandkonstrukte nachzuahmen – was ja scheinbar in der schwarzen Szene in Deutschland ein großer Trend ist – sondern versuche, da was interessantes Neues aufzubauen. Mit sehr viel Tiefgang und mystischer Kraft. Viel balladesker als die Sachen, die ich mit Nik Page, oder Blind Passengers gemacht habe.

Ich könnte jetzt mal spekulativ behaupten, dass bei „Letzte Instanz“ ja ein Cellospieler dabei ist…

Das will ich jetzt mal nicht kommentieren. Es ist das letzte Wort noch nicht gesprochen und es bringt immer Unglück über Sachen zu sprechen, die noch nicht definitiv entschieden sind.
Ok. Zurück zur „Time Machine“. Die Songs sind ausgewählt, der Zeitrahmen gesteckt – jetzt hätte man ja hingehen können und die Songs studiotechnisch etwas modernisieren können und fertig ist. Das habt Ihr aber nicht getan, sondern einen großen Teil der Stücke komplett neu eingespielt – mit den alten Computer- und Synthie-Sounds. Warum diese Arbeit?

Ich bin bei jedem Song so vorgegangen: Ich hab mir den Song angehört und dann – mit Rayner zusammen – geschaut, was stört daran? Was stört uns daran? Was möchten wir so heutzutage nicht mehr rausbringen? Bei einigen Sachen waren es auch die Texte, die mich gestört haben. Das haben wir teilweise die Synthiearrangements so gelassen und nur die Gesänge neu aufgenommen. Es gab bei fast allen Songs irgendetwas, was uns nicht mehr gefallen hat. Diese Sachen haben wie dann halt umgeändert. Und es gab auch Songs, wo wir einfach noch schöne Ideen hatten, die im Laufe der Zeit auch durch das Live-Spielen kamen. Bei der Entstehung einer Platte ist ja nicht so, dass die Entwicklung der Songs dann abgeschlossen ist. Sondern der jeweilige Song entwickelt sich ja, im Augenblick, wo man ihn live spielt, ja auch weiter. Und dann ärgert man sich, dass man die Idee damals bei der Aufnahme noch nicht hatte. Aber dadurch, dass wir ja einige Songs neu aufnehmen konnten, hatten wir eben die Chance diese Ideen auch wieder einzubringen. Es war jetzt nicht nur das Korrigieren von alten Fehlern, sondern auch das Einbringen von eben diesen Ideen, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Die man auch schon von Live her kannte. Es werden mit Sicherheit auch einige Leute auf „Time Machine“ Sachen entdeckt haben, die sie von Auftritten schon kannten.

Kannst Du da ein Beispiel nennen?

Ich nehme mal die Trackliste raus. Zum Beispiel „Absurdistan“ (1995). Da haben wir das Gitarrenriff wesentlich tragender gemacht als in der alten Version. Dadurch rollt die Nummer viel mehr und hat viel mehr Kraft. Oder „Voices of Dark“ (1993). Da ist es schon ein ganzes Weilchen her, dass wir die live gespielt hatten, aber da haben wir dann irgendwann festgestellt, dass der Song so eine Art Klon aus Synth-Pop, Melodic- und EBM-Beats und Sequenzen viel cooler und viel interessanter war, als diese reine Synthie-Pop Nummer – so wie sie auf „The Glamour of Darkness“ war. Diesem Stück stand einfach ein bisschen mehr Härte viel besser. Und daran haben wir uns auch orientiert, als wir diese Nummer ziemlich komplett neu arrangiert haben. Wir haben zum Glück noch die Original-Sounds auf Diskette gehabt, haben die auch verwendet – aber es noch mal neu eingespielt.

Und um die Zeitreise rund zu machen, möchtest Du noch mal an den Anfang der Blind Passengers zurückgehen?

Es war ja eigentlich die simpelste Sache der Welt. Rayner und ich kennen uns aus der Schule. Wir sind zusammen in dieselbe Klasse gegangen und kennen uns schon viel länger als wir eigentlich Musik machen. Und haben auch schon sehr viel Scheisse gebaut, bevor wir anfingen Musik zu machen. Wir sind zusammen aufgewachsen und waren beste Freunde damals. Und irgendwann haben wir die Idee gehabt etwas Ausgefallenes zu machen und in der DDR war es sehr ausgefallen Synthie-Pop machen zu wollen. Es gab ja damals fast nur Deutsch-Rock-Bands hier. Es war ja auch eigentlich die einzige Musikrichtung, die von den Kulturfunktionären gefördert wurde. Wir waren zwei fünfzehnjährige Jungs, die halt der Meinung waren, ihren großen Vorbildern Depeche Mode nachzueifern auch wenn man aus dem Osten kommt. Obwohl es ja – was das Equipment betraf – erhebliche Handicaps gab. So richtig musikalisch loslegen konnten wir eigentlich auch erst nach der Wende. So Bands wie z.B. „City“ damals, die hatten ja keine Probleme. Die durften ja auch im Westen spielen. Und die haben einen Teil der Gage in Instrumente umgetauscht. Ein DX-7 (einer der ersten Profi-Synthesizer) hat beispielsweise 24.000 Ostmark gekostet. Und einige Bands haben – wenn sie im Westen spielen konnten – sich so ein Teil gekauft und das dann für den Preis im Osten wieder verkauft. Nur konnte sich das natürlich eigentlich kein Musiker leisten. Und im Osten war es sehr selten, dass jemand mehr als tausend Ostmark im Monat verdiente, das Durchschnittsgehalt war eher so achthundert Ostmark. Und dann rechne mal 24.000 Ostmark in Monatsgehälter um (Dreißig Monatsgehälter). Und wir haben damals keinen digitalen, polyphonen Synthesizer gehabt. Wir hatten nur zwei analoge Geräte.

Jetzt – als Rückblick gesehen – würdest Du sagen: Du hast Glück gehabt?

Sicherlich. Aber wir haben auch superoft Pech gehabt. Wo wir auch an sehr großen Dingen – ohne jetzt Namen nennen zu wollen – knapp vorbeigestreift sind, die uns auch ganz andere Türen hätten öffnen können als die Türen, die uns irgendwann geöffnet wurden. Ich würde sagen: Ganz ohne Glück geht’s nicht, aber wir sind eine der wenigen Bands, die nicht von irgendjemand entdeckt und gepuscht worden sind. Wir haben das Management von Anfang an selber gemacht. Die erste Platte ist bei Strange Ways rausgekommen, zu einer Zeit, als es ein Label war, das nur auf Masse ging und nur gepresst hat. Nicht mal eine vernünftige Pressebemusterung haben die gemacht, geschweige denn Anzeigen geschaltet. Und das das Album dann mittlerweile bei 15.000 verkauften Einheiten steht – das lag nicht an Strange Ways, denn die haben nicht einen Cent für Promotion damals ausgegeben. Das lag einfach daran, dass wir damals wie die Kaputten getourt haben und uns mit super viel Eigenengagement in den Medien etabliert haben. Letztendlich haben wir uns unseren Erfolg selber erspielt. Es gibt einen Menschen, dem wir sehr viel verdanken. Das ist der Musikchef von Radio Fritz, der Musiksender, der hier in Berlin/Brandenburg am Meisten bewegt. Die haben uns damals sehr oft gespielt, so dass wir auf Platz Eins der Radiocharts kamen. Und das war auch unser Durchbruch. Wir haben dann von Heute auf Morgen plötzlich 600-800 Hallen, wie z. B. Lindenpark, ausverkauft. Das war dann der Punkt, wo wir allein von Konzertgagen leben konnten. Das war eben auch ein Schlüsselerlebnis für uns. Denn wenn Du Deinen alten Job an den Nagel hängen kannst und 24 Stunden am Tag Musiker sein kannst, dann hast Du ganz andere Möglichkeiten um kreativ zu sein. Das ist jetzt der Einzige, wo wir sagen können, der hat uns geholfen – alles andere haben wir uns selber erkämpft. Wir haben nie Rosinen in den Arsch geschoben bekommen, wie Bands, die dann gerade mal ein Jahr existieren und von einem Riesenlabel unter Vertrag genommen werden. Die das auch gar nicht kennen, wie das ist mit einem alten, klapprigen Bus und einem Zelt auf Tour zu gehen. Natürlich gab´s auch Leute von denen wir gelernt haben. Zum Beispiel die „Small Town Night“-Single, zusammen mit dem „Alphaville“-Produzenten und Keyboarder aufgenommen. Aber es gab eigentlich niemanden, der uns beigebracht hat, was wir da machen. Das haben wir uns erarbeitet.

Machst Du denn jetzt mal Urlaub?

Ja. Ich war letztens drei Tage an der Ostsee… Ich will auch noch mal im Herbst in den Süden fahren, wenn´s hier richtig schmuddelig wird. Ich würde natürlich auch gern mal eine lange Reise nach Südamerika oder sein machen. Ich fürchte aber, dafür werde ich demnächst nicht die Zeit finden. Dafür bin ich einfach viel zu heiß auf die neuen Projekte.

Vielen Dank für Deine Zeit und die ausführliche Schilderung! Viel Erfolg weiterhin und man sieht und hört sich…
http://www.blindpassengers.de
Markus Poschmann


[ Zurück zum Index: 'B' ]
 

[ Unsere Webseite weiterempfehlen ] [ Impressum ] [ Seitenanfang ]

© Oblivion 1998-2002 Alle Rechte vorbehalten

Haftungsausschluss/Disclaimer

technisches Konzept, Programmierung & Webdesign by M. Koschinski / C. Fessler