Obliveon - Metal und Gothic Webzine
 :: Suchen 

 :: Obliveon.de
· Home
· MySpace
· Links

  Info...
· FAQ
· Kontakt
· Impressum
 

 :: Magazin
· GESAMT
· News
· Interviews
· Konzert/Festivals
· Specials
· Foto Galerie

 :: Reviews
· GESAMT
· CD Reviews
· CD Import
· Eigenpressungen
· White Metal
· DVD/Video
· Bücher/Magazine

MAGAZIN :: Index: 'A' :: ANACRUSIS (Te ....

ANACRUSIS (Teil I)
Look back in anger
Immer noch im postkoitalen Keep it true-ANACRUSIS-Taumel schwelgend hat Kollege Müller nicht nur einen umfassenden Rückblick auf das glorreiche Schaffen der einzigartigen Metaller gewagt (siehe Specials!!!), sondern Sänger/Gitarrist Kenn Nardi gleich noch zu einem Monster-Interview (in zwei Teilen) gebeten. Redselig und äußerst sympathisch gewährte Mr. Nardi Einblick in Geschichte und Seelenleben einer genialen, zugleich aber zutiefst zerrissenen Band.
Kenn, die Rückkehr von Anacrusis ist an sich paradox: die Band geht anno 2010 zurück zu ihren Wurzeln und veröffentlicht die beiden ersten Alben unter dem Namen „Hindsight“ in neu eingespielter Form. Zudem habt Ihr zuvor die Democompilation „Annihilation Complete“ auf den Markt geworfen. Wann entstand die Idee zu diesen Retrospektiven – ein lange gehegter Wunsch oder eine spontane Entscheidung, die während der Vorbereitungen für die Reunion-Shows getroffen wurde?

>>Nun, wir haben immer davon geträumt, die alten Stücke neu einzuspielen, da wir mit dem damaligen Resultat noch nie allzu glücklich waren. Ich habe immer gewusst, dass die beiden ersten Alben einiges an hörenswertem Material zu bieten haben, allerdings konnten viele Leute beim Hören die verwaschenen Produktionen nicht ausblenden und gaben ihnen so nie eine echte Chance.<>

Hattet ihr über die Jahre den Kontakt aufrechterhalten und konntet so auf sowohl persönlicher als auch musikalischer Ebene schnell wieder zusammenfinden?

>>Jein. Zwar pflegten wir unsere Freundschaft im Laufe der Jahre, in jüngster Zeit kam es aus verschiedenen persönlichen Gründen allerdings zu Spannungen. Da wir jedoch alle Anacrusis lieben, gaben wir unser bestes, uns zusammen zu raufen, um das Album fertig stellen und die Reunion Show sowie das Festival spielen zu können.<>

Wie lange habt ihr denn überlegt, ob ihr das Angebot der KIT-Veranstalter annehmen sollt?

>>Mike, John und ich hatten bereits Anfang 2009 darüber gesprochen, uns zu treffen und einfach mal just for fun drauflos zu jammen. Mike war gerade zurück nach St. Louis gezogen und John war nicht mehr Bestandteil der Coverband Kevins, weswegen es uns in den Fingern juckte, es mal wieder zusammen zu versuchen. Als dann das Angebot eintrudelte, mieteten wir uns einen Proberaum und probierten ein wenig herum, da ich selbst seit vielen Jahren nicht mehr live gespielt hatte und keiner von uns seit dem Split je wieder auch nur einen Anacrusis-Song gezockt hatte. Es fühlte sich trotzdem recht gut an, die alten Stücke zu spielen. Also rief ich Kevin an und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, für ein oder zwei Shows mit an Bord zu sein. Da er zusagte, gab ich grünes Licht für den KIT-Auftritt. Wir drei begannen dann umgehend, ernsthaft zu proben und die alten Songs einzustudieren, bis Kevin einige Wochen später sein Equipment vorbeibrachte. Schließlich hatten wir alle davon geträumt, noch einmal zusammen auftreten zu können, und hier war also unsere Chance.
Ich hätte mir nicht vorstellen können, die Bühne mit anderen Musikern und Menschen als diesen drei zu teilen, weil ich glaube, dass unsere Fans „the real thing“ verdient haben. Wir hatten zum Ende unserer Karriere zwei andere großartige Schlagzeuger, aber jedes Line-up hatte seine eigene Chemie und wir alle waren wirklich sehr froh, dass wir Mike für dieses Projekt gewinnen konnten. Er ist ein wirklich netter Kerl und außerdem ein Monster hinter dem Kit. Außerdem kam er auf den ersten Alben am schlechtesten von uns allen weg, denn er musste die Aufnahmen in großer Eile absolvieren. Er ist sehr viel besser als es auf den ursprünglichen Versionen den Anschein hat and so freuen wir uns, dass er nun die Chance hatte, sich wie auch wir anderen in ein besseres Licht zu rücken.<
>
Lag denn sofort wieder die nötige Aggression in der Luft, um dem Thrash-Vibe der Songs gerecht werden zu können? Ich denke mal, dass ihr heutzutage nicht mehr unbedingt die eingefleischtesten Metaller seid… Never too old to thrash?

>>Mikes Schlagzeugspiel war schon immer ziemlich over-the-top, was es für uns alle einfacher machte, die Stimmung der Songs heraufzubeschwören. Wir sind sicher keine 20 mehr, haben aber dennoch unser bestes gegeben, um soviel Energie wie möglich freisetzen zu können. Schließlich sollte das Ganze nicht zu zahm klingen. Bei einigen Stücken haben wir absichtlich das Tempo gedrosselt; zu viele der Songs wurden damals viel zu schnell eingespielt, so dass wir uns diesmal viel Zeit nahmen, die richtigen Tempi auszuloten. Aber glaub mir: wir können noch immer richtig flott zur Sache gehen…<>

Das glaube ich nach dem KIT-Auftritt gerne… Was treibt ihr heutzutage eigentlich so? Ich denke mal, dass Euer bescheidener Superstarstatus Anfang der 90er nicht ausreichte, um heutzutage von den Royalties dicke Autos und Villen zu finanzieren.

>>Hihi, tut mir Leid, aber wir haben die Bandkasse schon vor einiger Zeit durchgebracht… Das hat mich gelehrt, in Zukunft beizeiten Swimmingpools in den Gärten all meiner Freunde anzulegen, bevor ich wieder pleite bin. Aber im Ernst: wir alle arbeiten hart für unser Auskommen. Ich habe nach der Auflösung von Anacrusis verschiedene Jobs gemacht und bin nunmehr in der IT-Branche sesshaft geworden, weswegen ich inzwischen auch ziemlich fett geworden bin, haha.<>

Lass uns die Zeit wider zurückdrehen. In der im Booklet von „Hindsight“ abgedruckten Band-Biographie von 1987 heißt es, ihr würdet in textlicher Hinsicht „kritische, wenn auch positive Auffassungen“ vertreten. Auf „Suffering Hour“ klingt das alles noch sehr politisch, die Texte drehen sich um Kriegstreiberei, staatliche Kontrolle oder Entindividualisierung. Habt ihr damals wahrgenommen, dass auch andere Thrash-Bands wie etwa Sacred Reich oder Megadeth sich ähnlichen Themen widmeten oder handelte es sich bei diesen heißen Eisen lediglich um Eure ureigenen Interessen?

>>Du musst berücksichtigen, dass das meiste Zeug auf „Suffering Hour” geschrieben wurde, als wir noch in der High School die Schulbank drückten. Der Löwenanteil der Texte entstand also, bevor wir zum ersten Mal von diesen Bands hörten. Ich kann für mich selbst sagen, dass ich die negative, satani(sti)sche Seite des Metal niemals goutiert habe. Zwar hätte ich mich damals auch nicht gerade als Christen bezeichnet, aber dennoch bevorzugte ich Bands wie Trouble, deren Texte Hoffnung transportierten anstatt sich plump über das ach so grausame Leben da draußen zu beschweren oder zu einem Verhalten aufzurufen, das zu dem sowieso schon fürchterlichen Zustand der Welt nur noch beigetragen hätte. Ob letztere Bands dies nun ernst meinten oder nicht: ich fand dies schlicht unproduktiv. Darum geht es im Song „Fighting Evil“: es handelt sich um ein Spiel mit dem geflügelten Wort „fighting fire with fire“ [auf deutsch etwa: gleiches mit gleichem vergelten – PM] und die Aussage ist, dass man dem Übel, will man es wirklich wirksam bekämpfen, nicht durch weiteres Übel begegnen kann, sondern mit seinem Gegenteil. Ich habe immer Bands geschätzt, mit deren Texten ich mich identifizieren konnte: Pink Floyd oder New Model Army zum Beispiel, und genau in deren Richtung sind wir schließlich auch gegangen. Und das ist auch der Grund, so denke ich, warum viele unserer Fans sich unserer Musik und unseren Texten so stark verbunden fühlen: beides kommt direkt aus unseren Herzen und wenn man sich nun damit identifiziert, so entsteht eine Art Blutsbrüderschaft.<>
Wie fühlt es sich denn heutzutage an, einige von Kevins Texten zu intonieren. „Frigid Bitch“ oder „Annihilation Complete“ etwa sparen nicht mit drastischen Bildern…

>>Haha, nun ja, wir alle haben doch in der Schule Dinge gesagt und getan, die unserem heutigen Urteilsvermögen nicht gerade zur Ehre gereichen. Diese Songs sind nun mal was sie sind, sie repräsentieren eine andere Seite unseres Sounds. Kevin hatte die Texte bereits verfasst, als ich die Band damals traf, also was soll ich dazu sagen, haha? Abgesehen von den bloßen Worten kommt hier eine gewisse Aggression zum Ausdruck, die sowohl in Sachen Gesang als auch Musik noch immer einen gewissen Reiz ausübt.<>

Der Song „Stop Me“ vom „Reason“-Album steht paradigmatisch für die neue Richtung, die die Band damals einschlug. Die Songs sind weitaus komplexer und dennoch kontrollierter, und auch textlich habt ihr euch weit kryptischer und persönlicher geäußert. War das der Anfang eines Prozesses, der schließlich in den abstrakten lyrischen Reflexionen auf „Screams And Whispers“ mündete?

>>Definitiv. Dieser Song lenkte die Band mehr als jeder andere in eine neue Richtung. „Suffering Hour“ war hauptsächlich eine Zusammenstellung von Kompositionen, die entweder Kevin bereits vor meinem Einstieg bei Anacrusis fertig gestellt oder die ich noch für meine alte Band Heaven’s Flame geschrieben hatte. Zwar gab es schon hier Hinweise darauf, dass wir ein größeres Augenmerk auf die textliche Seite legen wollten, etwa in „Present Tense“ oder „A World To Gain“, aber erst mit „Reason“ streiften wir die Zügel ab, die uns die Genrenormen des Metal auferlegten. Einige von uns standen auf Hardcore und Punk, und auch ich mochte sowohl die bodenständige Komponente als auch den ehrlichen Blick auf soziale Realitäten in diesen Musikrichtungen, die den „Dungeons & Dragons“ oder „Rockin’ out“-Lyrics nicht weniger Metalbands diametral gegenüberstanden. In einem pragmatischeren Sinne erreichten wir auch langsam ein Alter, in dem wir alle ernsthafte Beziehungen eingingen und erstmals all die Dinge durchlebten, die damit nun mal einhergehen. Es ist eben ein Unterschied, ob Du noch zur High School gehst und bei Mami und Papi wohnst oder verheiratet bist und dir erst einmal eine eigene Existenz aufbauen musst. Unsere Texte haben immer das widergespiegelt, was uns in unserem Leben gerade widerfuhr.<>

Anschließend habt ihr „Manic Impressions“ aufgenommen, ein Album, das vom renommierten Rock Hard-Fanzine vor einiger Zeit in die Top 300 der Metal-Historie eingestuft wurde. Im Booklet zu „Hindsight“ sagst du, dass ihr an diesem Punkt erstmals eure eigene Identität gefunden habt. Habt ihr dies auch schon damals erkannt, sprich: wart ihr Euch eurer Einzigartigkeit bewusst?

>>Naja, gerne würde ich sagen: „Wir wussten haargenau, was wir gerade taten“, aber dann würden die Gitarren auf dem Album anders klingen, haha! Ich denke durch den Einstieg von Chad öffneten sich für uns neue Türen in Sachen Songwriting. Der Großteil der Songs wurde unter Zuhilfenahme eines Drumcomputers komponiert, und deswegen haben die meisten Stücke auch im Gegensatz zu den verrückten Arrangements auf „Reason“ lediglich ein Metrum und Tempo. Chad war der Drummer von Heaven’s Flame und er stand uns auch schon vor Mikes Ausstieg 1990 sehr nahe. Er wusste also, was uns vorschwebte und traute mir insofern, als er dem von mir vorgegebenen Rahmen durch sein Spiel lediglich einige neue Facetten hinzufügte. Ich denke „Manic“ ist ein fantastisches Album für sein Genre und auch bezüglich unserer eigenen Performance das beste Anacrusis-Album. „Screams And Whispers“ ist abwechslungsreicher, mit einigen herausragenden Songs bestückt, die den Rest des Materials überstrahlen. „Manic“ ist hingegen sehr fokussiert und erscheint mir rückblickend dadurch, dass jeder Song an der richtigen Stelle steht, fast wie ein Konzeptalbum – alle Rädchen greifen schlicht ineinander. Stücke gleichen sich schließlich wie Familienmitglieder, aber hier wiederholt sich nichts und jeder Song hat seine ihm eigenen Stärken. Zusammen entsteht so ein komplettes musikalisches Paket.<>
Du hast das Album für die Website neu abgemischt – ist der ursprüngliche Mix der einzige wirkliche Schwachpunkt?

>>Hmm, würde ich „Manic“ jemals neu aufnehmen, so würde ich versuchen, jedes andere Detail zu kopieren, also heißt die Antwort wohl „Ja“. Es gibt einige Aspekte des ursprünglichen Mixes, die ich wirklich hasse – das ist selbst für Laien leicht nachvollziehbar. Unsere eigene Leistung jedoch bietet wenig Angriffsfläche, eventuell mit Ausnahme der Tatsache, dass einige Stücke, „Something Real“ etwa, in Sachen Tempo ein wenig zu gedrosselt daherkommen. Mit dem Remix habe ich einfach die Frage „was wäre gewesen, wenn…“ ausgelotet, und das Ergebnis klingt sicher ebenso missglückt, wenn auch in anderen Punkten. Ich würde wirklich nur zu gerne lediglich die Gitarren neu aufnehmen, aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass Menschen die Dinge so lieben, wie sie sie kennen gelernt haben. Daher werden sie auch weiter das Original lieben, egal wie gut die neuen Gitarren klängen, also würde ich, wenn ich tatsächlich erneut Hand anläge, dies nur für unseren Hausgebrauch tun.<>

Auf „Screams And Whispers“ habt ihr schließlich mit orchestralen Arrangements experimentiert – war dies einer der Antriebe hinter dem Remix von „Manic“, das Album ein wenig „epischer“ klingen zu lassen?

>>Nun, ich mag die Schublade „episch“ in musikalischen Fragen. „Manic Impressions“ ist unglaublich trocken und zu dünn produziert, ein Umstand, der zum einen den Vorlieben Chads geschuldet war, zum anderen aber als Überreaktion auf den verwaschenen Sound von „Reason“ angesehen werden muss. Einige Fans mögen den eisigen Klang des Albums, was ich auch verstehen kann, aber gleichzeitig denke ich, dass sich dahinter in den Songs noch sehr viel mehr Power verbirgt, als es diese ursprünglichen Versionen vermuten lassen. Der Remix war ja nur eine Spielerei meinerseits, keine offizielle Veröffentlichung. Ich habe dementsprechend hie und da ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass gerade Schlagzeug und Gesang deutlich besser klingen. Einige der Gesangslinien konnte man vorher überhaupt nicht heraushören! Bezüglich „Screams“: einige der Tracks, „Grateful“ zum Beispiel, wurden tatsächlich um die orchestralen Arrangements herumgebaut; wir haben also nicht bloß einige klassische Instrumente in den Kontext eines Metalsongs eingefügt. Ich bin davon überzeugt, dass solche Instrumente harter Musik eine epische, zeitlose Komponente zu verleihen vermögen.<>

„Screams And Whispers“ ist nicht nur für mich die Apotheose des Bandsounds und eurer Philosophie: grenzüberschreitend, mutig, innovativ, eine organische Mischung aus der urwüchsigen Aggression eurer Anfangstage mit Einflüssen aus den Wave- und Indie-Genres, eingebettet in progressive Songstrukturen. Ich habe jüngst mit einigen Herrschaften diskutiert, die man durchaus als Experten in Sachen Metal bezeichnen kann – unisono klang durch, dass „Screams“ noch immer state of the art ist. Gäbe man das Album unvermittelt jemanden, der es noch nicht kennt (und davon gibt es leider noch viel zu viele…), so würde sie/er es sowohl in punkto Sound als auch Songs sicher als Neuveröffentlichung ansehen. Das Album ist schlicht zeitlos – wusstet ihr wenigstens jetzt, dass ihr der Zeit weit vorausgeeilt wart?

>>Puh, das ist aber ein schönes Kompliment. Es gibt einige Dinge bezüglich des Mixes, die ich nicht eben liebe, insbesondere was die Drums betrifft. Alles in allem jedoch kommen die Songs so rüber, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Album bietet eine gelungene Mixtur aus unseren verschiedenen Stilen im Verbund mit einigen neuen Elementen, so dass unsere musikalische Hinterlassenschaft ohne das Album wohl ärmer gewesen wäre. Erneut würde ich nur zu gerne bestätigen, dass wir wussten, was wir da so getrieben haben, aber wir machten noch immer bloß die Musik, die wir selbst gerne gehört hätten. Ich bezweifle, dass wir die ersten waren, die das, wofür wir bekannt waren, taten, allerdings kombinierten wir unsere Einflüsse in einer Weise, die man vorher noch nicht gehört hatte. Sogar die orchestralen Einschübe waren nichts anderes als Recycling unserer Einflüsse, Pink Floyd etwa, oder auch Celtic Frost und The Moody Blues. Wir borgen doch alle etwas von unseren Helden aus, aber das heißt ja nicht, dass man nicht etwas Eigenständiges aus diesen geliehenen Zutaten kreieren kann. Hoffentlich ist uns das auf „Screams And Whispers“ gelungen.<>
Das Album ist vom Rock Hard just zu einem der 15 besten Progressive Metal-Alben aller Zeiten gekürt worden. Was bedeuten dir solche Lorbeeren?

>>Ich habe Boris Kaiser im Verlauf des KIT endlich kennen gelernt; wir standen in Kontakt und er hatte mich jüngst noch einmal angemailt, da er die Demoversion von „Sound The Alarm“ auf der der genannten Ausgabe beiliegenden CD haben wollte. Ich schätze es sehr, dass er und andere Schreiberlinge des Rock Hard uns im Laufe der Jahre tatkräftig unterstützt haben. Bezüglich dieser „Auszeichnung“: das haut mich wirklich um! Ich habe das Heft bisher noch nicht gesehen, aber es ist irgendwie surreal, dass unser Album auf einer Stufe mit Werken stehen soll, die sicher allesamt Klassiker-Status innehaben. Ich habe mich über die Jahre daran gewöhnt, dass uns nur sehr wenige Leute kennen, und nun eine solche Wertschätzung zu erfahren, ist der Ehre fast schon zuviel. Andererseits fühlt es sich natürlich sehr gut an, so viele Jahre nach unserem Abgang für etwas Aufmerksamkeit zu erheischen, dass seinerzeit, zumindest hier in den Staaten, komplett ignoriert wurde. In den Staaten kennen wir das Rock Hard natürlich nicht, aber da mir jeder erzählt, dass das Heft bei Euch richtig groß ist, sind wir ihnen sehr dankbar dafür, uns berücksichtigt zu haben.<>

Glaubst du, dass Eure Geschichte eine andere Wendung genommen hätte, wenn ihr früher und öfter in Europa vorstellig geworden wärt?

>>Dessen bin ich mir recht sicher. Ich erinnere mich an die letzte Amerika-Tour, in deren Verlauf wir für etwa einen Monat den Opener für Cathedral, Flotsam & Jetsam und Mercyful Fate mimten. Als erster Band wurde uns eine Spielzeit von gerade mal 30 Minuten zugestanden – obwohl wir bereits vier Alben veröffentlich hatten, konnten wir also lediglich um die sechs Songs bringen, und die waren, soweit ich erinnere, alle vom „Screams“ Album. Es war äußerst frustrierend, einige Fans zu treffen, die sehr lange darauf gewartet hatten, uns endlich einmal live sehen zu können, und dann können wir nicht einmal älteres Material spielen.
Dasselbe war uns bereits auf der Overkill-Tour nach „Manic“ widerfahren. 30 Minuten – nur Songs vom neuen Album. Ich weiß noch, dass ich schließlich dachte: „und beim nächsten Album demnach wieder dasselbe Spiel“. Zwischen der eingangs erwähnten Tour und dem Europa-Trip mit Death lagen bloß ein oder zwei Tage. Es war uns ein echtes Anliegen, endlich mal über den Teich zu fliegen, da wir dort schon immer bessere Presse hatten und auch einiges an Fanpost erhielten. Da waren Leute, die schon seit unseren Demotagen darauf warteten, Anacrusis endlich live zu sehen. In den Staaten kannten uns die Allermeisten noch nicht einmal nach vier Alben… Jeden Abend gingen wir auf die Bühne und versuchten, eine Meute zu überzeugen, die überwiegend mit verschränkten Armen und „dann zeigt mal was“-Attitüde vor der Bühne verharrte. Das ist für eine Weile ganz nett und schweißt eine Band zusammen, aber irgendwann ist es auch gut und man möchte vor Menschen spielen, die die Songs kennen und schätzen.
>>Als wir dann endlich nach Europa kamen, waren wir überwältigt. Zum einen ist die Einstellung gegenüber dem Opener eine gesündere, zum anderen gab’s da tatsächlich Fans, die unsere Texte mitsangen und sogar Shirts trugen. Zudem bekamen wir diesmal 45 Minuten Spielzeit und da wir uns das Drumkit sowie die Verstärker mit Death teilten, kamen wir in den Genuss, die gesamte Bühne nutzen zu dürfen. Es fühlte sich fast an, als seien wir der Headliner. Leider ging es uns vor unserem Abflug aber bereits so fürchterlich, dass selbst diese positiven Eindrücke nicht mehr dazu beitragen konnten, unsere Stimmung aufzubessern. Ich glaube rückblickend, dass nichts unsere Entscheidung mehr hätte ändern können. Als ich von dieser Tour nach Hause kam, zerbrach zu allem Überfluss auch noch meine Ehe und diese bescheidene Gesamtsituation erstickte jeden Wunsch, Anacrusis weiterzuführen. Wir alle sind uns noch heute einig, dass es vielleicht nie soweit gekommen wäre, wenn wir ein wenig früher auch nur etwas mehr Respekt erfahren hätten – aber das ist unterm Strich Spekulation. Es ist einfach verdammt schwer, immer den Kopf oben zu halten, wenn du das Gefühl hast, dass niemand auch nur die Existenz deiner Band zur Kenntnis nimmt.<>

Dann nenne all den Unwissenden doch mal fünf Anacrusis-Songs, die die Essenz der Band einfangen.

>>Da ware zunächst “Present Tense” – ich habe oft gesagt, dass dieser Song etwas von alledem verkörpert, was uns als Band ausgemacht hat. Es gibt diesen brutalen, thrashigen Einstieg, viel Melodie, ein von einem spoken word-part begleitetes Doomriff im Mittelteil, eine ungewöhnliche Schlagzeugarbeit, melodische Basslinien sowie coole Gitarrensoli. „Present Tense“ war der erste Song, den wir „zusammen“ als Band komponiert haben, und er ist bis heute einer meiner Favoriten. Ein toller Opener für unsere beiden Reunion-Shows.
„Stop Me“ war wie gesagt der Türoffner zu neuen Wegen, die uns zu unserem eigenen Sound führten. Ein sehr persönlicher Text, großartige Melodielinien, eines meiner liebsten Soli. Für mich demnach noch heute eines unserer Highlights.
„I Love The World“ ist zwar bloß ein Cover, aber der Song eröffnete uns definitiv neue Fanschichten – vielleicht und hoffentlich gilt dasselbe für New Model Army. Ich habe jedenfalls so einige Fans kennen gelernt, die durch uns erst auf Army aufmerksam wurden und umgekehrt. Ich habe hart daran gearbeitet, den Song wie eine Eigenkomposition klingen zu lassen, und das scheint auch funktioniert zu haben, denn viele haben nicht gemerkt, dass es sich um ein Remake handelt, bis ich es ihnen gesteckt habe [das waren dann aber wohl eher jene, die Army nicht kannten… – PM]. Einfach ein fantastischer Song.
„Sound The Alarm” war der erste Song, den ich für „Screams And Whispers” geschrieben habe und schon vom ersten Demo an wusste ich: das MUSS der Opener werden. Das Stück floss regelrecht aus mir heraus; ich glaube nicht, dass ich zwischen der ersten, mit einem Drumcomputer komponierten Demoversion bis hin zum fertigen Song auch nur eine Note verändert habe. Wenn mich jemand fragt, wie Anacrusis denn klingen, dann rate ich ihnen, sich „Sound The Alarm“ zu Gemüte zu führen. Der Song hat diesen natürlichen Aufbau, ist hart und zugleich treibend und verfügt dennoch über eingängige Hooks. Ich erinnere mich, dass die Leute sogar dann schon auf den Song steil gingen, als wir ihn probeweise vor der Veröffentlichung von „Screams“ live spielten. Da ist einfach dieser kraftvolle, gleichmäßige Beat, der die Leute bei der Stange hält.
“Grateful” besticht durch die Verwendung orchestraler Elemente – auch wenn wir beileibe nicht die ersten waren, die solcherlei Gimmicks verwendeten, so wurden sie doch Bestandteil unseres Signature-Sounds. Zudem machten sie „Screams“ zu etwas besonderem. „Brotherhood?” steht mehr als jeder andere Song für diesen Aspekt, aber in „Grateful“ ist er am stimmigsten integriert. Meistens bedienen sich Bands nachträglich verschiedener Pianosounds oder aber Streichern und Bläsern, wir aber gingen wie gesagt den umgekehrten Weg. Es handelt sich um unsere wohl atmosphärischste Komposition, und die Strophe verschafft mir noch immer eine Gänsehaut.<
>
http://www.anacrusis.us
Patrick Müller (Gastautor)


[ Zurück zum Index: 'A' ]
 

[ Unsere Webseite weiterempfehlen ] [ Impressum ] [ Seitenanfang ]

© Oblivion 1998-2002 Alle Rechte vorbehalten

Haftungsausschluss/Disclaimer

technisches Konzept, Programmierung & Webdesign by M. Koschinski / C. Fessler