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MAGAZIN :: Index: 'D' :: DOSSCHE

DOSSCHE
Therapiestunde mit Dr.Dossche
Nein, so stelle ich mir die Praxis und den Wirkungskreis des Psychologen Guido Dossches sicherlich nicht vor. In den abgewrackten und schmierigen Katakomben des Kölner "MTC" sitzt mir ein trotz des anstehenden Auftrittes zur Promo des neuen Album entspannter Guido Dossche gegenüber, der sich, immer wieder an seiner Zigarette ziehend und seine Worte genau abwägend, mit meinen Fragen zu seinem neuen Album "Existenz", vielmehr aber noch seiner Person konfrontiert sieht. Immerhin lautet einer der Songs des neuen Albums "Ich bin Gott" und da sollte ein Nachfragen schon mal erlaubt sein. Musiker und Psychotherapeut, fürwahr eine ungewöhnliche Kombination und doch eine, die Sinn macht. Wer könnte sich als Künstler nicht besser in die Psyche des Menschen hineinversetzen, als eben jemand, der sich von Berufs wegen tagtäglich mit den Abgründen der menschlichen Psyche auseinandersetzt? Dass Guido Dossche dabei zu keiner Zeit den Eindruck des abgehobenen Intellektuellen erweckt und auf "Existenz" stattdessen sehr bodenständig, wenn auch in sehr eigenständiger Art und Weise rockt, macht ihn und das grossartige neue Album nur um so sympathischer. Doch beginnen wir mit einem Rückblick auf´s erste Album, das trotz nicht unerheblichen Medienhypes mehr oder weniger sang- und klanglos in der Versenkung verschwand, das jedoch auch heute noch die ungeteilte Zustimmung Guido Dossches findet.
>> Das damalige Album gefällt mir auch heute nach ganz gut, so gut, dass wir auch heute noch einen Song davon live spielen. Momentan spielen wir aber eigentlich nur das neue Album, um es zu promoten. Den Abrechnungen nach finde ich, dass es sich auch ganz gut verkauft hat. Über den Labelwechsel hatte ich jetzt aber auch die Möglichkeit, in eine etwas andere Richtung zu gehen. <<
Eigentlich schade, dass das Debüt trotz des Medienrummels seinerzeit so wenig Resonanz bekommen hat. War dies auch auch einer der Gründe für den Labelwechsel, weg von Ausfahrt und hin zu Strangeways?
>> Der Labelwechsel kam dahingehend zustande, dass ich mich bei dem alten Label, bei Ausfahrt, nicht mehr richtig wohl fühlte. Das lag daran, dass die dort andere Vorstellungen hatten, wie sie mich sahen und verkaufen wollten und dem, was ich machen wollte. Ich habe Material angeliefert und das fanden sie auch okay, aber halt nicht so gut, dass sie es auch veröffentlichen wollten. Sie wollten da irgendwie selbst nochmal dran gehen, was ich nicht wollte und dann haben wir uns in die Haare gekriegt. Es kam zu einer sehr unangenehemen Auseinandersetzung, die damit endete, dass ich das Label dann verlassen habe und dann sofort von Strangeways gesignt wurde. <<
Wie fühlst du dich bei Zeitbombe, einem Unterlabel von Strangeways, nun aufgehoben? Immerhin haben die in der Vergangenheit mit Schwanensee zum Teil auch sehr schräge und abgefahrene Sachen veröffentlicht.
>> Ich komme mit den Leuten sehr gut zurecht; die ganze Mannschaft steht auf meine Sachen und wir haben einen sehr freundschaftlichen Kontakt. Sie haben ja mit Witt auch bewiesen, dass sie ihre Sachen ganz gut verkaufen können. Sie funktionieren als Label, und das ist eigentlich das Entscheidende. <<
Musikalisch lässt du dich nur sehr schwer einordnen. Sicherlich deuten die harten Gitarren schon in Richtung Rammstein oder Witt, aber durch die elektronische Seite und die Mitarbeit von Mouse on Mars-Musikern bekommt "Existenz" schon eine sehr eigene Richtung. Welches Publikum möchtest du mit Dossche erreichen? Die Verbindung zur Schwarzen Szene kam seinerzeit ja eher zufällig zustande, denn musikalische Berührungspunkte gibt es da ja keine.
>> Das Publikum, wenn ich mir es jetzt mal so konstruiere oder zurecht schnitze… also, ich denke Kids hören das eh nicht. Die Leute aus der schwarzen Szene, da kommen immer wieder mal welche, ich habe auch schon auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig gespielt und habe da zum ersten Mal gesehen, wie die so drauf sind, aber grundsätzlich wären mir Leute am liebsten, so von zwanzig bis fünfundzwanzig an aufwärts, die auch zuhören. Die nicht kommen, um zu tanzen. Das ist mir überhaupt nicht wichtig. Ich würde am liebsten in bestuhlten Sälen spielen, wo die Leute die Texte mitbekommen und zuhören. Ich schiele jetzt definitiv nicht auf das Grönemeyer-Publikum, aber ich könnte mir vorstellen, dass sogar Leute, die mit Grönemeyer zurecht kommen, sich unsere Sachen auch anhören könnten. Oder Leute, die Rammstein und Witt hören. International vielleicht auch Leute, die Marylin Manson hören. Den finde ich persönlich jetzt auch nicht so megaschwarz. Der hat zwar eine Performance die jenseits von Gut und Böse ist, aber das neue Album ist für mich ein richtig geiles Album zwischen Electro, Glam Rock und Heavy Metal. <<
Wo siehst du deine musikalischen Wurzeln?
>> Die Sachen, die ich höre, sind ganz woanders. Ich höre gerne P.J.Harvey, Peter Gabriel oder auch Marylin Manson. <<
Als sehr songorientierte Musiker.
>> Eigentlich schon, ja. Das erste Cover, das wir für´s neue Album gemacht haben, da war noch kein Haifisch drauf, sondern ich in verschiedenen Szenen wurde vom Label abgeleht, weil zu Singer/Songwriter-mässig aussah. Im Nachhinein akzeptiere ich diese Entscheidung, denn es geht auch darum, einen gewissen "Eyecatcher" zu präsentieren. Ich habe alle Rammstein-Platten zuhause, mag aber auch Kruder & Dorfmeister und Moloko. <<.
Bist du gebürtiger Kölner?
>> Ich bin in Köln gross geworden, wobei ich zunächst mal Belgier war. Ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit erst vor einigen Jahren angenommen und bin aber seit meinem fünften Lebensjahr in Köln. <<
Gerade Köln sagt man ja nach, eine sehr liberale und weltoffene Stadt zu sein. Ein Stadt voller Dynamik, die auch unter künstlerischen Gesichtspunkten keine Berührungsängste kennt. Hat dich diese Toleranz und diese Unvoreingenommenheit anderen musikalischen Spielarten gegenüber vielleicht auch geprägt?
>> Das kann ich mir eigentlich ganz gut vorstellen. Ich bin immer etwas ängstlich, wenn mich ein Metal-Magazin rezensiert, ich nenne hier jetzt keine Namen, wo dann so Totenköpfe überall rumliegen, dann denke ich, was die mit meinen Sachen wollen. Über das neue Album haben die aber alle sehr freundlich geschrieben. Das freut mich schon. Ich bin aber eigentlich so der Meinung, dass ich meine Texte mache und mit verschiedenen Produzenten zusammenarbeite, und wenn das "cool" ist, dann ist mir das ganz egal, ob wir das mit Cello, Oboe, Digeridoo oder mit Bratgitarren machen. Hauptsache, es kommt eine bestimme Stimmung auf, die mich erreicht. Die ist meistens schon etwa schwer und elegisch, aber für mich ist der Text im Zentrum der Bandgeschichte. <<
Deine Art des Gesangs ist ja eher rezitativen Charakters als wirkliches Singen. Siehst du dich demzufolge mehr als Poet und Texteschreiber denn als Musiker?
>> Ähem, ich bin schon Musiker, aber ich benutze die Musik, um meine Texte zu transportieren. Ich würde allerdings keinen Gedichtband herausgeben. Das hat der Rammstein-Sänger ja auch versucht, und das ist sehr schwierig. Ich glaube, so ein Texte für sich ist zwar auch sehr schön zu lesen, aber so eine gewisse musikalische Begleitung und so eine Schwere mag ich ganz gerne. Poet ist ein schwieriges Wort. Ich seh mich als jemand, der was zu sagen hat, und der über die Musik das geeignete Mittel gefunden hat. Andere machen es über einen Film oder ein Buch, oder über Bilder, und ich denke, weil ich eben auch sehr gerne Musik höre und mir kein Leben ohne Musik vorstellen könnte, Musik mich am meisten berührt. Daher würde ich von mir selbst sagen: Interpret oder Rezitator mit begleitender Musik, die aber trotzdem irgendwie gleichberechtigt ist. <<
Deine Texte sind einerseits sehr tiefsinning, wobei man zuweilen schon zwischen den Zeilen lesen muss, um die Aussage zu verstehen, andererseits fliesst in diese Texte immer auch eine gewisse Leichtigkeit und eine Spur von Ironie oder gar Sarkasmus mit ein. In welcher Stimmung entstehen die Texte?
>> Die Texte, und das ist ganz seltsam, um mal ein Beispiel zu erzählen, fallen mir plötzlich ein. Ich war mal irgendwann in Südfrankreich in Urlaub und plötzlich fiel mir ein Text ein. Ich hatte natürlich nichts zu schreiben dabei und dann habe ich bei mir zuhause in Köln angerufen und den Texte auf´s Band gesprochen. Ich hoffe, dass in dem Moment keiner neben dem Anrufbeantworter sass und das mitgehört hat. Das ist fast wie eine kreative Sequenz; ein künstlerischer Inspirationsprozess. Ich denke da aucht nicht viel nach. Natürlich bringe ich das in eine Form, das sich das irgendwie reimt oder das es passt. Ich konstruiere Texte aber überhaupt nicht. Es gibt ja Leute die sagen, dass sie sechs Wochen an einem Text sitzen. Den Text zu "Ich bin Gott" habe ich beispielsweise in zwei Minuten gemacht. Ich habe das Lied einmal gehört und dann direkt den Text geschrieben. Ich bin damals zu meiner Freundin und habe sie gefragt "Na, wie findste das" und sie hat nur "Komisch" gesagt. <<
Gerade dieser Text überzeichnet in seiner Aussage ja vollkommen und ist ironisch zu verstehen.
>> Ich will jetzt hier nicht auf unbewusst machen, aber manchmal, wenn ich meine Texte zwei Jahre später lese, dann werden mir noch bestimmte Dinge klar. Ich persönlich habe im ersten Moment daran gedacht, dass es bei "Ich bin Gott" um Narzisten geht, die selbstgefällig alles so wollen, wie sie es sich vorstellen. Mir hat letztens einer gesagt, das würde so klingen, als ob sich da einer mit dem Dritten Reich auseinandersetzt. Durch so Vokabeln wie "ausgemerzt" oder "zerstört". <<
Die Aussage hat aber sicherlich auch eine erhöhende Wirkung, mit der man wunderbar seinen Minderwertigkeitskomplex überspielen kann.
>> Das könnte auch sein. Es könnte jemand sein, der psychotisch ist und der denkt, dass die Welt so ist, wie er sich das zurecht fabuliert. Da ist einiges drin an Interpretationsspielraum, und das finde ich auch ganz gut. Wenn ich sage "Zwischen dem Schatten und der Stadt", dann weiss ich eigentlich gar nicht so genau, was das bedeuten soll. <<
Es kommt bei Texteschreibern ja sehr häufig vor, dass sie die eigentliche Aussage ihrer Texte erst viele Jahre später wirklich begreifen und verstehen. Geht dir das auch so?
>> Das hat immer was mit Lebensbewegungen zu und nicht geklärten Situationen, meist aus der Beziehung heraus, zu tun. Ich habe schon einge Songs geschrieben, wo ich mich dann im Nachhinein gefragt habe, warum meine damalige Partnerin nicht wissen konnte, dass die Beziehung bereits dem Ende zugeht. Ich habe jetzt einen Song geschrieben, "Tanz mit mir", der auch auf dem neuen Album drauf ist, wo es heisst: "Wärme zerstört, Verbindung zerreisst". Da denke ich mir, wie das jemand - also meine Freundin - mit mir zusammen abends hören kann, und davon auch noch begeistert ist. Ich schreibe jetzt nicht "Jetzt ist bald Schluss", sondern ich schreibe, wie es mir gerade so kommt. <<
Was gerade in deinem Fall schon eine interessante Geschichte ist, arbeitest du doch als Psychologe und könntest deine Texte und die Hintergründe dieser Texte wahrscheinlich viel eher erkennen und erläutern, als andere Menschen. Setzt du dich ganz bewusst hin und versuchst dir deine Probleme von der Seele zu schreiben, oder brechen diese Themen einfach aus dir heraus?
>> Das ist ein ganz seltsamer Effekt, denn es bricht wirklich so heraus. Ich bin im Moment auch als Patient in einer Therapiegruppe und die waren alle ganz ergriffen von meinen Texten. Ich habe mich aber gewundert, warum die so davon ergriffen sind, weil ich es nicht war. Ich bin im Alltag eigentlich sehr schlagfertig, sehr grausam und sehr zynisch, aber auf der Bühne wirke ich manchmal sehr verloren. Meine Theorie ist, dass ich da möglicherweise in eine andere Seite meines Selbst eintauche, was etwas sehr Ängstliches, sehr Dunkles, Unsicheres und verlorenes Einsames ist. Da ist die Bühne natürlich eigentlich nicht der richtige Ort sich da auszuleben, aber ich kann es nunmal im Moment noch nicht ändern. Aber so kann ich als Psychologe dann meine Texte erst zwei Jahre später betrachten. <<
Wie siehst du dich in diesem Moment selbst? Kannst du zwischen Guido Dossche, dem Menschen, und Guido Dossche, dem Therapeuten unterscheiden und beides strikt voneinander trennen?
>> In dem Moment, wo ich einen Text schreibe, erreicht der mich eher über seine Gefühlsebene. Da teilt sich mir dann so was mit wie "Ist ja ganz schön hart" oder "Ist ja traurig", oder so. Eine Analyse eines Textes kann ich in dem Moment aber gar nicht machen. Ich habe es schon erlebt, dass mir Leute erzählt haben, dass es in dem Text um dieses oder jenes geht, und ich dann sagen muss, das mir das jetzt gar nicht aufgefallen ist. Das ist bei mir wirklich immer so zeitversetzt. <<
Hat deine Arbeit und die Themen, mit denen du während deiner Arbeit konfrontierst wirst, Einfluss auf deine Texte?
>> Eigentlich haben die Patienten, wenn ich das mal sio sagen darf, keinen Einfluss auf die Texte. Ich mache in der Woche fünfundzwanzig Stunden, und wenn man fünfundzwanzig Stunden von den Menschen Leid, Schmerz und die Sinnlosigkeit des Lebens erfährt, dann ist da eine gewisse Grundstimmung, in die man sich mit einlässt. Es ist aber nicht so, dass ich da jetzt inhaltliche Dinge weitergebe. Da habe ich selbst, glaube ich, genug zu bieten. Es ist aber wahrscheinlich eine zusätzliche Form, immer im Dunklen zu wandeln. <<
Betrachtest du die Musik und das Schreiben der Texte für dich persönlich als Form der Therapie?
>> Ja, würde ich schon sagen. Für mich sind meine Texte der tiefste Ausdruck, den ich in mir finde. Tiefer als alles andere, was ich geben oder machen kann. Wenn ich inspiriert oder beeinflusst werde, dann durch Sachen, die ich lese. Es gibt Bücher, die mich sehr erreichen und wo ich manchmal echt fassungslos bin. Bestimmte Autoren, die Sachen beschreiben, wo ich dann sehr "drin" bin. <<
Woher stammt diese Faszination für die Scheinwelten, die sich die Menschen oder auch jeder selbst aufbauen, gerade als jemand, der mit beiden Beinen im Leben steht und tagtäglich die Auswirkungen dieser daraus resultierenden Probleme erfahren muss?
>> Wir alle leben ja eigentlich nur in einer sehr oberflächlichen Welt, die wir uns selbst zurecht machen. Keiner sagt so einfach "Ich bin HIV-positiv und habe noch sechs Monate" oder "Meine Freundin hat mich mit meinem Bruder betrogen". Diese Welt existiert aber und deswegen hat mich auch "Blue Velvet", der Film von David Lynch, sehr fasziniert. Er stellt diese "Heile Welt" so grausam und so klar dar, dass man sie einfach nicht mehr ertragen kann. Da ist es fast schon erleichternd gewesen, wenn dieser Frank da eine Frau vergewaltigt hat. Mich hat immer faszinert, jenseits des Oberflächlichen zu suchen oder auch mich zu finden. Mich interessieren Bücher und Filme nur, wenn die Leute auf eine andere Ebene kommen, wo sie so bedroht werden überflutet zu werden von etwas, das sie nicht erklären können. <<
Stammt aus diesem Interesse heraus auch deine Berufswahl? Ich denke, gerade als Psychotherapeut oder Psychiater geht man besonders intensiv in seiner Arbeit auf, wobei ich behaupten würde, dass dies eher eine Berufung denn ein Beruf ist.
>> Ich denke, in dem Beruf landet wirklich keiner rein zufällig. Das ist schon eine Sache, die eine bestimmte Faszination für Ungesagtes und Ungeklärtes, aber dennoch Vorhandenes mit sich bringt. Die muss man einfach haben. Man kann ja auch Jurist werden, aber da redet man über so eine formale Ebene. Ich habe Jura immer gehasst, denn ich habe immer gesagt "Aber das ist es doch gar nicht, worum es geht. Es geht doch hier um einen ganz anderen Konflikt". Nein, da werden Formalien durchgearbeitet, werden Paragraphen gecheckt und dann wird auf dieser Ebene manchmal auch ganz viel Unheil angerichtet, weil man nicht in der Lage ist darüber zu reden, worüber man eigentlich reden müsste. Das hat mich immer gereizt. Ich rede auch in meinem Freundeskreis oder in meinen Beziehungen immer Klartext. Gnadenlos. <<
Würdest du trotzdem von dir selbst behaupten, ein Träumer zu sein, der den ausgeprägten Wunsch in sich verspürt, die Gesellschaft und den Status Quo, so wie er sich darstellt, zum Besseren hin veränden?
>> Ein Träumer? Vielleicht dahingehend, dass ich mich freue, wenn Leute durch eine Therapie, egal ob bei mir oder bei jemand anderem, in der Lage sind zu sagen, dass es gar nicht an der Sitaution an sich liegt, sondern daran, dass man den Menschen dabei gar nicht gesehen oder gehört hat. Das ist von mir aus natürlich schon ein stückweit Idealismus und auch Hoffnung, dass Leute, die sich damit auseinandersetzen, dadurch mehr Transparenz bekommen und ihr Bewusstsein erweitern. Ich träume sicherlich nicht von einer besseren Welt. Wenn alle Menschen Therapie machen würden, wären bestimmte Dinge sicherlich leichter zu besprechen. <<
Sind Therapien und Psychologie bzw. therapeutische und psycholische Hilfe ein Allheilmittel?
>> Ein Allheilmittel, würde ich sagen, ist Therapie nicht, aber wenn man sich manche Leute anguckt, die dann irgendwann doch mal in eine Therapie kommen, die so richtig kontaktgestört sind, die keine Freunde haben, keinen Kontakt zur Familie oder keine Freundin haben, und das gibt es öfter als man denkt, wenn dann wirklich jemand für die da ist und sich für sie interessiert, dann werden diese Menschen ein stückweit lebensbejahender. So ist alleine diese Beziehung, die durch solch eine Bindung an eine Therapie entsteht, eine wichtige Voraussetzung, um im Leben weiter voran zu kommen. <<
Ist dies denn eine reale Ebene, schliesslich sollte man nicht vergessen, dass du letzten Endes auch dafür bezahlt wirst, dich mit den Porblemen anderer Menschen auseinanderzusetzen? Kann man einen Patienten wirklcih als geheilt entlassen, wenn die Bindung zum Therapeuten danach abreisst?
>> In der Regel sagen die Leute selbst, dass sie genug Stunden gehabt haben und nicht mehr kommen wollen. Ich selbst würde nie eine Therapie beenden, aber es gibt ja auch Vorschriften, wonach die Leute nach dreihundert Stunden auf jeden Fall gehen müssen. Es ist natürlich schon wichtig, dass man nicht so eine Zweier Traumwelt aufbaut, wo alles ganz nett und lustig ist und die Leute plätzlich in die Grausamkeit der Realität entlassen werden. Wer sich hundert Stunden mit sich selbst und seinem Freund auseinandergesetzt hat, oder mit seinem Arbeitgeber oder seinen Kollegen und dadurch dann auch mal die andere Seite kennenlernt, die fangen dann wirklich an zu hinterfragen, warum sie gewisse Erwartungshaltungen erfüllen sollten. <<
In deinen Texten thematisiert du immer wieder die Beziehungsbene zwischen zwei Menschen. Welchen Stellenwert bestitzt für dich die Liebe?
>> Ich denke, man fühlt am intensivsten, wenn man frisch verliebt ist. Da ist alles super; das ist die schönste Zeit, da macht die Arbeit Spass, oder man hält die Arbeit gar nicht mehr aus, weil man ständig auf die Uhr guckt und sagt "Gleich bin ich fertig. Endlich". Man ist für seine Umgebung ja dann auch unerträglich, beseelt von diesem anderen Menschen oder diesem Objekt. Das ist schon ein Zustand, in dem ich mich sehr deutlich spüre und sehr glücklich bin. Meine persönliche Tragödie ist aber, dass ich diesen Zustand nicht sehr lange aufrecht erhalten kann. Deswegen schreibe ich auch keine Texte, wenn ich verliebt bin. Die schreibe ich immer erst, wenn ich merke, dass die Beziehung zerbricht. Durch diese kreative Umsetzung spüre ich dann allerdings auch wieder eine gewisse Zufriedenheit. Was gibt es wichtigeres als die Liebe. <<
Wie schaffst du es, die Distanz, die zwischen dem Patienten und dir auf der einen Seite, und dem Publikum und dir auf der anderen Seite besteht, zu überbrücken?
>> Als Therapeut die Distanz zu überbrücken ist relativ einfach. Wenn du wohlwollend und freundlich bist, und den Leuten das Gefühl gibst, zuzuhören und sich für sie zu interessieren, dann geht das sehr schnell. Manche sind schon nach ein oder zwei Stunden in einer gewissen Form der Übertragungsliebe. Die Distanz zwischen dem Publikum und mir zu überbrücken, das gelingt mir nicht immer. Ich bin schon so weit Profi genug um zu wissen, dass dann Showtime ist, aber ich habe ja nicht so die Riesenfangemeinde und bei meinen Songs und meinen Texten kommt es schon immer wieder vor, dass die Leute während des Konzertes gehen, und das ist natürlich quälend. Ich erlebe das schon als eine Abwendung, aber ich hab´s mittlerweile akzeptiert, weil halt nicht jeder was mit dem Material anfangen kann. Das ist halt das Dilemma, was wir aber auch schon oft mit der Band besprochen haben. Wie willst du Leute zwischen Songs, wo es um Einsamkeit und das Ende von Beziehungen geht, anmachen? Deswegen habe ich mich mittlerweile darauf beschränkt, dass ich während den Songs gar nichts mehr sage. <<
Frustriert dich diese Abwendung des Publikums, wenn deine Erwartungshaltung an das Publikum und die von dir gewünschte Reaktion auf deine Songs nicht erfüllt wird?
>> Wenn du dreihundert Leute in der Halle hast, und alle dreihundert Leute bleiben und klatschen und du hast das Gefühl, das war ein geiler Abend, ist das super. Wenn hundert von den dreihundert gehen, hast du hundert eben nicht erreicht. Das ist natürlich nicht schön, ist aber im Moment, in dem ich jetzt bin, normal. Die Leute, die zu einem HIM- oder einem Rammstein-Konzert gehen, gehen natürlich nicht nach Hause, denn die haben alle Platten, sind Fans, schwören seit Jahren auf diese Band und saugen jeden Song in sich auf. Bist du in solch eine Position kommst, musst du einfach sehr viele Leute haben. Ich bin sicher, dass auch diese Bands früher Konzerte gegeben haben, wo die Leute einfach rausgegangen sind. Ich hab´s bei Helge Schneider erlebt. Ich habe ihn Ende der 80er in einem Theater gesehen, woi hundert Leute reingehen, und immer ist die Hälfte von denen gegangen. Die haben das nicht gewollt und sind deswegen ja keine schlechten Leute. Sie konnten einfach nix damit anfangen. Das ist natürlich etwas, das man auch aushalten muss, wenn man auf der Bühne steht. <<
Wobei gerade Kunst ja polarisiert und zwischen bedingungsloser Hingabe und vollkommener Ablehnung sämtliche Gefühlsspektren abgedeckt werden.
>> Natürlich, das finde ich ja auch ganz gut. Es gibt immer wieder Leute, die es hassen oder lieben. Das ist uns bei unserer Single noch extremer entgegen gekommen. Beim Album, da habe ich mich schon gewundert, sind wir ganz gut weg gekommen. Die meisten Leute fanden es gut, aber wenn es was auszusetzen gab, dann war es die Coverversion von "Dreiklangsdimensionen". Wir haben das bewusst gemacht. Erstens find ich es schön, so wie es ist, und zweitens war uns klar, dass die Radioleute das für sich in jedem Fall mal anspielen. Dann finden die das entweder so scheisse, dass sie die CD direkt wegschmeissen, oder sie lassen es laufen. Für die, die es dann so richtig scheisse finden, haben wir mit "Ich bin Gott" noch einen zweiten Track draufgepackt, in der Hoffnung, dass sie mal hören, wie der so klingt. Die entdecken ja dann immer auch gerne mal was. Mir ist es aber ganz recht zu polarisieren, denn dann hast du auf jeden Fall eine Wirkung. <<
Nach der Veröffentlichung des Vorgängeralbums war eine Kooperation war eine Zusammenarbeit mit Steve Naghavi geplant. Was ist daraus geworden?
>> Ich liebe ja Offenheit und Ehrlichkeit, und das war so. Mein altes Label, Ausfahrt, hatte die Idee und die haben dann Steve zu einem Showcase nach Hamburg eingeladen. Da war er, wir haben uns da kennengelernt, er war total enthusiastisch und wollte driekt einen Song ganz neu mit mir aufnehmen. Das fand ich auch super und ich mochte ihn auch, da er sehr nett war. Er hat dann über sein Management ein Angebot an Ausfahrt geschickt, was Ausfahrt zu teuer war. "That´s it". Die haben dann gesagt "Nee, machen wir nicht, ist uns zu teuer", und mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die einfach nur den Namen ins Spiel bringen wollten. Ich habe Steve dann noch zweimal eine E-Mail geschrieben, aber er hat sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht war er auch angepisst. Ich fand das nicht teuer. Er wollte dreitausend Mark für die komplett neue Produktion eines Songs. <<
Du bist in den zweiten Teil von "Kinder der Nacht" als Schauspieler involviert. Kennst du den ersten Teil überhaupt?
>> Nee. Kenn ich nicht. Der erste Teil war wohl eher so was ganz komisches. Ich habe jetzt einen Trailer gesehen und die Szenen, die ich selbst gedreht habe, und das ist ein C-Movie, aber schon mit einem professionellen Anspruch. Das hat mir schon sehr gut gefallen. <<
Wie kam diese Mitarbeit zustande?
>> Ich bin über einen befreundeten Redakteur dazu gekommen, der mich gefragt hatte, ob ich nicht für den Soundtrack zwei Songs beisteuern wollte. Hab ich gsagt "Klar, aber nur wenn ich eine Rolle bekomme". Die meinten dann, was ich denn spielen wolle, und ich meinte "Einen Arzt, der die Leute da foltert". Dann haben wir die Person zusammen entwickelt, doch dass es dann so brutal wurde, ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Aber, es hat mir schon Spass gemacht (grinst diabolisch, Anm.d.Verf.). <<
Hattest du vorher bereits schauspielerische Ambitionen?
>> Ich habe natürlich in allen meinen Videoclips die Hauptrolle gespielt, habe früher aber auch Theater gespielt. <<
Bist du sonst noch künstlerisch engagiert?
>> Ich habe schon zwei Bücher geschrieben. Eins ist sogar veröffentlicht. Das ist aber psychologische Fachliteratur. Es heisst "Das Geheimnis erfolgreicher Filme". Dann habe ich vor sechs oder sieben Jahren einen Roman geschrieben, den ich allerdings noch nicht angeboten habe. Da ist die Zeit noch nicht reif. Ich habe ihn mir vor kurzem nochmal durchgelesen, und das ist schon sehr, sehr krank. Es hat keine stringente Handlung und ist in so einer pseudopsychotischen Stimmung geschrieben. Es fing so an, dass mir morgens auf dem Weg zur Arbeit ein Spaten begegnete, der mir dann erzählte, warum er keine Lust mehr hat zu arbeiten. Ich habe dann alles beseelt. Waschmaschinen, den Spaten etc. Jeder Gegenstand in diesem Buch hat seine eigene Seele und seine eigene Identität. Alles lebt und alles ist lebendig. Hat mich im Nachhinein ein bisschen an "Naked Lunch" erinnert, wo die Schreibmaschinen auch ihr Eigenleben entwickeln. Aber auf so einem schlechten Trip wie er war ich eigentlich nicht. Ich habe auch ein neues Filmangebot für einen Film, der jetzt in Köln gedreht wird. Und ich soll in irgendeinem, von RTL produzierten Fernsehspiel mitspielen. Einen Vater, der seine Töchter missbraucht. <<
`Du hast offensichtlich schon einen Faible für psychotische Themen und Inhalte. Denkst du, dass es dein Beruf dir einfacher macht, sich in die Psyche solcher Menschen einzufühlen?
>> Natürlich. Ich habe bei RTL auch schon ein paar Dinge als Psychologe kommentiert, zum Beispiel, warum Michelle (die Schlagersängerin, Anm.d.Verf.) sich als missbrauchtes Mädchen outet. <<
Was denken deine Freunde und Bekannten über dich?
>> Also, die meisten meiner Freunde denken schon, dass ich nicht ganz ticke. Wobei … das stimmt nicht. Die sind eben zum grössten Teil bürgerlicher und konventioneller. Ausserdem gilt es ja als geflügeltes Wort, dass Psychologen selbst einen an der Waffel haben. Das denke ich allerdings nicht. Ich finde nur, sie sind in einem engeren Kontakt zu ihrem "Es", ihrem Unbewussten, und finden es dann auch okay, verrückte Sachen zu machen. <<
Ist dein Hang zum Sarkasmus und zum Schwarzen Humor sehr ausgeprägt?
>> Oh ja, auf jeden Fall. Ich mag Trash und Bad Taste, Monty Python find´ ich auch gut, da sind ja auch immer ganz grausame und lustige Sachen dabei. Ich mag schon Grausamkeit, aber nicht Brutalität. Ich bin jetzt kein brutaler Mensch. <<
Woher stammt dieses Interesse? Ist es rein beruflicher Natur, um zu sehen, wie die Menschen darauf reagieren?
>> Das war schon lange, bevor ich überhaupt diesen Beruf für mich gewählt habe. Ich war ind er Schule der, der gesagt hat "Wir müssen unbedingt in ´Uhrwerk Orange´", während alle andere lieber in die "Rocky Horror Picture Show" wollten. Oder ich habe gesagt, dass "Kettensägenmassaker" ein guter Film ist. Ich habe Szene aus diesem Fim nachgespielt und habe auch heute noch Statuen von diesem "Leatherface" in meiner Wohnung. Anthony Perkins mag ich sehr. "Psycho" ist ein geiler Film. Das hat mich immer irgendwie fasziniert. <<
Wie geht es jetzt in den nächsten Monaten weiter mit Dossche?
>> Für den Herbst ist eine Tour geplant, aber da kann ich noch nichts genaues zu sagen. Es gibt Verhandlungen mit einer grossen Firma im Osten, die vielleicht für uns das Booking macht. Dann gibt es Kontakte zu ein paar Clubs hier im Westen und Gespräche als Supprt für eine ähnlich klingende Band zu fungieren, aber da ist auch noch nichts in trockenen Tüchern. <<
http://www.dossche.de
Michael Kuhlen


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