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MAGAZIN :: Index: 'D' :: DIARY OF DREA ....

DIARY OF DREAMS
Verlust der Harmonie
Ist Adrian Hates tatsächlich der Freak, der er anhand der Promofotos zum neuen Album "Freak Perfume" vorgibt zu sein? Zumindest bei unserem nachmittaglichen Plausch, zu der uns Adrian in seinem neuen Domizil begrüsst, ist davon nichts zu merken. Selbst die legendäre und über die ganze Wohnung verteilte Zettel- und Post It-Sammlung, sonst Zeichen ungebremster, überschäumender Kreativität und hektischer Betriebsamkeit, ist einer häuslichen wie auch mentalen Aufgeräumtheit gewichen. Es scheint, als habe Adrian Hates nach anderthalb Jahren voller Up´s and Down´s seine Mitte und die verloren geglaubte Harmonie wieder gefunden. So wirkt "Freak Perfume", viel mehr noch als alle anderen Diary of Dreams-Alben zuvor, wie eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelt ihres Schöpfers. Fragile und bewegende, zum Teil auch sehr wütende und persönliche Texte sowie die einerseits enorm kraftvollen, auf der anderen Seite aber auch sehr intim wirkenden Arrangements lassen die Zerrissenheit von Adrian Hates während des Entstehungsprozesses noch einmal deutlich werden, wobei die Intensität der Auseinandersetzung kein verkaufstechnisches Kalkül sondern die ernste und aufrichtige Verarbeitung des Erlebten darstellt. Solch eine Intensität, aber auch der Mut, sich in der Öffentlichkeit dermassen offen und gefühlsbetont zu präsentieren, will gelernt sein, wie Adrian Hates unser Gespräch eröffnet.
>> Man muss sich Zeit lassen, sich zu entwickeln. Wenn ich jetzt mein Debüt gemacht hätte, so sehr ich mein eigenes Debüt auch schätze, was letzten Endes jeder Musiker auf sein Art und Weise tut, würde ich es heute komplett anders machen. Ich stehe dazu und finde es wunderbar wie es damals war, aber ich kann schon nachvollziehen, dass ein Label damals hätte viele Kritikpunkte an der Platte sehen können. Das hätte ich heute ganz genau so gemacht, wenn ich die Platte vorgelegt bekommen hätte. Torben und ich würden heute die "Pale" (Diorama-Debüt, d.Verf.) auch anders machen, aber sie ist klasse. Sie ist, so wie sie ist, wunderbar. Sie ist eine kleine Wave-Perle. Man muss auch irgendwann einmal mit einem Produkt und einem Projekt abschliessen und sie als Spiegel seiner Zeit sehen. << Gerade Diary of Dreams-Alben waren von je her mehr als nur eine Ansammlung von Songs, die über einen gewissen Zeitraum entstanden. Sie waren stets immer ein Gradmesser der Erfahrungen, die Adrian Hates im Zeitraum des Entstehens gemacht hat. Häufig offensichtlich, manches Mal aber auch in sehr hintergründiger Form, die sich dem Zuhörer eben nicht nach dem ersten Hören erschliesst. >> Ich finde, das erhöht ja auch gerade den Reiz. Wenn man weiter geht, weiter arbeitet und dann sieht, was man da gerade getan hat und wie man sich auch verändert hat. Man sieht die Rezensionen und das, was die Leute darüber schreiben, was zum Teil hoch interessant ist. Ich habe gestern eine E-Mail bekommen, was wahrscheinlich die positivste Resonanz auf eine Platte war, die ich jemals bekommen habe. Der Verfasser spricht in seiner Review von einem Meisterstück und einem Geniestreich. Ich hatte aber schon viele Sorgen mit der Platte und auch viel Angst vor den Resonanzen darauf, weil ich mich in viele Richtungen sehr viel getraut habe. << Die Erwartungshaltung dem neuen Album gegenüber war natürlich sehr hoch, denn die live dargebrachten und häufig neu arrangierten Versionen älterer Songs wie bespielsweise "Butterfly Dance" liessen ein eher untypisches und sehr beatlastiges Diary of Dreams-Album erwarten. Umso erstaunlicher, dass "Freak Perfume" trotz aller Veränderungen dann doch wieder eine typische Diary of Dreams-Platte geworden ist. >> Das Unvorhersehbare ist genau das, was uns schon immer ausgemacht hat. "Expect the Unexpected", sage ich immer. Wenn mich jemand fragt wie die nächste Platte wird, dann sage ich immer "hör sie dir doch erst mal an". Mit je weniger Erwartungshaltung man daran geht, desto gesünder ist das. Viele Leute haben bestimmt vorher gedacht "Uah, das wird bestimmt ´ne Future Pop-Platte". Sehe ich so braun aus, oder was (lacht). << Der Mut zu neuen musikalischen Dingen wird belohnt und äussert sich wohl am markantesten in der Art und Weise, wie Adrian sich dieses Mal mit seinem Gesang auseinandersetzt, besitzt dieser doch streckenweise eine ganz neue und für viele sicher unerwartete Klangfarbe. >> Das habe ich erst so empfunden, als mich viele Leute darauf hingewiesen haben. Für das Publikum gibt es einen Zeitsprung von zweieinhalb Jahren zwischen den Platten, in denen fast nichts veröffentlicht wurde. Was zwischenzeitlich auf irgendwelchen Samplern veröffentlicht wurde, war alles altes Zeug. Ich habe die "One Of 18 Angels" im Sommer 1999 geschrieben. Das muss man sich mal zeitrechnerisch vorstellen. Das sind zweieinhalb Jahre, was fast die Zeit einer kompletten Lehre ist. Man hat eine unglaubliche Fähigkeitsentwicklung, man lernt unheimlich viel, man denkt anders, hat komplett sein Umfeld geändert, und überhaupt ist der gesamte Lebensrhythmus ein völlig anderer als vor zweieinhalb Jahren. Ich bin an einem ganz anderen Punkt, kopfmässig wie auch lebensmässig, habe seitdem ganz viele Sachen erlebt, die unheimlich prägend waren und in diesen zweieinhalb Jahren natürlich auch unheimlich viel Musik gemacht. Es ist ja nicht so, dass ich zweieinhalb Jahre jetzt nichts gemacht und mich dann hingesetzt habe, wo auf einmal so ein Quantensprung da war. Das war für mich eine total fliessende Entwicklung. Mein Konzept ist es einfach, keines zu haben. Einfach drauflos zu basteln und zu gucken, was dabei rauskommt. Wenn es dir gefällt, gut, wenn es dir nicht gefällt, Tonne und fertig. Das erste, woran ich gearbeitet habe, war "Chrysalis". Ich habe da mit den Gesängen rumgebastelt und hatte schon tiefe Stimmen drunter gelegt, aber irgendwie passte das alles nicht. Das einzige, was da wirklich zwischen "Chrysalis" und den alten, balladesken Diary of Dreams-Sachen differiert, ist lediglich das Fehlen des Basses in der Stimme. Sie waren immer gedoppelt darüber, nur dass ich den Mix immer so gemacht habe, dass die tiefere Stimme etwas frontaler und der hohe Gesang dahinter oktaviert war. Das gibt dem Gesang eine Fülle. Wenn ich dann den oktavierten Gesang noch zweimal gedoppelt habe, rechts, links und aussen, dann hatte ich vom Gesang her eine unheimliche Dynmaik und einen unheimlichen Round-around-Sound. << Allerdings erinnere ich mich an einen Besuch im Labelbüro von Accession Records, wo Adrian genau jenen oktavierten Gesang vermisste, vornehmlich bei Demo-Bands, denen er sich in seiner Tätigkeit als Labelinhaber von Accession Records, sehr kritisch gegenüber äusserte. >> Ja, das kommt aber auch drauf an. Es gibt Musik, das hörst du auf dem neuen Album, wo ich es ja teilweise gedoppelt habe, da hängt es ganz einfach vom jeweiligen Song ab. Allerdings zerstört es einige Songs, wenn zuviel Gesang oder zuviel Kraft im Gesang da ist. Genau das meinte ich bei "Chrysalis". Ich habe mir das Stück angehört und fand es so zerbrechlich, so weit und so traurig, dass zuviel Wucht und zuviel Kraft im Gesang das Stück kaputt machen würde. Im Grunde ist es unfair, wenn plötzlich viele Leute sagen, dass der Gesang ganz anders ist. "Flood Of Tears", "Tears Of Laughter", da war das haargenau gleich. Das ist genau dieser zarte, weiche Obertongesang, nur dass er im Bassbereich etwas wärmer gemischt ist. Ansonsten ist der Gesang exakt gleich. Da gibt es noch mehrere Songs, die gesanglich sehr ähnlich gesungen sind. Der ganze Strophenteil von "Oblivion" zum Beispiel, oder "Colourblind vom letzten Album, was ebenfalls ganz weich und ganz einfühlsam gesungen ist. << Warum fällt diese Änderung im Gesang, die im übrigen eine gewisse Zerbrechlichkeit und Sensibilität in der Stimme suggeriert, dieses Mal aber mehr ins Gewicht, wirkt offensichtlicher? >> Warum fällt es diesmal mehr auf? Weil ich es dieses Mal mehr gemacht habe, in mehreren Teilen, und weil ich es dieses Mal spitzer oben drauf gemischt habe. Die Musik darunter ist auch nicht nur pur balladesk. Wenn es nur Klavier und ein bischen Streicher wären, dann würde es nicht so auffallen. Torben und ich haben oft hier gesessen, ich will jetzt nicht schlecht über andere Musiker reden, und uns diverse Sampler angehört, wo die Musik ganz vielversprechend beginnt, wir aber sofort weiter geskipt haben, sobald der Gesang eingesetzt hat. Man muss ja sehr vorsichtig sein, mit dem, was man so von sich gibt, aber ich finde schon, dass sich die gesanglichen Leistungen in dieser Szene sehr stark voneinander unterscheiden. Bei dem einen stört es, bei dem anderen stört es nicht. Es gibt auch Bands, bei denen es gerade besonders reizvoll ist, wenn es nicht so ganz akkurat klingt. Ich würde das aber nicht wollen. Ich doktore so lange an dem Gesang herum, bis er für meinen jetzigen Stand und meine jetzigen Fähigkeiten perfekt ist. Ich bin sehr zufrieden und warum soll ich nicht auch zeigen, dass ich das kann. Ich habe ja kein viertelstündiges Gitarrensolo mit Tapping und was-weiss-ich-noch gemacht. Die Soli, die ich gemacht habe, sind sauber und schön unter drunter eingebunden. Man merkt sie kaum und nimmt die Gitarre eher als Rhythmusinstrument wahr, obwohl es ein pures Soloinstrument ist. Nylon-Gitarre, sechssaitig, dreifach gedoppelt, das fällt fast gar nicht auf, obwohl ich fast einen halben Tag daran gesessen habe. Es ist nichts gnadenloser als dieses Instrument. Nylon-Saiten sind der Tod auf Socken. << Wieviel Arbeit sich Adrian Hates, nicht nur mit den Kompositionen, sondern vor allem auch mit der Produktion und den verwendeten Sounds macht, fällt auf, wenn man sich dem Schlagzeugsound zu Beginn von "The Curse" zuwendet. Jede Wette, dass selbst geübte Ohren hier Probleme haben, die synthetischen Sounds vom Originalklang eines Schlagzewuges zu unterscheiden. >> Danke. Da habe ich auch ziemlich dran herum gebastelt. An "Curse" habe ich drei Jahre lang gesessen. Christian (Berghoff, Accession-Labelpartner, d.Verf.) ist daran verzweifelt. Ich habe den Anspruch gehabt, das bis zur letzten Sekunde durchzutimen, und selbst dann immer noch zu frickeln. Ich habe alleine an einer kurzen Instrumentalstelle bei "Chrysalis", also ca. fünfzehn Sekunden des Songs, beinahe einen ganzen Tag gesessen. Da fasst du dir an den Kopf und drehst irgendwann ab. Das ist auch einer der Gründe, warum ich sage, dass ich alleine im Studio sitzen muss. Ich bin in verschiedenen Interviews gefragt worden, warum ich im Studio nicht mit einer Band arbeite. Ganz einfach: das hält kein Arsch aus. Du sitzt einfach nicht ruhig daneben, wenn jemand stundenlang an einem dreiviertel Takt, also fünfzehn Sekunden Spielzeit, sitzt. Da kriegst du eine Krise. Wenn du eine Band bist, musst du auch als Band arbeiten. Bei einem Projekt, also zu zweit, da würde das unter Umständen vielleicht gehen. <<
Stört es einen Perfektionisten, wie Adrian Hates es nunmal einer ist, wenn seine Hörer die Detailverliebtheit in punkto Sound oder Produktion nicht entsprechend zu würdigen wissen? >> Das ist mir so was von scheissegal. Wenn ich für diesen Hörer Musik machen würde, würde ich ganz andere Musik machen. Ich mache Musik ja für mich und für meinen persönlichen Anspruch an mich selbst. Das ist genau so eine Frage wie "bist du jetzt auf Kohle aus". Wenn ich auf Kohle aus wäre, bei Gott, dann würde ich andere Musik machen. Ich würde mich mit anderen Rhythmen und anderen Strukturen auseinandersetzen. Ich mache diese Musik, weil sie mir Spass macht. Ein Modern Talking- oder DJ Bobo-Sound, das ist nun wahrlich das geringste an Problemen,so etwas hinzubasteln. Es stört mich wirklich nicht, wenn dieses Arbeitsaufkommen, das ich da hatte, die vielen Stunden, die ich danach krank im Bett verbracht habe, weil ich mit den Nerven einfach völlig fertig war, vom Hörer nicht wahrgenommen werden. << Bei all der Komplexität, die die einzelnen Songs von Diary of Dreams mit all ihren unterschiedlichen Sequenzen kennzeichnen, stellt sich schon die Frage, wann Adrian für sich einen Song als kompositorisch und produktionstechnisch abgeschlossen betrachtet. Alleine von "O´Brother Sleep" existieren nicht weniger als fünf verschiedene und auch veröffentlichte Versionen. >> Das fragt mich jeder, aber das kann ich dir nicht sagen. Irgendwann sage ich "jetzt reicht es". Meist ist es ja nicht so, dass du vier Sampleranfragen auf dem Tisch und noch eine Albumversion parat liegen hast. Es ist eher so, dass man sich erst seine Albumversion aussucht. Ich wollte von "She" und "O´Brother Sleep" auf jeden Fall eine Version auf das Album nehmen, die den Maxiversionen sehr ähneln. Ich wollte keine stilistischen Gratwanderungen haben, sondern einen Wiedererkennungswert zur Maxi. Dir wird sicher aufgefallen sein, dass auch die "AmoK"-Version schon deutlich anders ist als auf der Maxi. Teilweise geradliniger, teilweise etwas vertrackter und verstrickter. Das hat mir gut gefallen. Ich wollte das man das Gefühl hat, auch als ganz klassischer Kunde, nicht abgezockt worden zu sein. Das ist ja sonst fast schon dieses klassische Depeche Mode-System, wo sich alle Maxiversionen hinterher auch auf dem Album wiederfinden. Ich wollte schon, dass man hört, dass man sich mit dem Material in jeder Stufe der Veröffentlichung neu auseinandersetzt. Ich wollte einen neuen Song kreieren, einen neuen Charakter sozusagen. "AmoK" ist da das beste Beispiel. Drei Re-Interpretationen eines alten Songs. Das fand´ ich total spannend. Im Gästebuch meiner Homepage hat einer geschrieben, das wäre blanke Abzocke und schnelle Geldmacherei. Gratuliere, wirklich sehr intelligenter Kommentar. Für jeden Remake eines Songs benötige ich mehr Zeit als einen neuen Song zu schreiben. Das kannst du einen drauf lassen. << Wo liegt dann der besondere Reiz Songs älteren Datums immer wieder neu aufzunehmen und umzuarrangieren? Ist es einfach die Gelegenheit sich immer wieder selbst zu entdecken, vielleicht auch wieder neu zu erfinden? >> Ja (zögernd), massgeblich aber auch, neue Freude an alten Songs zu haben. Man muss sich mal überlegen, wie oft man die Sachen hört oder auch spielt. Ein neuer Akkord oder eine neue Bassline kann für mich schon so ein Motivationsschub sein, dass ich das Stück wieder hochmotiviert auf der Bühne präsentieren kann. Wenn ich heute immer noch die "Cholymelan"-Versionen von den frühen Stücken spielen müsste, wäre ich zu Tode gelangweilt. Ich finde es einfach aufregend sich seine Konzerttour mit neuen Versionen zu bestücken, auf der Bühne zu stehen und einen frischen Kick von den alten Stücken zu bekommen. Ich finde es ausserdem spannend, das Publikum mit den neuen Versionen zu überraschen. Es muss immer diese Linie zu den alten Versionen zurückführen; diese müssen immer noch erkennbar sein. Ich möchte nicht, dass man da steht und zugeben muss "ja, kommt mir schon bekannt vor, aber ich weiss jetzt nicht, was das ist". Dann hätte man sein Ziel verfehlt. Ich finde, "Victimized", "Butterfly Dance" oder "Exile" sind Granaten. "Exile" spielen wir seit 1997. Jedes Konzert. Und vor jedem Konzert hast du auch noch Proben. Überleg mal, wie oft man das Stück bis dahin schon gespielt hat. Das ist dann fast das "Just Can´t Get Enough Depeche Mode-Syndrom". Die armen Jungs tun mir so leid. Jedes Mal, wenn die das Stück spielen, denke ich nur: "Mein Gott, müsst ihr kotzen, wenn ihr auf Tour geht". << "Freak Perfume" ist, wie bereits angedeutet, mehr als nur eine Sammlung von Songs, die seit dem letzten Album "One Of 18 Angels" vor zweieinhalb Jahren entstanden, sondern vielmehr ein Psychogramm dessen, was Adrian Hates, der in den letzten anderthalb Jahren sowohl auf privater wie auch geschäflticher Ebene eine Reihe unschöner Erfahrungen und Veränderungen hinnehmen musste, erlebt hat. So spiegelt sich die mentale Zerrissenheit der letzten Monate in der Person des Freaks, ausgestossen und verachtet, von der Gesellschaft nicht wahrgenommen und nicht anerkannt. Warum nun diese Direktheit? >> Es ist bei jedem Kapitel so, dass ich die anderthalb Jahre schildere. Bei einigen Sachen habe ich es nur noch mehr vertuscht. Viele Zuhörer werten bestimmte Dinge sehr direkt. Es gibt Fans, die mir seit dem ersten Tage erzählen, dass meine Stücke nur nach Sehnsucht von Liebe handeln. Da kann ich nur sagen: "Leider falsch verstanden. Setzen, sechs". Auch beim neuen Album ist es so, dass viele Dinge mit vergangener Liebe interpretiert werden, die aber viel mehr mit verlorener Harmonie zu tun haben. Es ist gar nicht mal so, dass ich einem bestimmten Zustand mit einer Person hinterhertrauere, sondern vielmehr einem Gefühlszustand den ich hatte. Das ist eine ganz andere Basis. Wenn jemand verlorener Liebe hinterhertrauert, dann heisst das, dass er diese Person zurückhaben will. Das will ich gar nicht, da befinde ich mich überhaupt nicht. Ich befinde mich da, dass ich eine Zustand, einen Gefühls- oder einen Gemütszustand vermisse. Ich habe ohnehin eine etwas verworrene Theorie über den Zustand der Harmonie. Ich glaube, dass der Mensch in Harmonie geboren wird, Tag für Tag ein Stück dieser Harmonie verliert, und dass es das Ziel seines Lebens sein muss, diese Harmonie zurückzuerlangen. Ich glaube, dass dies 99,9 Prozent aller Menschen nicht gelingt und erst im Moment des Todes die Harmonie zurückkehrt. <<
Was macht für Adrian Hates den Inbegriff von Harmonie aus? >> Vollkommenheit, Balance, Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, in sich monopolisierte Ruhe. Es gibt ganz, ganz viele Menschen, die nicht einen Funken Ruhe in sich haben. Mit solchen Menschen kann ich überhaupt nicht klar kommen. Ich brauche immer Menschen, die eine gewisse Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlen. Diese Unruhe überträgt sich sofort auf mich. Da werde ich völlig kribbelig. << Das durchgängige Thema von "Freak Perfume" ist das des Verlustes, dem Verlust der Bezugsperson, von Liebe, Realität und vor allem dem Verlust von sich selbst. All dies kann dazu führen, dass der Mensch zum Freak wird, sofern er nicht die mentale Stärke besitzt, diesen Verlust zu kompensieren. >> Ja, denn der skeptische Mensch zweifelt grundsätzlich an sich selbst zuerst. Es sind halt in den letzten anderthalb Jahren wahnsinnig viele Dinge passiert, wo ich mein Leben erstmal neu sortieren und erkennen musste, was nun der Ort und der Platz ist, an den ich hin gehöre. Man muss sich das einmal vorstellen, in einer Phase, in der man den Kopf voll mit Problemen hat, muss man sich in ein Studio setzen und eine Platte machen, was grundsätzlich für mich eine ganz gute Ausgangsvoraussetzung ist. Ein kleines Problemchen, eine kleine innere Reibung zu haben, ist für mich immer eine ganz gute Ausgangssituation, weil ich diese dann in meinem Kopf virtuell multiplizieren und dann in entsprechender Atmosphäre wunderbar meine melancholischen Kompositionen machen kann. Wenn es erst mal so ist, dass alles so überladen ist, quasi die Speicherkapazität des Kopfes überladen ist, dann sitzt man schon da und merkt, wie man seine Gedanken nicht mehr von diesem Thema wegbekommt. Dann muss man sich wirklich schon sehr lösen. Ich habe eine Arbeitsweise entwickelt um mich immer wieder aus meinem Alltag herauszureissen und mich in meine virtuelle Studiowelt hinein zu projezieren, indem ich grundsätzlich erstmal technische Sachen mache. Ich habe mir meist den Song vom Vortag draufgeladen, am Arrangement gearbeitet, Audiospuren bearbeitet und Schnitte gemacht. "Pille Palle"-Kram halt, die einfach nur Zeit kostet, aber gemacht werden muss. Irgendwann merkst du dann, wie der Kopf anfängt abzuschalten. Du musst dich auf das konzentrieren, was du tust, aber du brauchst den emotionalen Teil deines Kopfes nicht. Der liegt dann irgendwann brach, schläft und du machst deine motorischen Bewegungen. Dann merkst du irgendwann, dass du jetzt fertig bist, zwei, drei oder vier Stunden da gesessen hast, und dann setzt du dich hin und fängst an, an was neuem zu arbeiten. Da war es dann meist schon so, dass es bereits dämmerte, was sowieso schon mal gut ist. << Wird man durch den Verlust von Harmonie zum Freak? >> Ich weiss es nicht. Diese Freak-Identifikation hat schon aus etwas Zynisches und Sarkastisches an sich, aber die meisten Leute verstehen ja nicht, was ich sage und was ich denke. Die meisten Leute schütteln den Kopf und denken, wie sich ein Mensch nur mit solchen Inhalten auseinandersetzen kann und empfinden das als vollkommene Zeitverschwendung. Die machen die Fernbedienung an und denken "die Flimmerkiste läuft wieder". Das ist ein gewisser Bewegungsmechanismus. Sich mit bestimmten Dingen nicht auseinanderzusetzen ist halt viel, viel bequemer und einfacher. Grundsätzlich ist es so, dass Menschen mit einem einfachen Gemüt viel glücklicher sind als Menschen, die komplizierter gestrickt sind, die mehr Inhalte finden wollen, als sie sehen. Ich glaube, dass der Mensch, der seinem komplett geregeltem Leben nachgeht, einfache Bedingungen in seinem Leben hat und nicht viel von seinem Leben verlangt wahrscheinlich der Glücklichere ist. << Erschreckt Adrian Hates manchmal vor sich selbst, wenn er ältere Texte aus seiner Feder noch einmal liest oder sich erst im Nachhinein ihrer wahren Bedeutung bewusst wird? >> Ja, ich könnte jetzt Herbert Grönemeyer zitieren, aber das habe ich im "Zillo" bereits gemacht (lacht). Grönemeyer hat nach seiner letzten Platte gesagt, als seine Frau und sein Bruder gestorben waren, dass es ihm unglaublich Angst gemacht hat, dass er viele seiner Texte erst dann verstanden hat, als sie, in der Kombination mit dem Tod seiner Frau und seines Bruders, bereits veröffentlicht waren. Wenn du seine Platte auf diesen Inhalt hin hörst, ist das echt ziemlich abgefahren. Da sind viele Sachen drin, die da ziemlich hin spielen. Ich kann jetzt aber nicht sagen, dass mich das bei mir primär erschrecken würde. Ich habe mich aber auch nicht sehr viel mit alten Texten auseinandergesetzt. Das ist zwar ganz interessant, aber eben nur manchmal. << Schwer vorstellbar ist, wie die Stücke Diary of Dreams´ in ihrer Rohfassung entstehen. So verhält sich die emotionale Tiefe der Texte proportional zur Vielschichtigkeit der Arrangements und ein originärer Ausgangspunkt lässt sich faktisch nicht ausmachen, weder von der lyrischen noch von der musikalischen Seite her. >> Ich habe da kein Konzept. Ich hatte einen Abend, da ging es mir aus privaten Gründen unheimlich schlecht und ich war kurz davor alles hinzuschmeissen. Das hatte ich in den letzten Jahren mehrfach. Manchmal ist das schon ein sehr undankbarer Job. Das war der Moment, wo ich dann richtig durch war, zumal dann auch noch ein unerfreulicher Telefonanruf dazu kam. Darauf habe ich mich hingesetzt und drei Texte an einem Stück runtergeschrieben. Aus einem Guss. Die Dinger sind so, wie ich sie da geschrieben habe, auf der Platte gelandet. Ich glaube an den Wert von Wortes des Momentes. Das ist für mich ein sehr wichtiges Gut, denn diese momentane Widerspiegelung, gerade, wenn es so aus einem Guss runtergeht, hat, so wie es ist, einen Sinn. Dann ja nicht mehr daran herumdoktorn. Lass es so wie es ist. Es hat etwas Heiliges an sich, wenn ich das so sagen darf. <<
"Verdict" ist einer der Songs, an der sich die Arbeitsweise von Adrian Hates gut nachvollziehen lässt. >> Die musikalische Komposition ist partiell ein uraltes Stück aus dem Jahre 1992. "Flood Of Tears" oder "Tears Of Laughter" waren ebenfalls ältere Stücke. Das ist für mich auch wieder ein Anreiz, denn die Kompositionen von früher besitzen manchmal eine wunderschöne musikalische Naivität, und diese so ein bisschen aufzupolieren ist sehr reizvoll. Das ist wie ein altes Möbelstück oder eine alte Münze, die man poliert und die wieder einen richtig schönen Glanz bekommt, trotzdem aber noch etwas archaisches an sich hat. Das ist etwas, was mir Spass macht, wie zum Beispiel auch "Play God!". "Play God!" war eigentlich schon für die letzte Platte gedacht, war fix und fertig und wurde auch schon letztes Jahr im September live gespielt. << Wie intensiv Adrian Hates an und mit seinen Songs arbeitet wird aber erst dann wirklich deutlich, macht man sich der Grösse seines Fundus von über vierhundert unveröffentlichten Songs erst einmal wirklich bewusst. Adrian Hates als Workaholic zu beschreiben scheint bei dieser unfassbaren Anzahl eine schiere Untertreibung. >> Damit könnte ich die nächsten Alben komplett so fertig machen, ohne einen neuen Song zu schreiben. Nur, das macht keinen Spass. Der Spass an einer neuen Platte ist ja die Vermischung der verschiedenen Möglichkeiten, das heisst mal einen Text vor sich zu haben, zu dem man mal die Musik macht, mal Text und Musik gleichzeitig entstehen zu lassen und dann aber auch die Musik komplett fertig zu haben um dann den Gesang da hineinzupacken. Mal ist es aber auch interessant etwas altes zu nehmen und das textlich wie musikalisch aufzupolieren. "She And Her Darkness" ist auch kurz nach "One Of 18 Angels" entstanden. Das kann man eigentlich auch noch zu dieser Phase dazurechnen. Die Ausarbeitung und Durchinterpretation ist allerdings jetzt erst entstanden. Man muss dazu sagen, dass diese Stücke alle noch auf meinem alten Rechner entstanden, das heisst, ich musste die Songs auf den neuen Rechner importieren, womit der Song zunächst mal komplett kaputt ist. Man muss den Song dann erst einmal neu aufbereiten, was schon mal vier bis fünf Stunden dauern kann. Und das ist scheisse… das ist richtig scheisse (lacht). << Als heimlicher Publikumsfavorit des neuen Albums scheint sich das deutschsprachige "Traumtänzer" herauszukristallisieren. Nun ist die Verwendung der deutschen Sprache ein bereits zuvor verwendetes und demnach kein neues Stilmittel, neu erscheint einzig die Offenheit und der emotionelle Ausdruck in der Verwendung der Heimatsprache. >> Die deutsche Sprache war immer schon irgendwo präsent, sei es durch Wortspiele, durch Samples oder in Fragmenten, allerdings natürlich in ganz anderer Art und Weise, als wir es jetzt gemacht haben. Bei "Traumtänzer" ist es so, dass der Song zum ersten Mal in klassischem Sinne in Deutsch gesungen ist, wo ich eine unheimliche Hemmschwelle vor hatte. Ich wollte halt nicht zu einem gewissen deutschmusikalischem Klientel gezählt werden. Ich mache keine Todeskunst und habe nie etwas damit zu tun gehabt. Das ist das eine, und das andere ist, dass ich finde, dass deutsche Texte oft sehr plump wirken. Sehr stolpernd und sehr unbeholfen, was ich auch nicht mag. Ich habe das Ding auch zuerst in Englisch eingesungen, mit einem ganz anderen Text, was aber ganz komisch war. Ich sass davor, die Musik war fertig und gefiel mir auch, auch der Gesang als solches, aber irgendetwas stimmte einfach nicht. Es war ganz komisch und ich kann es auch nicht so richtig erklären. Das ist ein Gefühl, das sagt "passt nicht". Ich habe die Gesangsspuren dann wieder ausgemacht und angefangen in meinen Texten herumzuwühlen. Die Musik lief dabei im Hintergrund weiter und dann ist mir ein Text in die Hand gefallen, ein deutsches Gedicht, was ich halt mal geschrieben habe, als ich auch wieder ein besonders "schönes" Erlebnis hatte, den ich dann versucht habe zu singen, und der war wie dafür gemacht. Dann habe ich den Refrain noch ein bisschen konstruiert, der aus anderen Fragmenten bestand, die etwas repitativer und zyklischer sein mussten, und "bumm" war der Text fertig. << "Rebellion", der zweite, zumindest in Ansätzen, deutsche Text des Albums offenbart mit den folgenden beiden Zitaten mehr über die Persönlichkeit Adrian Hates´, als viele andere Worte es vermögen: "Das Einzige, woran ich wirklich zu glauben vermag, ist die Wut" und "Ich möchte die stille mein Eigen nennen. Mein Besitz." >> Das sind in der Tat auch meine Lieblingszeilen. Sie sind sehr einfach und rein vom poetischen Charakter nicht sehr tiefgründig. << Sagen aber sie sehr viel über den Menschen Adrian Hates aus. >> Ja. Ich bin abends aus dem Studio gekommen und alles brummte um mich herum. Ich habe irgendwie nur Lärm gehört, nicht weil es laut war, sondern weil mein Kopf irgendwie keine Ruhe fand. In diesem Moment habe ich das so vor mich her geflüstert: "ich möchte die Stille mein Eigen nennen". Am nächsten Tag bin ich hingegangen und habe gesagt, "ich muss heute etwas machen, was meinen Kopf beruhigt und mir wieder etwas Frieden gibt". Da war "Rebellion" schon entstanden. <<
Wortspielereien gehören immer schon zu Diary of Dreams. Man denke nur an "Psychoma", wo die Doppeldeutigkeit der Konnotationen schon beinahe auf die Spitze getrieben wurde. Auch "Freak Perfume" verschliesst sich dieses Spieles der Worte nicht, wie Stücke wie "Traum:A" (= Trauma) oder "AmoK" (= Amok) nachhaltig unter Beweis stellen. >> Da ist fast kein Aas drauf gekommen. Hat mich doch wirklich so ein "Kleingärtner" gefragt, ob der Text nicht ein wenig einfach strukuriert wäre. Einfach zu singen "ich bin okay". Was soll ich zu solchen Menschen sagen? Wenn sie sich nicht die Mühe machen wollen zu verstehen, dann lassen wir´s halt. Mir ist das egal, nur wer ein bisschen meine Arbeit kennt, der müsste genau wissen, dass ich niemals "ich bin in Ordnung" singen würde, ohne da mehr reinzupacken. Du kannst es so geil rumdrehen und herum interpretieren: "I am okay, if I amok" oder "I amok if I´m okay". Du kannst es in die verschiedensten Konstellationen bringen und jedes Mal gibt es diesem Text eine völlig andere Aussage. Dann noch die Bindestrichaktion zu machen, mehr habe ich keinen Bock, den Leuten als Ideenvorlage zu geben. Ich glaube aber schon, dass das Gros der Leute dies erkannt hat und nur einzelne Individuen darüber stolpern. << Das spricht allerdings schon dafür, dass Diary of Dreams einen gewissen intellektuellen Anspruch bei ihrer Hörerschaft voraussetzen. >> Ich erwarte das nicht, das müssen die Leute selber wissen, Wenn sie Freude an der Musik haben, ohne sich damit intellektuell auseinandersetzen zu wollen, ist das für mich genauso okay. Jeder soll damit umgehen, wie er will, nur darf man nicht an irgendetwas herum kritisieren und sagen "das ist aber albern", wenn man sich vorher nicht mal eine Sekunde lang damit auseinandergesetzt hat. Dieser Schuss geht halt nach hinten los. << Das neue Album ist veröffentlicht, eine neue EP bereits in Planung und auch eine Tournee steht im Herbst wieder auf dem Programm. Nachdem auf der letzten Tour Torben Wendt aufgrund eines Auslandaufenhaltes im Rahmen seines Studiums nicht dabei war, dafür allerdings mit Daniel Myer (Haujobb, Cleaner) ein zusätzlicher Percussionist und mit Katja eine neue Gitarristin für Alistair Kane auf der Bühne standen, taucht unweigerlich die Frage auf, wer neben Adrian die anstehende Tour bestreiten wird. >> Viele Leute haben mich gerade in letzter Zeit auf diese Line Up-Wechsel angesprochen und sich vielleicht auch ein klitzkleines bisschen kritisch dazu geäussert. Es liegt natürlich nahe, dass man mir dann so den Egozentriker oder Egomanen nachsagt, wenn sich das Line Up so schnell ändert, aber wenn man sich mal so den einzelnen Menschen anguckt und betrachtet, wie viele Lebensabschnittspartner ein Mensch innerhalb von zwölf Jahren in der Regel hat, dann würde ich mal sagen, dass ich mit der Anzahl der Musiker, mit denen ich kooperiert habe, auch nicht wirklich über diesem Schnitt liege. Olaf ist jetzt schon ewig dabei, Torben und ich sind nach wie vor superdick. Es hat halt nur zeitlich nicht geklappt, was auf ein Publikum natürlich auch anders wirkt, als es in Realität natürlich ist und unser ehemaliger Gitarrist war wirklich der erste Musiker, von dem ich mich während dieser Diary of Dreams-Zeit getrennt habe. Das war im Januar letzten Jahres. Das ist ja nun wirklich nicht der Wahnsinn. Es sind nur Leute dazu gekommen, nicht gegangen. Christian ist gegangen, Christian Berghoff, aber es war sein Entschluss und er ist von der Band zum Label gewechselt. Das ist halt so, als ob man die Abteilung wechselt. Es war halt nicht sein Leben, das Leben auf der Strasse oder im Tourbus. Er hat da mal Bock drauf, aber er braucht ein bisschen Regelmässigkeit in seinem Leben. Er würde mal gerne eine Tour mitmachen, aber nicht zyklisch. Nicht Jahr für Jahr dieses Pensum absolvieren. Im Studio die Nächte zu verbringen, das ist nicht seine Abteilung. Das macht ihm mal Spass und es wäre auch fast dazu gekommen, dass er auf dem Album ein bisschen Gitarre gespielt hätte. Das wird er mit Sicherheit auch auf einer der nächsten Platten wieder tun. Das aktuelle Line-Up wird sich sicherlich wieder auf den Kopf stellen. << Zum unverzichtbaren Bestandteil der Diary of Dreams-Community ist Fotographin Silke Jochum geworden, die sich für sämtliche Bandphotos und in Abstimmung mit Adrian Hates auch für die Covergestaltung des neuen Albums verantwortlich zeichnet. Überhaupt fällt auf, dass der Zusammenhalt im Lager der Band und der Leute, die die Band, in welcher Form auch immer, schon seit Jahren businessmässig betreuen, sehr gross ist und, wie im Falle Silke´s, auch imagebildende Funktion übernehmen. >> Silke ist natürlich auch irgendwie Urgestein. Gut, das du das erwähnst. Es ist ganz lustig, dass sich im Grunde zwar diese aktiven Musiker in einem gewissen Zeitabstand geändert haben, die Backgroundcrew aber vom Tag 1 bis heute die gleiche geblieben ist. Da hat sich nichts geändert. Alexander Stütz, der Tontechniker auf Tour, ist seit 1992 dabei. Stefan Ott, der Lichttechniker, war der erste Techniker, den wir hatten. Rainer Assmann, der Co-Produzent, der alle Sachen mitgemixt hat, bis auf die "O´Brother Sleep"-Maxi. Alles andere hat er seit 1994 mit co-produziert und gemischt. Das war der erste Tontechniker, den ich mir ins Studio geholt habe. Dann habe ich Silke Jochum und Martin Hopfengart, die grundsätzlich alle meine Fotographien gemacht haben. Silke massgeblich, und Alexander Gerold alias User, der alle graphischen Umsetzungen und Bearbeitungen bisher gemacht hat. Das Team der Leute, die da im Hintergrund arbeiten, ist immer noch das gleiche. Das spricht halt dafür, dass die Leute auch mit mir klar kommen. Es ist also keinerlei Verhaltensstörung meinerseits, dass ich irgendwie mit Menschen nicht klar komme würde. Das haben viele Leute aus diesen Besetzungswechseln ja geschlussfolgert. <<
Stilprägend und mit einem hohen Wiedererkennungswert versehen ist seit je her das Artwork der Veröffentlichungen Diary of Dreams´. Da macht auch "Freak Perfume" keine Ausnahme, wobei die graphische Umsetzung und die beeindruckenden Fotos die Atmosphäre des Albumtitels perfekt wiedergeben. Wie gross ist der Einfluss und die Ideengebung von Adrian auf das Artwork seiner Veröffentlichungen? >> Das war mein Vorschlag, meine präzise Vorgabe. Die Verbindung zum Album liegt massgeblich in der Kontradiktion, im Gegensatz. Das ist genau wie bei "End Of Flowers", wo wir einen ähnlichen Gegensatz im Booklet und im Bild gehabt haben. Wie ich da Einfluss nehme: 1.) ich entscheide grundsätzlich. Es gab für diese Platte vierzig Coverentwürfe, von denen ich neununddreissig abgelehnt habe, 2.) ich liefere grundsätzlich die Ideen. Ich sage genau, "so und so stelle ich mir das vor" oder "ich will das gerne so haben". Meine Angaben sind da schon sehr präzise, was auch in der Vergangenheit immer so war. Was die Puppe angeht, so hat Silke weisse Latex-Farbe genommen und ich habe dickflüssige weisse Milch gesagt. Das war halt einfacher, da sie das Problem hatte, dass die Puppe abgesunken ist und sie die nicht an der Oberfläche halten konnte, so dass das Gesicht so richtig aus dem Weiss herauskommt. Das Booklet hingegen ist halt genau das Gegenteil von sauber, rein und ästhetisch. Es ist verbraucht, dreckig und kaputt und hat halt das Flair und die Charakteristik des Titels. << Dreckig, kaputt, verbraucht, das sind Dinge, die visuell durch den Betrachter wahrgenommen werden und den Freak kategorisieren. Anders verhält es sich mit dem Parfüm und seiner Wahrnehmung. >> Ich sehe das massgeblich als Identifikation oder als Handschrift. Geruch ist ja nicht nur einfach Geruch. Geruch ist eine massgebliche Charakterinformation. Du nimmst das als Mensch extrem wahr und ordnest das, sortierst das und setzt jemanden nicht nur in ein optisches Rahmenfeld, sondern auch in ein Geruchsrahmenfeld. Du kategorisierst Menschen anhand bestimmter Geruchsnuancen, die verschiedenste Auswirkungen auf dein Denken, dein Fühlen und deine Identität haben. Ich habe gesagt, dass das, was du siehst, nunmehr äquivalent zu dem ist, was du riechst. Und das, was du riechst, ist wiederum die Handschrift und der Charakter des Typus "Freak", also die Identifikation dieses Wesens. Es ist das, was ihn ausmacht. Es ist sein Wesen, so muss man das interpretieren. Das spiegelt sich dann auch in den Foto-Shootings wider, in der Art und Weise, wie dieser Mensch haust, wie er sich darstellt und wie er sich dann, wiederum in den Texten, auch ausdrückt. Was sein Ziel ist, was er macht und was er möchte. << Wie und wann entstand dieser Freak vor Adrian´s geistgem Auge? Wann findet man neben der Musik und der Labelarbeit die Zeit, sich auch noch so intensiv mit der Idee für die graphische Umsetzung des Albumtitels auseinanderzusetzen, ganz zu schweigen von der temporären Identifikation mit dieser selbst erschaffenen Kunstperson? >> Kann ich dir nicht sagen. Das sind ja meist irgendwelche Zusammenhänge, die etwas komplizierter sind. Die entstehen meistens aus sich selbst. Das ist eine Verkettung von Ideen, wo sich das eine aus dem anderen heraus ergibt. Im Grunde auch dadurch, dass ich über diesen Menschen schreibe. Man lernt diese Person kennen und erkennt, dass der Mensch, den man da beschreibt, der Bestandteil von einem selbst ist, in der Vermengung mit anderen Charakteren. Man beginnt eine Geschichte über diesen Menschen zu erfinden. Ich habe mal gehört, dass Schriftsteller, wenn sie anfangen ein Buch zu schreiben, keine Geschichte vor Augen haben. Die Geschichte entsteht, während sie schreiben. So kann ich mir das auch vorstellen. << Künstler im allgemeinen, unter ihnen naturgemäss auch viele Musiker, greifen in ihren Arbeiten das aktuelle Zeitgeschehen oder bestimmte Modeströmungen auf und verarbeiten diese in ihrer Kunst. Anders Diary of Dreams, die den Menschen und seine Gefühlswelten in den Mittelpunkt stellen und die Gründe für dieses oder jenes Verhalten hinterfragen, dabei jedoch stets einen bestimmten Anspruch an sich selbst wahren. >> Ja, das ist ganz witzig, denn es gibt gewisse Worte, die ich hasse und die du niemals in meinen Texten finden wirst. Du wirst niemals Worte, ich sage das jetzt in deutsch, wie Hochhaus, Auto oder Autobahn in meinen Texten finden. Modernes Wortgut wirst du bei ebenfalls mir nicht finden. Nur das, was sprachlich ist und nichts beschreibendes an sich hat, denn das hat durch seine Bedeutung für mich eine Hässlichkeit. Solche Worte haben für mich kein Interesse. Auch Worte wie "Baby" würde ich nur benutzen, um mich über diesen Terminus lustig zu machen, um ihn zu abstrahieren und ihn im Grunde zu entstellen. << Seit Jahren sehr beliebt sind Remixe oder Remixarbeiten für andere Künstler, nur Diary of Dreams machen da eine Ausnahme. So gibt es schlichtweg keinen Remix von Adrian Hates für andere Künstler, und auch den Remix eines Diary of Dreams-Songs durch einen anderen Künstler wird man vergeblich suchen. Wo liegen die Gründe für diese Abstinenz? >> Jetzt muss ich mich wohl von meiner Label-ID trennen, denn die sagt mir natürlich, dass es in vielen Situationen ganz, ganz falsch ist, das zu machen. Warum ich keine Remixe mache, hat einen ganz einfachen Grund: ich habe keine Zeit. Wenn ich mich jetzt hinsetzen und Remixe machen würde, dann müsste ich mich mit viel Mühe und viel Liebe hinsetzen und an den Dingen arbeiten, weil ich grundsätzlich wollen würde, dass die Mixe tiptop sind. So stosse ich auf das Problem, dass ich mich entscheiden muss, ob ich diese Zeit lieber für den Remix brauchen oder lieber dafür verwenden würde, an eigenem, neuen Material zu arbeiten. Da arbeite ich natürlich dann lieber an eigenen, neuen Sachen. Meine Zeit ist zu rar, um sie in andere Projekte zu stecken. Da habe ich keine Lust drauf, auch wenn ich massig Anfragen bekomme. Weich werden würde ich allerdings, wenn Anfragen von Kate Bush oder Peter Gabriel kommen würden (lacht). Warum lasse ich mich nicht remixen? Ich mag es nicht, weil ich das Gefühl habe, dass die Leute nicht mit Verantwortung an diesen Stücken arbeiten. Wenn du einen Text hast, der nur der stimmlichen Vertonung eines Instrumentariums dienen soll, dann brauchst du dir auch keine Sorgen machen, dass das irgendwie falsch in Form oder in musikalischer Hinsicht falsch umgesetzt wird. Ich möchte aber einfach nicht, dass aus meinen Stücken etwas gemacht wird, das ich aus meinen Stücken nicht gemacht sehen möchte. In den meisten Fällen sind Remixe Verkaufsaspekte und ich glaube nicht, dass ich diese brauche (lacht). Wenn man nur durch die Interpretation eines anderen glänzt, dann ist der Glanz doch, gelinde gesagt, für´n Arsch. Wenn der Remix den Zweck erfüllt, was ganz anderes zu machen um dem ganzen eine völlig andere Farbe zu geben, dann kann das ein Reiz sein. Das muss aber unheimlich gut geplant sein, unheimlich vorsichtig ausgewählt sein, und ehrlich, die Leute, die ich da beauftragen würde, könnte ich mir im Leben nicht leisten. Ich würde allerdings gerne mal ein Diary of Dreams-Stück von einer klassischen Rock-Band instrumentiert hören. Das ist auch mein ganz, ganz langfristiges Ziel. So auf der Bühne zu stehen, komplett live. Aber das ist eine andere finanzielle Liga. Da bin ich nicht. Da brauche ich mich noch nicht nach zu sehnen. Perfektion durchzuführen, ohne Budgetbegrenzung, das kann jeder. Das hängt dann nur wieder vom Portemonnaie ab und wen man engagiert. Wenn du aber mit knallhart abgezählten Dollars versuchst perfektionistisch umzugehen, ist das ein wirkliches Kunststück. << Im Herbst erscheint, wie oben angedeutet, eine neue EP von Diary of Dreams, mit deren Vorbereitung Adrian Hates just an dem Tage begann, als er "Freak Perfume" produktionstechnisch abgeschlossen hatte. Dabei wird sich Adrian folgerichtig dem zuwenden, wonach viele der Diary of Dreams-Songs atmosphärisch schon seit Jahren verlangen: der klassichen Orchestrierung durch Chor und Orchester. Wer die Ernsthaftigkeit Adrian´s im Umgang mit seiner Arbeit kennt, kann versichert sein, dass diese EP wohl der absolute Höhepunkt seiner künstlerischen Arbeit und zum absoluten Gänsehauterlebnis werden wird. >> Ich hoffe sehr, dass das alles klappt und durchführbar ist. Wir wissen noch nicht, ob wir das als EP oder als Doppelmaxi konzipieren. Das fände ich auch sehr spassig, zwei Maxis mit jeweils drei oder vier Tracks drauf. Ich habe unheimlich viele Ideen, ich habe ganz viele Sachen, die ich da jetzt umsetzen möchte, aber das muss ich alles noch ordnen. Das massgebliche Ziel ist aber ein zweiunddreissigstimmiger Chor und ein komplettes Orchester in Kombination mit einem Pianisten, einem klassischen Gitarristen und mir. Und dann mal gucken, was ich im Nachhinein computertechnisch damit anfange. Ob ich dann wirklich noch damit arbeite, indem ich Additionalarrangements hinzufüge, wobei ich aber denke, dass es schön wäre, das nicht zu tun und die Aufnahmen in ihrer puristischen Form zu belassen. Das weiss ich aber noch nicht. << Natürlich besitzt eine Band wie Diary of Dreams Vorbildfunktion, doch scheint niemand auch nur annähernd in der Lage zu sein, den Sound Diary´s nachzuempfinden oder zu kopieren. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die intensive künstlerische Auseinandersetzung, so wie Adrian Hates sie betreibt, eben doch nicht beliebig reproduzierbar ist, auch wenn es, wie bei den Österreichern Ice Ages, zuweilen durchaus brauchbare Ansätze dafür gibt. >> Ich merke, dass anderen Leuten so etwas immer mehr auffällt, als mir. Es kommt immer darauf an, wie es gemacht wäre. Wenn ich Sisters of Mercy wäre, dann würde ich jeden Tag kotzen, weil das oft zu einfallslos ist. Ehrlich gesagt habe ich mir da aber noch nie so richtig Gedanken drüber gemacht. Wahrscheinlich, weil es da so wenige Plagiate gibt, zumindest wie mir bekannt ist. Ich glaube aber nicht, dass ich das als "Bauchpinselei" empfinden würde. Bei mir würde das eher umgekehrt sein (lacht). Ich hätte, glaub ich, eher den "Abklatsch-Gedanken" im Kopf. Ich würde meiner CD auch nie eine Sample-CD beilegen, auf der die ganzen Samples der Platte drauf sind, damit andere diese benutzen können. Das ist so ein Elektronikerkodex. Das kann ich ja so gar nicht nachvollziehen, so nach dem Motto "guckt hier Leute, kopiert mich". << Tourtechnisch erwartet uns im Spätherbst ein absoluter Leckerbissen, fraglich ist allerdings, ob auch in der Konstellation mit Diorama und Assemblage 23, wie sie vor geraumer Zeit einmal von Seiten Adrian´s anvisiert wurde. >> Diorama ja, Assemblage 23 waren zwar im Gespräch, aber die sollen jetzt ihre eigenen Wege gehen, ihre Zielgruppe neu bestimmen und ihr Publikum präzisieren. Wir wollen jetzt eine gezieltere Tour machen. Ab und zu denke ich noch an eine dritte Band, aber das ist dann wieder ein Organisations- und vor allem ein finanzielles Problem. Ich bin ja kein Freund davon, Support-Bands zahlen zu lassen. Nehmen wir jetzt noch eine dritte Band hinzu, brauchen wir wieder einen Doppeldecker, der 300 € mehr am Tag kostet. Wer soll die denn zahlen? Soll ich jetzt 300 € mehr am Tag von meiner Gage abdrücken, nur damit ich noch einen Support mitnehmen kann? Kein Veranstalter dieser Welt gibt mir mehr Gage, nur weil ich noch eine Support-Band mehr mitnehme. Ich kann Bands nur anbieten, dass sie eine minimale Gage dafür zahlen, dass sie den ganzen Technikaufwand von uns nutzen dürfen, aber ihren Transport und ihre Unterkunft selber klären müssen. Das ist kein Spass und deswegen tue ich mich schwer, das irgend jemandem anzubieten. << Ein Besuch dieser Tour ist Pflicht. Abschliessend gilt mein besonder Dank Adrian Hates, Christian Berghoff und ihrer Gastfreundschaft, sowie Silke Jochum für die Verwendung ihrer wundervollen Fotos.
http://www.accession-records.de
http://www.traumsequenz.de
http://www.diaryofdreams.de
Michael Kuhlen


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