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MAGAZIN :: Index: 'A' :: ANACRUSIS - L ....

ANACRUSIS - Look back in anger, oder: Diskographie einer begnadeten Formation!
Ein saftiger Frühlingsvormittag irgendwann in den 90ern. Irgendwo in den Baumbergen rauscht ein von der Gesamtsituation frustrierter, für die sich auftürmenden Aufgaben des plötzlich weitab der Heimat Koblenz zu meisternden Lebens mehr schlecht als recht gewappneter, in Münster den Magistergrad anstrebender Anglistikstudent im Rahmen seines Studentenjobs als Laborkurier in einem feschen Nissan Micra durch die vermittels ihres Namens übertriebene Höhenluft suggerierenden sanften Hügel des Münsterlands. Wenige Wochen zuvor hatte ein Freund ihm eine Kassette (ja, die gab es mal…) in die Hand gedrückt und diesen damals nicht selten mit sakraler Bedeutung behafteten Akt mit für den Landstrich typischen, bodenständigen Enthusiasmus ausdrückenden Worten: „Hör mal rein, ist geil…“ begleitet. Mehrere Male war diesem Rat bereits gefolgt worden, galt der Freund doch als verlässlicher Gradmesser für metallische Qualität. Aber irgendwie wollte der Funke nicht überspringen. Doch dann kam jener Vormittag… Kurz vor Havixbeck ertönt ein wilder Schrei, eine sonore Stimme singt „No, we can’t be responsible, for bearing the unbearable“ und der anschließend garstig daher gekeifte Refrain sorgt für die endgültige Epiphanie: aus Frustration wird Trotz, aus Dunkel Licht, aus verschwommenen Konturen kristalline Klarheit. Der Student war ich, die Band Anacrusis, das Album „Screams And Whispers“, der Song „Release“, und seither hat mich diese Band, meinem Kumpel Andreas sei Dank, nie mehr losgelassen.

Anacrusis sind für ihre leider nicht sehr zahlreichen Fans ein Faszinosum und eine der begnadetsten Bands, die die Metal-Szene jemals hervorgebracht hat. Ähnlich jedoch wie etwa die Schweizer Coroner oder, noch gravierender, die Kanucks Voivod ernteten die Jungs aus St. Louis nie auch nur ansatzweise die Anerkennung geschweige denn den Erfolg, den sie durch ihr innovatives Treiben verdient gehabt hätten. Über die Gründe dafür darf man streiten, und wie so oft mögen auch einige unglückliche und unbedachte geschäftliche Entscheidungen involviert gewesen sein. Sicher ist allerdings: Anacrusis waren ihrer Zeit nicht nur um Jahre, sondern tatsächlich um Lichtjahre voraus – ihr gegen den Strich gebürsteter, gleichsam subtil-brutaler wie auch hochmelodischer Techno-Thrash hätte das Potenzial gehabt, einer zu Beginn der 90er Jahre dahin siechenden Metalszene neues Leben einzuhauchen. Gleichzeitig bewegte man sich weitab jedweder Hörgewohnheiten, ein Umstand, der dazu führte, dass man von einem orientierungslosen, notorisch ungeduldigen Publikum weitgehend ignoriert wurde. Für mich ist es einer der bedauerlichsten Momente der Metalhistorie, dass die Band 1993 nach einer Tour als Support von Death entschied, dass es unter diesen Vorzeichen keinen Sinn mehr machen würde, derlei ambitionierte Soundvisionen weiter zu treiben; und das, obwohl man mit „Screams And Whispers“ just ein absolutes Meisterwerk veröffentlicht hatte. Anlässlich des kürzlich absolvierten, absolut fantastischen Gigs der Amerikaner auf dem Keep It True-Festival sowie der Neueinspielung der beiden ersten Alben, im original Line-up mit Urschlagzeuger Mike Owen, unter dem Namen „Hindsight“ ist es nunmehr höchste Zeit, dem Schaffen dieser begnadeten Band ein Denkmal zu setzen. Nach einem Einblick in das musikalische Wirken von Anacrusis im Rahmen dieses Specials bieten wir euch in der Interview-Rubrik ein äußerst umfassendes Gesprächsprotokoll, in dessen Verlauf Sänger/Gitarrist Kenn Nardi redselig und äußerst sympathisch Einblick in Geschichte und Seelenleben einer genialen, zugleich aber zutiefst zerrissenen Band gewährte.
SUFFERING HOUR (47:10 bzw. 64:09 min.)

Im Underground waren Anacrusis im Jahre 1988 keine Unbekannten mehr, hatte man doch im Vorjahr mit der Neueinspielung des „Annihilation Complete“-Demos den Jahrespoll des Fanzines Metal Forces gewonnen. Und „Suffering Hour“ rechtfertigte sämtliche Vorschußlorbeeren – zwar krankt das Album etwas an einem dem Minibudget geschuldeten holprigen Sound, jedoch darf man nicht vergessen, dass es in einer Woche eingespielt und schließlich innerhalb zweier Tage abgemischt werden musste. Metallica spielten in dieser Zeit gerade mal „Garage Days“ ein… Wie so viele Debuts jener Zeit (nicht selten werden Erinnerungen an „The Ultra-Violence,“ „Eternal Nightmare“ oder auch „Ignorance“ wach) ist „Suffering Hour“ ein ungestümes, authentisches Stück Musikgeschichte: wüste Thrash-Riffs („Present Tense“) paaren sich mit Trouble geschuldeten Doom-Einflüssen („Imprisoned“ oder „Frigid Bitch“ – letzterer Song schlägt jedoch alsbald in eine räudige Kreator-Hommage um) sowie mit den für die damalige Zeit genreuntypischen, hochmelodischen Vocal-Parts des ehemaligen Heaven’s Flame-Fronters Nardi („World To Gain“), die bei Puristen für gerümpfte Nasen sorgten. Die neue Version des Albums auf der „Hindsight“-Doppel-CD (in einem sehr schick aufgemachten Digipack mit fettem Booklet) wartet im Vergleich zur usprünglichen (Vinyl-)Version mit den Bonustracks „Apocalypse“ und „Injustice“ auf (beide ursprünglich auf dem zweiten „Annihilation Complete“-Demo, letzterer Song dann eigentlich erst auf der europäischen Version von „Reason“ zu hören) – schnell wird klar, dass Anacrusis die den Stücken zugrunde liegenden kompositorische Klasse behutsam zu Tage fördern, und zwar ohne dabei ein zahnloses Altherren-Thrashalbum abzuliefern. Im Gegenteil: hier rockt’s frisch, fromm, fröhlich, frei an allen Ecken und Enden! Auch anno 2010 überfrachtet man die Songs nicht mit produktionstechnischen Gimmicks (dafür stand sicher auch nicht das Budget bereit), aber Prachtsongs wie „Present Tense“ oder „Fighting Evil“ erstrahlen angesichts der deutlich gesteigerten spieltechnischen Klasse und differenzierterer Arrangements in neuem Licht (hört Euch allein mal die verschiedenen Versionen von „Annihilation Complete“ an…) – und Kenns spitze Schreie sind noch immer state of the art: absolut göttlich! So steht unterm Strich ein Album, das zwar deutlich in der damals in voller Blüte stehenden Thrash-Bewegung anzusiedeln ist, gleichzeitig aber bereits dezente eigene Duftmarken zu setzen weiß, denn schon hier schimmern jene unorthodoxen Skalen und Riffs („R.O.T.“) sowie der von markerschütternden Schreien durchbrochene melodische Facettenreichtum der Stimme Nardis (Butcher’s Block“) durch, die später zu den Markenzeichen der Band werden sollten. Auch die textliche Andersartigkeit von Anacrusis zeichnete sich bereits zart ab, widmete man sich doch, ähnlich wie Sacred Reich oder Megadeth, vorrangig, wenn auch mitunter noch reichlich unbeholfen und in drastischer Bildsprache, politischen Themen wie unterdrückter Meinungsfreiheit oder Kriegstreiberei. Genügend gute Gründe also, dieses Album entweder gänzlich neu oder nochmals für sich zu entdecken. Auf der Website gibt’s zudem noch eine rasante Version des Sabbath-Evergreens „N.I.B.“ sowie den schmissigen „Munster’s Theme“ als Download. (8/10)
REASON (52:37 bzw. 61:02 min.)

Auf „Reason“ gingen Anacrusis 1990 schließlich deutlich kontrollierter zu Werke – zumindest auf den beiden erst im Studio fertig gestellten Songs „Stop Me“ und „Afraid To Feel,“ die schon eine deutliche Affinität zu den späteren, avantgardistischen Kompositionen der Missouri-Combo aufweisen, wohingegen das Gros des Albums, teilweise noch auf Demomaterial rekurrierend, weiter im klassischen Thrash verwurzelt bleibt. Man höre exemplarisch die Testament-artigen Riffkaskaden in „Wrong“ oder das wahnwitzige Tempogebolze in „Terrified.“ Nichtsdestotrotz war auf „Reason“ definitiv klar, das hier eine Band im Begriff stand, neue Ufer zu erschließen. So würzte man den alten Song „Child Inside,“ ein Relikt aus Heaven’s Flame-Tagen, mit punkiger Attitüde sowie New Wave-artigem Gesang und auch die melodiöse Ausrichtung der eingangs erwähnten Songs verdeutlichte, dass Anacrusis sich mitunter bereits weit abseits gängiger Thrash-Klischees bewegten. Insbesondere „Stop Me“ mit seiner mystischen Gesangslinie verfolgte einen bis in den Schlaf (und tut es noch immer…) – die perfekte Symbiose zwischen brutalem Riffing und eigenständiger Melodiearbeit. Für die auf „Hindsight“ zu findende Version gilt grundsätzlich dasselbe wie für „Suffering Hour.“ Geschmackvoll transponiert man das Album ins neue Jahrtausend und lässt auch kleine Ungereimtheiten bestehen. So hat man zum Beispiel den ursprünglichen CD-Bonustrack „Killing My Mind“ (entstanden aus dem Demotrack „Pendulum“) nunmehr organisch ins Album integriert, bemüht sich aber nicht, die offensichtlichen kompositorischen Defizite, die sich aus der Neuorientierung ergaben, zu glätten. Wie so viele Alben von begnadeten Bands, die im Begriff sind, sich in eine neue Richtung entwickeln, ist auch „Reason“ ein typisches Übergangsalbum: hier sitzt noch nicht jede Idee, nicht jedes Arrangement zündet – aber im Kontext der späteren Releases flackert jene Innovation auf, die die Nachfolger in den Metal-Olymp hieven sollte. (7,5/10)
MANIC IMPRESSIONS (52:50 min.)

Und dann war es tatsächlich soweit. Auch wenn etwa Gitarrist Kevin Heidbreder heute noch die ersten beiden Alben favorisiert: Veto! Mit „Manic Impressions“ zeigten Anacrusis sich 1991 zum ersten Mal in der Lage, ihre überbordende Ideenwelt zu bändigen und authentische Thrash-Aggression mit alternativen Songstrukturen sowie Einflüssen aus anderen Genres durch perfekte Arrangements zu verknüpfen. Klang „Reason“ noch wie ein in der Streichholzschachtel gefangener Elefant, so tönt der Quantensprung „Manic Impressions“ in punkto Songwriting und spielerischer Klasse wie ein in den Weiten der kongolesischen Savanne selbstsicher dahin schreitender brünstiger Bulle. Bereits das genial verquere Eröffnungsriff des monumental-wahnwitzigen Openers „Paint A Picture“ jagt JEDEM Freund progressiver Thrashklänge eine wahrhaft elefantöse Gänsehaut über den Rücken – und unbeirrt spielt sich die Band anschließend stolz durch eine 60 Minuten andauernde Demonstration der Stärke. Das majestätische Riffing des Melodienwunders „Something Real,“ der Facettenreichtum des Bangers „Still Black,“ das grandiose New Model Army-Cover „I Love The World“ (die englische Sprache kennt das schöne Wort „haunting“…), mit dem Kenn Nardi endgültig seine Vorliebe für britischen Indie und Wave nach außen kehrte – weitere Klassiker aufzuzählen erübrigt sich ob der Klasse des Materials schlicht. Obwohl: darf ich auf die Breaks in „What You Became“ hinweisen, die das Wörtlein „zwingend“ neu definieren, vielleicht auch auf das völlig unterbewertete Alternative-Metal meets Progressive-Thrash Juwel „Explained Away“? Oder wie wär’s überhaupt mit der etwas in Vergessenheit geratenen B-Seite? Hier ist kaum eine schwache Note zu vernehmen, wertes Publikum! Im Verlauf des Albums zeigt sich endlich auch, welch tragende Rolle Bassist John Emery für den Bandsound spielte, und auch der von Kenn früh eingesetzte Schachzug, seine und Heidbreders Gitarren auf je eine Box zu verteilen, entfaltet hier erstmals seine volle Wirkung. Auch der neue Schlagzeuger Chad Smith (nein, Herr Rensen, NICHT der von den Chili Peppers…) zeigt sich den Anforderungen des Soundgebräus technisch spielend gewachsen. Hat man einen Durchlauf dieses Meilensteins hinter sich, denkt man nicht mehr viel. Schlagwörter blitzen auf: „genial, wundervoll, erhaben, eben wollte ich noch in der Nase bohren…“ Einziger kleiner Wermutstropfen: leider klingt der Sound diesmal zwar differenziert, aber auch wie der eingangs erwähnte gefangene Elefant – daher sah sich Nardi befleißigt, auf der Homepage eine zugegeben voluminösere, am heimischen PC remixte Version als Download zur Verfügung zu stellen, die für Fans allerdings wiederum gewöhnungsbedürftig klingt (enthält zudem eine interessante Version des „Screams And Whispers“-Hits „Tools Of Separation“). Entscheidet selbst (mehr dazu auch im Interview)… An der Tatsache, dass Anacrusis sich auf „Manic Impressions“ von den eingangs erwähnten Einflüssen endgültig emanzipieren und schlicht eigenständig klingen, ändert dies freilich nichts. Klassikeralarm! (9,5/10)
SCREAMS AND WHISPERS (62:05 min.)

Das kann man nicht toppen? Oh doch, Anacrusis konnten… Und WIE sie es konnten. Jedesmal, wenn ich das Intro von “Sound The Alarm“ nur höre, weiß ich nicht, ob ich lachen, weinen, oder einfach nur in die Hose machen soll – der Song ist Atmosphäre und Emotion pur, in 5 ½ Minuten gegossene Genialität, und so was schreit bekanntlich nach Körperflüssigkeiten: Schweiß, Blut, Tränen. Herr Freud, übernehmen sie… Egal, mit wem ich kürzlich auf dem Keep It True-Festival fachsimpelte: alle waren sich einig, dass man „Screams And Whispers“ auch 17 (!!!!) Jahre nach seinem Erscheinen jedem, der das Album nicht kennt, problemlos als alles was momentan so kreucht und fleucht in die Tasche steckende, topmoderne und relevante Neuerscheinung vorstellen könnte: so einzigartig, frisch, professionell und gleichsam unverbraucht klingt es vom ersten Moment an, und zwar diesmal auch endlich in Sachen Produktion. Jene gereicht nämlich Attributen wie „transparent“, „druckvoll“ oder auch „differenziert“ allemal zu Ehren. Und erst diese Songs: jeder ein Juwel, nein, eine Offenbarung. Schon mal zu den (nunmehr von Paul Miles eingetrommelten) Monstergrooves der Nardi-Gabe „Sense Of Will“ getanzt? Nein? Selbst Schuld! Ausprobieren!! Schon mal die orchestralen Arrangements und um 37 Ecken gedachten Riffs von „Too Many Prophets“ oder „Tools Of Separation“ genossen? Herrje, nehmt einen 15-jährigen Laphroaig dazu, wenn’s denn sein muss – Liedgut und Gesöff sind unter ihresgleichen. Mit „Release“ öffnete man zudem potenziell die Tür zu den Charts, ohne dabei jedoch auch nur ansatzweise seine Roots zu vergessen. Im Gegenteil, der Song steht stellvertretend für die im Albumtitel angedeutete perfekte Symbiose aus in sich gekehrter Stille und auf Krawall gebürsteter Kraft, die diesen Spagat zwischen in den 80ern verwurzeltem extremem (Thrash-)Metal und Moderne so einzigartig macht. Und warum „Grateful“ bis heute nicht von den Belanglosigkeiten wie „Fear Of The Dark“ oder „The Bard’s Song“ in Endlosschleife wiederkäuenden Metal-DJs entdeckt wurde, erschließt sich mir ob deren als Traditionstreue getarnter Trendreiterei leider nur zu gut. Und genau in diese Krux der Metalszene stieß „Screams And Whispers“ 1993 hinein: man erkannte nicht die sinnstiftende Funktion eines Albums, dass genau jene Pole vereinte, die die Szene dereinst wie heute trenn(t)en. Mensch, jeden einzelnen Song würde ich deswegen an dieser Stelle liebend gerne sezieren, Euch erzählen, wie unfassbar genial „Brotherhood?“ (ein Wert, der von den selbsternannten Wächtern dieser Metalwelt immer gerne beschworen und von Anacrusis in einem anderen Zusammenhang subtil hinterfragt wird – verräterisch) arrangiert ist, wie FETT „Driven“ jedes Neo Thrash-Lüftchen von dieser Welt rifft. Atonale Riffexperimente und abseits eingefahrener Songstrukturen kreative Vielfalt zelebrierende Wundertüten wie „My Soul’s Affliction“ standen jedoch in der damaligen Atmosphäre leider bloß als zarte Pflänzchen im Sturm. Die kürzlich von Nardi selbst aufgelegte „Screams and Whispers Compilation“ enthält ein Bootleg der St Louis-Show aus 1993 in passabler Qualität, die Promo-Videos zu „Release“ und „Sound The Alarm“ sowie ein von einer kultig uninformierten („And is the album called Sound The Alarm?“) Stinkefuß-Journalistin geführtes Interview mit der Band. Paradoxa blühen zu Zeiten widerstreitender Wertesysteme, und somit ist dieses Album DAS Paradoxon der Metalszene der 90er: ein Manifest eines zeitgleich sterbenden und wieder auferstehenden Phänomens, ein „Screaming Breath.“ (10/10)
CRUEL APRIL – DITO (61:17 min.)

Vor einigen Jahren ließ dann plötzlich eine völlig neu gestaltete, mit einer Fülle an Downloads aufwartende Website Fans weltweit aufhorchen und leise auf eine Renaissance einer tot geglaubten Band hoffen. Unter den Downloads befindet sich ein wenig versteckt das Album einer „Band“ namens „Cruel April“, das zunächst einige Fragezeichen aufwarf. Entspannte, vorwiegend akustische Klänge erwarten den Hörer, aber schon bald wird klar, wer hier seine Finger im Spiel hat, denn schließlich hatte Kenn Nardi nie einen Hehl aus seinen Einflüssen gemacht, die wie bereits erwähnt nicht zuletzt in der britischen Indie-Szene der 80er Jahre zu finden sind. So gemahnen die Gitarrenläufe des Tanzflächen kompatiblen Hits „Crushed“ (wartet mit einem jener archaischen Schreie Nardis auf) oder die Atmosphäre des von einem Roger Waters-Intro eingeleiteten und dezenten Orgeln begleiteten Wave-Schmachters „The Only Lie“ an The Cure, während in „Seventy Times Seven“ dezente Mission-Beats durchscheinen. Aber auch Beatles-artige, psychedelische Gesangslinien (im wunderschönen „You’re Like The Rain“) oder Anleihen bei der Dave Matthews Band (Melodieführung) lassen sich ausmachen. Die deutlichsten (wohl unbewussten) Parallelen bestehen jedoch zu Sophia, denn wie die Alben Robin Proper-Sheppards ist „Cruel April“ von einer melancholischen Atmosphäre durchzogen, und so zeigt sich der Löwenanteil des Materials auch tief in der Singer/Songwriter-Tradition verwurzelt.
Nardi spielte das Album im Alleingang mit Hilfe eines Drumcomputers ein und besann sich so auf eine Methode, die er auch schon während des Songwritings für Anacrusis angewandt hatte. Dadurch trägt das Album auch deutlich den Stempel eines Homerecordings, was angesichts der ruhigen Ausrichtung der Stücke nicht weiter ins Gewicht fällt. Unterm Strich steht ein Album für Scheuklappen befreite Musikliebhaber, dass aber auch durchaus für Anacrusis-Fans interessant ist, legt es doch einige der Einflüsse frei, die Nardis einzigartiges Melodiegespür prägten. (7,5/10)
ANNIHILATION COMPLETE: THE EARLY YEARS ANTHOLOGY (79:59 min.)

„Annihilation Complete,“ 2009 erschienen, ist eine jener Compilations, die gerne in Erinnerungen schwelgenden Altfans die Freudentränen in die Augen treiben, für Einsteiger hingegen nur bedingt zu empfehlen sind. Das soll jedoch nicht heißen, dass Anacrusis hier Ausschussware zweit verwerten: vielmehr gewähren sie in komprimierter Form Einblick in die Evolution ihres Sounds, vereinigt die CD doch das 86er 2 Song-Demo (mit „Frigid Bitch“ und „Pendulum“) sowie das für die Band wegweisende, 1987 neu eingespielte „Annihilation Complete-Demo“ mit einigen frühen Rehearsal-Aufnahmen, die wahrlich noch nicht in jeden Fanschrank Einzug gehalten hatten. So lässt sich hier nochmals nachvollziehen, dass viele Parts der Demosongs später in neu arrangierter Form auf den Alben Verwendung fanden; „Vulture’s Prey“ etwa stand nur allzu deutlich Pate für „Brotherhood?“ Die Zusammenstellung versprüht so jenen für Nostalgiker unwiderstehlich-authentischen Charme, der im Digitalzeitalter komplett verloren zu gehen droht – hier knarzt es, wie es sich für 4 Spur-Demos eben gehört, an allen Ecken und Enden. Auf Hochglanz polierte, am Rechner komprimierte Gleichmacher-Sounds sucht man auf „Annihilation Complete“ dagegen vergebens. Ebenso verhält es sich mit der das Package abrundenden Bootleg-DVD, auf der die Anacrusis-Vorgängerband Heaven’s Flame sowie unsere Helden selbst bei einigen kultigen, in selbstredend zumeist grottenschlechter Qualität gefilmten Auftritten zu bewundern sind. Das schaut man sich zugegebenermaßen nicht oft an, aber die unbändige Energie der Anfangstage lässt sich hier dennoch gut nachvollziehen. Im Verbund mit dem ausführlichen Booklet muss man konstatieren, dass Kenn Nardi hier ein Paket geschnürt hat, dass zwar lediglich für Fans der Band wirklich interessant ist, aber um etwas anderes ging es dabei auch nicht. (Ohne Wertung)
http://www.anacrusis.us
Patrick Müller (Gastautor)


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