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MAGAZIN :: Index: 'A' :: ANACRUSIS (Te ....

ANACRUSIS (Teil II)
Look back in anger
Weiter geht´s mit dem umfassendsten aller Obliveon-Gespräche...Vorhang auf für Mister Müller und Anacrusis´ Kenn Nardi:
In der Rubrik „History” auf eurer Website erwähnst Du einen Song aus den „Screams And Whispers“-Sessions, den ihr aus verschiedenen Gründen niemals aufgenommen habt. Wäre doch ein schöner Gimmick für „Hindsight“ gewesen…

>>Es gab einen Song der BEINAHE fertig war, bevor wir ins Studio gingen. Dass mit dem Drumcomputer angefertigte instrumentale Demo ist auf der Website zu hören. Ich habe allerdings niemals Gesangslinien ausgearbeitet und lediglich damit begonnen, einige von Johns Texten zu einem Song auszuarbeiten. Es gab hie und da Problemchen, und so kam ich zu dem Schluss, das Stück würde das Album nicht aufwerten. Daher haben wir es nach einigen Versuchen aufgegeben. Es gab da einige ziemlich vertrackte Drumparts, in die Paul sich nicht hatte einarbeiten können, daher konnten wir auf die Schnelle nichts mehr retten. Einige Versatzstücke fanden sich schließlich in der Strophe des 1994er Tribes With Knives-Demosongs „Erasing The Father“ [einer Gothic-/Wave-Band, bei der Kenn 1994 kurzzeitig Gitarre spielte, bevor sie sich auflöste – PM]. Außerdem geht es bei „Hindsight“ um die Ära des Original-Line-ups, daher hätte der Song auch nicht wirklich ins Konzept gepasst.<>

Lass uns ins Jahr 1993 zurückgehen – welche in diesem und den vorherigen Jahren auf euch einstürzenden Faktoren bewogen euch schließlich, das Kapitel „Anacrusis“ zu beenden? Immerhin hattet ihr gerade erst euer opus magnum veröffentlicht. Auf der Website sprichst du von Spannungen, die auf persönlicher Ebene auch im bisherigen Verlauf des Interviews wieder an klangen. Damals soll es allerdings vorrangig um eure Unzufriedenheit mit dem Label gegangen sein. Außerdem waren die 90er nicht das beste Jahrzehnt für metallische Klänge, insbesondere für eine Band mit eurem progressiven Anspruch.

>>Ich glaube kaum, dass wir jemals für eine Mainstream-Publikum hätten interessant werden können, egal welches Label mit welchem Budget auch immer hinter uns gestanden hätte. Wir wussten das immer, aber es gab trotzdem überschaubare Märkte, innerhalb derer sich Bands ein gescheites Einkommen sichern sowie ein vernünftiges Maß an Erfolg einheimsen konnten. Wir fühlten uns einfach, als würden wir in ein großes schwarzes Loch hinein schreien, ohne Echo. Niemals hatten wir das Gefühl, als wüsste unser Label, was mit uns anzufangen sei. Auf der einen Seite haben sie uns in künstlerischer Hinsicht vollkommen freie Hand gewährt, und auch an Toursupport mangelte es nicht. Auf der anderen Seite beruhte ihre Unterstützung nie auf dem nicht von der Hand zu weisenden Erfolg, den wir bei der Metal-Journaille durchaus genossen. Sie erkannten und beriefen sich nie auf deren Betonung unserer Qualitäten, unserer Einzigartigkeit. Außerdem kam kein Cent bei uns an, und ein derart kostspieliges Hobby, das soviel Zeit, Geld und Energie verzehrte, konnten wir uns beim besten Willen nicht mehr leisten.
Dazu muss man auch die innerhalb der Band gärenden und sich auftürmenden persönlichen Konflikte addieren, die teilweise den Anstrengungen und daraus erwachsenden Frustrationen, andererseits aber auch verschiedenen Vorstellungen darüber, was es heißt, in einer Band zu sein und gemeinsam Musik zu schaffen geschuldet waren. Kevin und ich konnten uns einfach nie einigen, und da wir beide als veritable Sturköpfe durchgehen, endeten diese Konflikte meist in einer Sackgasse aus unbefriedigenden Kompromissen. Das Resultat stellte dann wirklich niemanden mehr zufrieden, sei es nun in Fragen bezüglich des Albumcovers, Managemententscheidungen oder was auch immer. Es ist für alle Beteiligten komplette Zeitverschwendung, wenn man versucht, auf einer solchen Basis zusammenzuarbeiten. Schlimmer: ein solches Umfeld kastriert deine Kreativität. An einem gewissen Punkt muss man dann einfach die Entscheidung treffen, dass es besser ist, getrennte Wege zu gehen, um nicht in einen Zustand immerwährender Frustration zu verfallen. Kevin und ich werden in solchen Fragen niemals auf einer Wellenlänge funken und daher ist es für uns beide besser, jeweils unser eigenes Süppchen zu kochen. Und damit sprechen wir gerade mal über die halbe Band, haha. Man füge diesem Komplex also zwei weitere Bausteinchen zu und schon ist’s die ganze Plackerei nicht mehr wert.
Ein Bandgefüge ist nun einmal wie jede andere zwischenmenschliche Beziehung: Manchmal bleibt man weniger der Kinder zusammen, ein anderes Mal wegen des Geldes oder der Sicherheit. Manche Bands scheuen die Trennung des lieben Erfolges willen oder aus Businessgründen, vielleicht auch, weil man sich fürchtet, etwas Neues zu wagen. Wenn Du nun aber weder Geld machst noch auf anderer Ebene Erfolge feierst, dann bleiben nur noch zwei Gründe, weiterzumachen: der künstlerische Ausdruck und Anspruch oder persönliche Vorlieben. Ist nichts von dem übrig, dann lohnt es sicht nicht mehr. An diesem Punkt waren Anacrusis 1993 angekommen.<
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Das hört sich ja fast so an, als hättet ihr Euer eigenes “Some Kind Of Monster”-Filmchen drehen können. Es scheint, dass solch harsche persönliche Konflikte in Bands mit großem kreativem Potenzial geradezu vorprogrammiert sind: Hetfield gegen Ulrich, Harris gegen Dickinson, Roger Waters gegen den Rest von Pink Floyd, um nur einige der bekanntesten Beispiele zu nennen. Zwar bestätigen Ausnahmen wie Rush die Regel, aber ist es nicht möglich, dass die Spannungen, die die Band schließlich zerrissen haben vorher eine der Quellen ihrer Kreativität waren?

>>Absolut. Wir sind alle sehr starke Persönlichkeiten und hatten im Laufe der Jahre eine stabile Balance bezüglich unserer individuellen Rolle innerhalb des Bandgefüges gefunden. Später traten innerhalb dieses Gefüges jedoch Konflikte auf und so kam es schließlich zu ernsthaften Unstimmigkeiten, wie gewisse Dinge zu händeln seien. Ich war immer der Hauptkomponist und –arrangeur und ich denke, dass war ok für die anderen da sie wussten, dass ich eine feste Vision von der musikalischen Ausrichtung der Band hatte, in die ich ihre Ideen, sofern sie mit dieser Vision vereinbar waren, einbaute. Ob sie mit dieser Rollenverteilung wirklich glücklich waren, können nur sie selbst beantworten, aber so lief es nun mal, und es schien zu funktionieren. Erst als trotz all der harten Arbeit noch immer kein Land in Sicht war, begann die Frustration Überhand zu nehmen und unseren Enthusiasmus zu ersticken. Die Frustrationen richteten sich nun gegen den jeweils anderen, was, so denke ich, durchaus normal ist. Gerade ich war vom gesamten Musikbusiness vollkommen angewidert und beschloss daher, keine Musik mehr zu machen, die eh ignoriert würde.<>

Gibt es etwas, was du bereust?

>>Na klar, und darum geht es bei „Hindsight“: zurückzublicken und sich zu wünschen, man hätte damals dies oder jenes eben doch anders gemacht. Die meisten Menschen bekommen diese zweite Chance, ihre vergangenen Fehler zu korrigieren, nie. Wir aber wollten es zumindest versuchen, wenn auch bloß, um es uns selbst zu zeigen. Einige Fans werden die neuen Versionen sicher nicht mögen, aber WIR tun es, und das ist manchmal alles, was Du vom Leben einfordern kannst. Wenn du vermittels deiner Musik, deiner Kunst etwas zutiefst persönliches preisgibst, dann musst du zunächst einmal selbst damit zufrieden sein. Wenn alle anderen es lieben und nur du selbst nicht zufrieden bist, dann wirst du dein Tun niemals wirklich genießen können. So fühle ich zumindest. Vielleicht sehen andere das pragmatischer: Geld, Ruhm… Für mich geht nichts über die Erfahrung, etwas zu erschaffen, das mich mit Stolz erfüllt und zu dem andere Menschen eine Beziehung aufbauen können. Sogar wenn alle außer mir es hassen, kann ich noch immer eine Erfüllung in dem von mir geschaffenen finden.
Auch die Reunion-Shows waren eine Chance, einen Schritt zurückzugehen und Songs zu spielen, die in Vergessenheit gerieten, weil wir den Drummer wechselten oder uns als Supportact nur 30-40 Minuten Spielzeit zugestanden wurden. Wir konnten diese Stücke also endlich in einem angemessenen Rahmen und in angemessener Form spielen und es genießen, dass es da Leute gab, denen es gefiel. Zu bestimmten Zeitpunkten kann man gewisse Dinge einfach nicht ausreichend würdigen, da man sich mit allerlei Problemen konfrontiert sieht. Ich glaube, dass wir diesmal alle miteinander die Reaktionen sowohl hier in St. Louis als auch in Deutschland sehr viel inniger genießen konnten, als uns dies noch vor 17 Jahren möglich gewesen wäre.<
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Was denkst du rückblickend über die Europatour mit Death? Aus heutiger Sicht ein grandioses Package, aber war euer Sound anno 1993 nicht, sagen wir, etwas zu „melodiös“ für diese Tour?

>>In unserer Anfangszeit hatten wir stets versucht, unsere Shows den Erwartungen des jeweiligen Publikums anzupassen. Wir hatten schließlich sehr variables Material, konnten sowohl schnelles als auch doomiges Zeug spielen, unsere cleanen Gesangsparts ausspielen – was eben gefragt war… Als wir zum Beispiel mit D.R.I. tourten, konzentrierten wir uns auf die weniger komplexen, vom Punk inspirierten und gleichzeitig flotteren Thrashsongs, weil wir dachten, dass würden Fans, die nun einmal gekommen waren, um eine Hardcore/Crossover-Band zu sehen, zu würdigen wissen. Dabei haben wir unglücklicher Weise einige unserer besten Stücke vernachlässigt. Meiner Meinung nach war der melodische Aspekt unserer Musik immer unsere Stärke, und so änderten wir später auch unsere Einstellung: wir legten unseren Fokus auf die Songs, die WIR für unsere besten hielten, ganz unabhängig vom Publikum, denn nur wenn Du mit ganzem Herzen hinter dem stehst, was du tust, kannst du dir den Respekt der Menschen erspielen.
Was die Tour mit Death angeht: in den Staaten wäre das vielleicht zum Problem geworden, aber in Europa scheinen die Fans doch um einiges schrankenloser zu denken. Wenn Du gut bist, dann haben sie auch Spaß an dir und an sich selbst. Wir wussten, die Leute würden über 90 Minuten diese heftige, rasende, technisch extreme Musik von Death serviert bekommen, also dachten wir, es sei keine schlechte Idee, einfach wir selbst zu sein. Es erschien uns wenig Erfolg versprechend, auf die Bühne zu stiefeln und zu versuchen, wie eine abgespeckte Version von Death zu klingen. Wir spielten auf dieser Tour nicht wenige unserer besten Shows…<
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Musstet ihr eigentlich jemals Kritik für eure genrefremden Einflüsse einstecken? Du hast diese schließlich nicht nur in Interviews offen eingestanden, sondern auch ohrenscheinlich in die Musik einfließen lassen. Die Metal-Zunft kann bezüglich kompositorischer Reinheitsgebote extrem konservativ sein…

>>Ja und Nein. Jeder da draußen hat schließlich seine eigene Meinung und du kannst es demnach nie allen recht machen. Natürlich haben wir aus unseren Einflüsse nie einen Hehl gemacht und sie offen zur Schau gestellt, aber so blieben wir eben auch authentisch. Die meisten Fans sind vielschichtiger interessiert als man denkt. Wer hört denn bitteschön nur eine musikalische Spielart [mir fiele hier spontan eine Lederwarenhändler aus Waltrop ein ;-) – PM]? Klar, wir mochten Metal und spielten ihn auch, aber genauso sehr ergötzten wir uns an anderen Stilrichtungen. Ich persönlich liebe die Melodie, denn dies ist der Bestandteil der Musik, der mich bewegt. Andere präferieren den Beat, andere wiederum den Bass, urwüchsige Gewalt oder was auch immer: für mich geht eben nix ohne Melodie. Deswegen habe ich The Cure immer Slayer vorgezogen und höre die Beatles öfter als Celtic Frost. Zwar liebte ich diese Metalbands auch, aber eben aus anderen Gründen. Daher habe ich eben aus diesen verschiedenen Welten jeweils das genommen, was mich ansprach, und es kombiniert. Das macht doch jeder Songwriter. Wir waren ja nie „Anti“-Metal oder ähnliches, aber es stimmt schon, einige Leute meinten damals, es sei nicht schicklich, Metal eine Symbiose mit Punk, Alternative oder gar Klassik eingehen zu lassen. Darum haben wir uns aber nicht gekümmert, solange es uns gefiel. Und heute ist doch alle Musik in gewisser Weise ein Hybrid aus verschiedenen Einflüssen.<>

Deine Stimme war immer eines der Trademarks von Anacrusis. Hast du ihre Facetten bewusst entwickelt und kultiviert?

>>Ich wusste immer, dass ich ein ziemlich mittelmäßiger Sänger bin, und das sage ich jetzt nicht aus einem Bescheidenheitsgestus heraus. Als ich diese Tatsache eingesehen hatte, konnte ich mich auf die Stärken oder Eigenheiten meiner Stimme konzentrieren, um etwas Eigenständiges zu schaffen. Es gibt Sänger mit außergewöhnlichen Stimmen, und viele von ihnen enden dann doch als reine Kopie anderer, bloß, weil sie’s eben können. Natürlich wollte auch ich wie Halford, Bono oder Geoff Tate singen können, aber dieses Talent wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Trotzdem liebe ich es, zu singen, und so musste ich mir etwas einfallen lassen. Es ist interessant zu sehen, dass viele der Dinge, die die Menschen heute im Zusammenhang mit Anacrusis als „innovativ“ ansehen aus der Not, aus unseren Schwächen geboren wurden. Ich denke, das ist der Ursprung jeder vermeintlich „neuen“ Herangehensweise. Nicht umsonst gibt es die Redewendung „aus der Not geboren“. So habe ich meine Gitarre nicht etwa tiefer gestimmt, weil es so toll klang, sondern weil mein Stimmumfang schlicht fürchterlich begrenzt war. Das klang dann im Verbund plötzlich gut, und so stimmte ich sie weiter herunter bis ich eine Saite tiefer angekommen war, und das machte dann auch aus musikalischer Sicht Sinn. Heute gibt es diese siebensaitigen Gitarren, die beinahe jede Band tiefer stimmt. Natürlich nicht wegen uns, das gab es alles schon vorher, wenn auch nicht in dieser Konsequenz, denke ich.<>

Es ist zwar eigentlich reichlich borniert, aber viele Fans fürchteten, du würdest nicht mehr in der Lage sein, diese unmenschlichen Schreie zu produzieren.

>>Ich habe im Laufe der Jahre nie aufgehört zu singen, sei es nun im Auto oder vor dem Fernseher – frag’ nur mal meine Leid geprüfte Frau, haha. Allerdings bin ich auch nicht wie ein Banshee kreischend durch die Weltgeschichte gelaufen. Ich habe immer Musik gemacht, die auch diese Facette meiner Stimme gelegentlich berücksichtigte. Sie ist lediglich ein Bestandteil meines Spektrums, und auch wenn es seltsam klingt, so empfinde ich dieses Schreien als für mich natürlich. Selbstredend musste ich etwas an meinem Stimmvolumen arbeiten, um der alten Bestform wieder nahe kommen zu können. Ich reiche zwar nicht mehr ganz an die Höhen einiger „Suffering Hour“-Songs heran, aber es klingt nun mehr nach den letzten Alben, auf denen ich kontrollierter und meiner Meinung nach auch besser klinge.<>
Du hast wie schon angedeutet nie das Interesse an der Musik verloren. Schon mit Tribes With Knives hast deinen Wave-Wurzeln Tribut gezollt, und das auf der Website als download bereit gestellte Cruel April-Album geht gar noch einen Schritt weiter, steht es doch in der Singer/Songwriter-Tradition. Die Songs sind eigentlich zu gut, um ignoriert zu werden; hast du niemals daran gedacht, zumindest mal auf lokaler Ebene auszuloten, ob es ein Publikum gibt?

>>Doch, klar, aber es gab keines, haha! Glaub mir, ich konnte nicht mal drei Musiker finden, die die Songs spielen wollten. Ich liebe das Material, und ehrlich gesagt würde ich es auch lieber singen als die Anacrusis-Songs, aber es ist nicht so leicht, Musiker zu finden, die sich damit abfinden, einfach nur deine Songs zu spielen. Mit etwas mehr Anstrengung wäre sicher etwas zu bewerkstelligen gewesen, aber ich wollte keine Vollzeitband auf die Beine stellen, also habe ich die Musik einfach auf die Website gestellt – da können Interessenten dann mal ein Ohr riskieren. Ich höre mir die Stücke noch häufig an und irgendwie erscheinen sie mir nicht meine eigenen, so natürlich flossen sie aus mir heraus. Es scheint mir, als hörte ich die Musik eines anderen. Meiner Auffassung nach sind die Songs in melodischer und textlicher Hinsicht dem Material von Anacrusis um Lichtjahre voraus. Manchmal realisiert man erst, was man zu erschaffen imstande ist, wenn man ohne einschränkende Kategorien wie „Metal“ oder meinetwegen „Anacrusis“ ans Werk geht. Der Grund, warum ich die Songs noch immer so liebe ist, dass sie nur für mich entstanden.<>

Das Keep It True-Festival im (bevor Lokalpatrioten aufschreien: wunderschönen) deutschen Niemandsland war der eigentliche Grund für die Reunion. Wie habt ihr euch gefühlt, als all dies einem isländischen Vulkan zum Opfer zu fallen drohte? Die Fans hier, mich eingeschlossen, fühlten sich wie einem Albtraum.

>>Ich war am Boden zerstört, als ich von alledem hörte. Ein Albtraum eben. Die Anfrage zu dem Gig kam vor über einem Jahr und wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder zusammen gespielt. Inzwischen hatten wir jedoch einiges an Geld investiert, um miteinander proben und das Album einspielen zu können und uns endlich wieder zusammen gerauft, nur um diese beiden Shows zu spielen, und dann soll ein Vulkan all dies zunichte machen? Heute kann ich darüber lachen, aber für einige Tage fühlte ich mich wie ein Todgeweihter. Ich war mit meinem Privatvermögen für die während der Shows erhältlichen Merchandise-Artikel eingetreten und hatte auch für das neue Album gezahlt – ich brauchte schlicht mein Geld zurück, also gab es neben all der Enttäuschung auch handfestere, finanzielle Gründe für meine Schweißausbrüche. Unser Flug war dann der erste, der wieder in Frankfurt ankam – als wir am Abend zuvor ins Bett gegangen waren, wussten wir noch nicht, ob es klappen würde. Ich glaube, diese Begleitumstände trugen dazu bei, dass es für beide, Fans und Band, ein so besonderer Augenblick wurde. Als ich die Bühne geküsst habe, kam das wirklich von ganzem Herzen! Ich habe Gott und Deutschland dafür gedankt, dass unsere harte Arbeit nicht verpuffen musste. Es war auf der Bühne unmöglich, unsere Glücksgefühle zu verstecken.<>

Die Spannung war vor der Bühne regelrecht greifbar, als ihr auf die Bühne kamt. Alle waren gleichzeitig freudig gespannt und ein wenig besorgt, ob ihr die alte Magie würdet hervorzaubern können. Wie ging es euch? Angesichts eurer selbstsicheren Performance wohl recht gut.

>>Nun, weder sind wir alle die besten Musiker noch bin ich der beste Sänger und es war ja tatsächlich eine Menge Zeit vergangen, seit die meisten von uns das letzte Mal auf einer Bühne standen und diese Art von Musik zum Besten gaben, aber wir waren perfekt vorbereitet und auch die in der Vorwoche absolvierte Show in St. Louis hatte unsere Zuversicht gesteigert. Ich wusste natürlich, dass viele nur auf meine Screams warten würden, und nicht jeder saß perfekt, aber wenn ich mit einem Mikro und bei dieser Lautstärke auf einer Bühne stehe, erscheint mir alles plötzlich kinderleicht.<>
Sowohl meine eigenen Erwartungen als auch, den euphorischen Reaktionen zufolge, jene der anderen Anwesenden wurden erfüllt. Habt ihr gemerkt, dass da Magie in der Luft lag?

>>Ehrlich gesagt: weil die Reaktionen derart enthusiastisch waren hatten wir so viel Spaß, dass wir eine der flapsigsten Shows unserer Geschichte absolviert haben müssen, haha.<>

Wie meinen? Wenn mich meine Lauscher und die bisher erschienenen Reviews nicht täuschen, seid Ihr unglaublich tight ans Werk gegangen!

>>Zum Glück seid ihr alle so steil gegangen, dass ihr’s offensichtlich nicht gemerkt habt. Das macht Livegigs manchmal zu einer so schönen Erfahrung: die Aufregung und das Adrenalin sind weit nachsichtiger als die Videos auf YouTube, haha. Ok, als Band waren wir wohl insgesamt recht tight, aber manchmal eben auch etwas schludrig. Wir sind nun mal nicht Watchtower [die gerade zu Beginn ihrer Show einige Male töfte aneinander vorbeizockten… – PM], aber wir versuchen schon, einen guten Job zu machen und die auf den Alben zu hörenden Versionen soweit wie möglich zu reproduzieren. Das schaffen wir meistens auch, aber die ganze Show hat uns so aufgewühlt, dass wir uns ständig verspielt haben – ich muss das zumindest von mir selbst behaupten. Mike hat allerdings einen so überragenden Job gemacht, dass er das ganze Gebräu doch irgendwie zusammenkleistern konnte. Ich bin allerdings auch sehr selbstkritisch, und jedes Mal, wenn ich die Videos auf YouTube anschaue, achte ich eben auf die schief gesungenen Noten und die falsch angeschlagenen Saiten. Vielleicht lag’s einfach am guten Bier… Im Kontext einer solchen Show wird so was wie gesagt zum Glück aber oft nicht so eng gesehen, und anscheinend hat’s euch ja auch gefallen. Ich bin jedenfalls sehr erleichtert, dass die Reviews so positiv ausgefallen sind, denn schließlich waren da eine Menge toller Bands, die teilweise, wie ich finde, auch durchaus besser aufgespielt haben als wir.
Wir hatten über einige Monate regelmäßig einmal die Woche geprobt, aber im Proberaum abzuhängen und auf einer Bühne zu stehen sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe – bei den Rehearsals haben wir definitiv besser harmoniert. Wir haben in der Vergangenheit so häufig zusammengespielt, dass da noch immer diese Chemie in der Luft liegt, die auch niemals verschwinden wird. Ich habe es sehr vermisst, mit Mike zu spielen. Er ist wirklich fantastisch und seine unkomplizierte Natur macht es für uns alle viel einfacher. Man darf eben alles nicht zu ernst nehmen und heute können wir schon mal über uns selbst lachen, wenn wir uns verzocken oder etwas anderes schief geht.
Ein weiter Faktor war die im Vergleich zu unserem Auftritt in St. Louis sehr viel größere Bühne beim KIT: wir versuchen immer, ein wenig Aktion auf die Bühne zu bringen anstatt wie die Ölgötzen auf der Bühne zu verharren, was dann manchmal unsere spieltechnische Performance beeinflusst. Angesichts der Atmosphäre in der Halle sind wir etwas mehr aus uns heraus gegangen, aber da ich zumindest auf der Bühne nie eine bessere Zeit hatte, geht das schon ok ;-)<
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Wie viele Leute kamen eigentlich zu der Reunion-Show? Auf den Mitschnitten wirkt der Club recht überschaubar.

>>Ich schätze so etwa 300-350, gerade richtig für die Größe des Clubs. Es war zwar schön voll, aber niemand musste Platzangst haben oder gar unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Die Leute waren sehr enthusiastisch und anscheinend waren wirklich nur echte Fans anwesend. Du kannst vor 5.000 Nasen spielen, von denen nur 50 deine Songs kennen, während der Rest sich langweilt – da bevorzuge ich dann doch erstere Variante. Zum Glück konnten bei beiden Shows ’ne Menge Leute was mit uns anfangen.<>

Wie schwer war es eigentlich, die Setlist zusammenzustellen. Ich hatte mehr Songs von „Screams And Whispers“ erwartet (und erhofft)…

>>Mit Mike an den Drums konnten wir ja endlich genügend der alten Songs restaurieren, die wir seit 1990 nicht mehr live gespielt hatten. Wenn wir ein neues Album veröffentlichten, blieb uns auf Touren meist nur der Status des Openers mit einer geringen Spielzeit, die wir für neues Material nutzten. Nun waren wir aber in der Lage, ein ausgewogenes Programm zu präsentieren. Der ursprüngliche Plan sah je drei Songs von allen Alben vor, aber durch die Absage von Whiplash erhielten wir etwas mehr Spielzeit, wodurch „Still Black“ in den Set gespült wurde. Da unser Umbau zudem flott über die Bühne ging, spielten wir zusätzlich auch noch „Fighting Evil“. Alles in allem hatten wir etwa 80 Minuten Zeit, weit mehr als viele Headliner heute anbieten, also denke ich doch, dass wir für alle Fans ein schönes Paket schnüren konnten. In St. Louis haben wir außerdem noch die gekürzte Version von „Brotherhood? “ [Schluchz – PM] sowie „Grateful“ [Heul! – PM] gespielt – gerade letzteren Song hätten wir gerne auch beim KIT gebracht, aber wir wussten nicht, ob wir die genügend Zeit haben würden, die Backing Tracks ans Laufen zu bekommen.<>
Nach all den Irrungen und Wirrungen in den 90ern – war es eine Genugtuung für euch zu sehen, dass es noch so viele Leute gibt, denen eure Musik sehr viel bedeutet?

>>Natürlich! Ich kann das Gefühl nicht einmal annähernd in Worte fassen, dass ich hatte, als all diese Menschen zu uns kamen um uns zu sagen, wie lange sie auf diesen Augenblick gewartet hatten und was unsere Musik ihnen auch nach all den Jahren noch bedeutet. Das war eine durch nichts aufzuwiegende Erfahrung, und nie hätte ich gedacht, sie jemals machen zu dürfen. Wir alle brachten über sieben lange Jahre Herz und Seele in die Band ein, und wenn dir nur ein Fan dann sagt, dass ihm deine Musik etwas gegeben hat, reicht das als Belohnung aus. Und jetzt waren es so viele Menschen – unbeschreiblich.<>

Die Gigs beim KIT werden recht professionell gefilmt. Gibt’s eine Chance, dass das Material irgendwann mal veröffentlicht wird?

>>Unsere Show in St. Louis wurde von insgesamt acht Kameras aufgenommen, der Sound auf multi-track runter gebrochen. Ich habe inzwischen mit dem Editing begonnen und möchte das KIT-Material kaufen, damit es ediert und uns übergeben werden kann. Ich weiß nicht, wie viele Leute ein wirkliches Interesse daran haben, würde aber zu gerne etwas zusammenstellen, was die Geschichte der Band bis zu einschließlich der Reunion abdecken würde, inklusive beider Reunion-Shows in voller Länge, Material von den Rehearsals sowie Beiträge aller Bandmitglieder zu verschiedenen die Band betreffenden Aspekten, außerdem die alten Clips sowie Footage von unserer Deutschlandreise. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann, aber ich werde alles tun, um zumindest die Livegigs in irgendeiner Form zugänglich zu machen.<>

Was passiert neben all diesen sich hoffentlich bald verwirklichenden Plänen als nächstes im Anacrusis-Camp? Ein weiterer Split und eine Reunion im Jahre 2027? Oder werdet ihr euch die Attitüde von Sacred Reich zu Eigen machen: wenn ein seriöses Angebot vorliegt, wird zwischendurch mal ein Gig absolviert.

>>Haha, wir haben darüber schon selbst gewitzelt und ich gab zu Bedenken, dass wir nunmehr besser damit anfangen sollten, Musik zu schreiben, die wir auch noch mit 60 auf die Bühnen dieser Welt bringen können. Im Ernst: es war ein verdammt langes Jahr und oftmals konnten wir uns gerade noch so zusammenraufen, um wenigstens dieses Projekt zu einem würdigen Ende zu bringen. Andererseits kann niemand von uns leugnen, dass uns die Reaktionen auf die beiden Shows und das Album in innere Aufruhr versetzt haben. Ich denke, dass wirklich seriöse Angebote uns in Zukunft zum Umdenken animieren könnten. Zwar ticken wir heutzutage definitiv nicht alle gleich, um es mal vorsichtig auszudrücken, aber es wäre dennoch schön, von Zeit zu Zeit zusammenzukommen und die Früchte dessen zu ernten, wofür wir in der Vergangenheit so hart gearbeitet haben.<>

Ich bin leidenschaftlicher Fan saublöder Spielchen. Charakterisiere doch einfach mal die anderen Herrschaften und schätze ihre Rolle im Bandgefüge ein.

>>Oweia… Mal sehen, Kevin wäre dann wohl so etwas wie der Promoter der Band. Er kommt sehr schnell mit Menschen ins Gespräch und steht gerne im Mittelpunkt, auch wenn Kameras in der Nähe sind. In der Vergangenheit war er es, der ständig telefonisch mit irgendwelchen Labelmitarbeitern in Kontakt stand. Das Musizieren sieht er als etwas, das in erster Linie Spaß machen sollte – wahrscheinlich kommen wir deshalb nicht wirklich gut miteinander aus, haha.
John ist einige Jahre älter als wir anderen und schlicht die perfekte Kombination aus griesgrämigem Onkeltyp und deinem kleineren Bruder. Er ist außerdem Kanadier und sah sich ständig den schlechten Scherzen der anderen Bandmitglieder ausgesetzt – es begann alles mit dieser Schenkelbürste… Er hat das Herz eines Künstlers, der alle Aspekte der Musik liebt. Außerdem ist er ein echter Filmkenner, aber versuch bloß nicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Wenn du dann das nächste Mal einen Film anschaust, ertappst du dich unweigerlich bei der Lektüre der Credits um herauszufinden, wer denn nun für die Beleuchtung verantwortlich zeichnete. John ist tatsächlich ein intelligenter, tiefsinniger Typ, allerdings ziehen wir es vor, wenn er das Gegenteil glaubt ;-)
Mike ist ein sehr pflegeleichter Typ und unser Friedensrichter. Er ist eigentlich der einzige Faktor, der das Musikmachen erträglich macht, wenn ansonsten mal wieder alles andere schief läuft. Er ist total witzig und kann auch über sich selbst lachen, was die Zusammenarbeit mit ihm sehr erleichtert. Zudem trifft es sich gut, dass er Drumkits nach allen Regeln der Kunst zu massakrieren versteht… Und bitte frag’ die anderen nicht, was sie von mir denken ;-)<
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Und abschließend noch fünf Alben für die Insel…

>>Ich hoffe, dass bald das Solar betriebene iPod kommt, dann muss ich diese Frage nie wieder beantworten… Aber du sollst deine fünf haben. Also: als erstes ohne Frage Pink Floyds „The Wall“ und „Disintegration“ von The Cure. Da bin ich mir sicher, habe ich doch jedes dieser beiden Alben mindestens tausendmal in voller Länge genossen und trotzdem liebe ich sie wie am ersten Tag. Für mich der wahre Test, den ein „perfektes“ Album zu bestehen hat. Und die anderen drei? Zunächst wäre da „Thunder and Consolation“ von Army. Eine weitere „perfekte“ Scheibe. Alles von dieser Band ist großartig, aber das hier ist ein magischer Moment, der die Essenz einer meiner Lieblingsbands auf den Punkt bringt. Außerdem brauche ich was von den Beatles, nehmen wir mal „Rubber Soul“. Ein Füllhorn an fantastischen Songs, man höre nur „In My Life“, „Norwegian Wood“ [dann frag’ mal Satans Host, die verhunzen selbst so was – PM], „Nowhere Man“, „Girl“… Auch Paule hat hier ein paar lichte Momente, haha. Schließlich noch „Black Holes And Revelations“. Ich finde, dass Muse eine grandiose Band sind, und dieses ist ein Album voller ebensolcher Songs. Alles ist hier stimmig, die Gitarrenarbeit, der Gesang, das Drumming, Bass und auch sonst alles. Ich könnte diesen Songs echt jahrelang zuhören, dabei Kokosnüsschen mampfen und mit meinem Volleyball „Wilson“ sprechen…<>

Mr. Nardi, vielen Dank für das Gespräch! Grüße auch an „Wilson“…

>>Ich habe zu danken!<>

Wer durch dieses Interview Blut geleckt hat, der begebe sich schleunigst auf die Website von Anacrusis – eine mehr als nur Abend füllende Erfahrung, denn hier finden sich neben einer ausführlichen History auch sämtliche Noten, die sowohl Anacrusis als auch Nardi privat jemals verbrochen haben, als Download. Aufgeschlossenen Geistern verspreche ich eine erfüllende Erfahrung, die euch als Fan wieder ausspucken wird, der sich dann die Alben hoffentlich auch zulegt. Seid versichert, es lohnt sich. Und damit wären wir wieder bei meinem Kumpel Andreas...
http://www.anacrusis.us
Patrick Müller (Gastautor)


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