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MAGAZIN :: Index: 'D' :: DAS ICH

DAS ICH
Alles ist relativ?!?
Provokation war und ist immer schon ein künstlerisches Privileg gewesen, wobei der Grat zwischen der Provoaktion um der Provokation willen und einer inhaltlichen Aussage, die auf den ersten Blick durch die Provokation überlagert wird, ein durchaus schmaler sein kann. Das Ich sind sich diesen schmalen Grates sehr wohl bewußt, denn nicht der "Antichrist" als Gegenspieler des Guten ist es, der dem neuen Album der elektronischen Soundpioniere den Namen gab, sondern die, je nach Blickwinkel des Betrachters, relative Begrifflichkeit solcher Begriffe wie Gut und Böse. Vor diesem Hintergrund ist auch der Begriff des "Antichristen" ein relativer, wobei Bruno Kramm und Stefan Ackermann sich durchaus bewußt hinstellen um darauf zu verweisen, daß sie die "Antichristen" sind, um sich als Sprachrohr einer ganzen Szene nach den Morden von Witten und der Vorverurteilung eben dieser Szene auch außerhalb ihrer Grenzen Gehör zu verschaffen und klarzustellen, daß nicht jeder Gruftie ein potentieller Mörder und Satanist ist.
Bruno: >> Das war nicht der einzige Grund, das Album so zu nennen, spricht aber letztlich auch dafür, daß eine der friedfertigsten Szenen gerade von der Regenbogenpresse und ähnlichen Medien immer in so einen Zusammenhang gebracht wird. Für uns ist der "Anti´Christ" auch ein Statement nach dem Motto "ja hier, holt uns, wir sind ja Antichristen" und setzt euch mal wirklich mit uns auseinander. Der Unterschied von einem kleinen Gruftie zu uns liegt darin, daß sich der normale Szenegänger wirklich nicht dagegen wehren kann. Er hat kein Podium, während wir die Möglichkeit haben, über Interviews und ähnliches einfach ein breites Podium zu nutzen um zu argumentieren und auch mal wirklich klarzustellen, einmal was an diesen ganzen Vorwürfen dran ist, um dann auch tiefer in die Materie einzusteigen, daß die Begrifflichkeit von Gut und Böse letztendlich schon wieder in so einer perversen polemischen Art genutzt wird, um irgendwelche demagogischen Ziele, politische und kapitalistische Ziele, zu verfolgen, daß dir Angst und Bange wird. Der Begriff von Gut und Böse ist seit Einstein relativiviert, es immer nur die Frage des Betrachtungsblickwinkels. Wenn du dir anschaust, daß heutzutage in der Weltpolitik von führenden Politikern von der Achse des Bösen zwischen Gut und Böse gesprochen wird, wo eigentlich das einzige Mittel die Diskussion, die Toleranz, die Auseinandersetzung miteinander wäre. Wo du einfach merkst, daß das Mitgefühl füreinander verloren wurde, weil die Leute einfach nur mit Pauschalismen bombadiert werden und irgendwann diese Medienbotschaften glauben. Diese reine Polemik von Gut und Böse. "Anti´Christ" war daher dahingehend ein Stückchen Statement, weil unser Album, wenn man sich länger damit befaßt, sich nicht mit dem Bösen als solches beschäftigt, sondern mit verschiedenen emotionalen Zuständen, die je nach Betrachtungswinkel als Gut oder Böse definiert werden können. <<
Schön und gut, aber wird eine Band, die dermaßen in der Szene verwurzelt ist wie Das Ich, außerhalb dieser Szene überhaupt wahrgenommen? Selbst wenn dem so sein sollte, so ist doch offensichtlich, daß die Boulevardpresse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser Szene doch gar nicht interessiert ist, wie nicht zuletzt die bereits angesprochenen Berichterstattung über die Morde in Witten gezeigt hat.
Bruno: >> Wenn das auf so einem Niveau abgeht, dann sage ich auch ganz gerne "ja, ich bin der Antichrist". Wir haben jetzt auch ein neues T-Shirt, wo vorne drauf steht "Ich bin der Antichrist". Wenn du merkst, daß die Menschen so dumm sind, daß du mit ihnen nicht argumentieren oder diskutieren kannst, dann sei es doch bitte. Dann sei für sie der Antichrist. Dann haben sie wenigstens vor irgendetwas ein wenig Angst. <<
Wirkt solch eine, für den Normalbürger immer schockierende Stellungnahme dem Bestreben, die Szene und die Menschen, die sich in ihr bewegen in einem besseren Licht darzustellen, nicht kontraproduktiv entgegen?
Bruno: >> Es bringt überhaupt nichts. Je mehr das passiert, umso mehr "Der Spiegel" darüber berichtet, daß es unglaublich ist, daß es nach solch einem Desaster wie auf dem WGT von vor zwei Jahren nicht zu Ausschreitungen gekommen ist, desto mehr kommt immer wieder dieser alte Vorbehalt. Ich habe mittlerweile bemerkt, je mehr man darüber diskutiert, desto weniger kapieren die Leute es letztendlich. Menschen, die Verstand haben, haben längst begriffen, daß diese schwarze Szene weit mehr ist, als ein Club von gestörten und verstörten Jugendlichen, die auf irgendwelchen Satansbällen unterwegs sind. Wir haben es lange genug probiert und waren überall, um an irgendwelchen Diskussionsrunden teilzunehmen, aber die dummen Menschen wollen dies einfach nicht verstehen. Letztendlich hat es nichts gebracht. Für uns ist der Antichrist, in der Form, wie unser Album betitelt ist, unsere Auseinandersetzung mit der Dualität von Gut und Böse. Wir hätten das Album, und deswegen auch dieser Trennstrich zwischen "Anti" und "Christ" auch "Christ" nennen können, ohne daß sich letzten Endes etwas geändert hätte. Letztlich hätte auch die Regenbogenpresse dann alleine aus dem Titel und der Kombination mit den Bildern von uns daraus geschlossen, daß es etwas abartig Böses ist. Egal wie rum man es anpackt, diese Kritik wird uns immer treffen. <<
Warum habt ihr euch diesem Thema dann gleich über die Länge eines ganzen Albums angenommen? Die Auseinandersetzung mit dem Thema Kirche und auch die relative Darstellung von Gut und Böse sind ja Themen, die Das Ich nicht zum ersten Mal thematisieren?
Bruno: >> Weil dies momentan doch ein sehr bewegendes Thema ist. Wenn du mitbekommst, wie die Welt plötzlich wieder in Gut und Böse eingeteilt wird, wie mit diesen alten Mythen von Gut und Böse, die immer noch in den Köpfen schlummern, gearbeitet wird, obwohl ein jeder Mensch längst weiß, daß es immer beides gleichzeitig gibt; das es immer eine Frage des relativen Standpunktes ist. Das ist für uns halt die Auseinandersetzung mit dem Album. Der Antichrist steht für uns nur als Symbol dieser Dualität.. Er ist nichts Böses als solches, nicht im Sinne von Böse, was im Volksmund als böse empfunden wird. Letztendlich ist der Christ genau so böse wie der Antichrist, genauso gut wie der Christ und der Antichrist selbst sind. Das einzig böse, was in unserer Gesellschaft existiert, ist das Fehlen von Mitgefühl. <<
Was sich allerdings nach der Tragödie von Erfurt nicht feststellen ließ, im Gegenteil, eine Woge des Mitgefühls überzog Deutschland. Über die sozialen und persönlichen Hintergründe des Attentäters wurde viel berichtet und so muß man letztlich froh sein, daß nach den Morden von Witten kein neuerlicher Bezug zur schwarzen Szene auszumachen war.
Bruno: >> Da habe ich auch schon drüber nachgedacht. Letztendlich merkst du aber auch, wie bei diesen beiden schwarzen Spinnern aus Witten, daß es nicht an diesen bösartigen Angeboten liegt, sondern daran, daß die Menschen in der heutigen Gesellschaft einfach entmenschlicht werden, das Humanismus fehlt und daß ein Wertesystem existiert, was nur kapitalistisch erfolgsorientierte Prinzipien hat und keinerlei humanistische. Junge Menschen sind nur so lange wertvoll und toll, so lange sie in einem Hirarchiesystem von Ausbildung und Erfolg weiterkommen. Sobald ein junger Mensch scheitert und merkt, er schafft sein Abi nicht, ist er letztendlich ein Stückchen weit geoutet. Es gibt in Schulen viel zu wenig Mediatoren, weil eben alles nur erfolgsorientiert ist. Deswegen ist es auch nur eine halbherzige Sachen zu sagen, es läge an den Videos oder den Computerspielen. Es hat vielmehr damit zu tun, daß der Mensch in ein Wertesytem gepreßt wurde, das ihm als Individuum nicht mehr gerecht wird. Ich bin größter Befürworter, daß niemand eine Waffe haben darf. Wir brauchen heute keine Waffen. Wir müssen uns nicht gegen wilde Tiere wehren, denn wir wohnen in Siedlungen, in denen jedes wilde Tier durch ein Auto oder eine Straßenbahn tot gefahren wird. Trotzdem gibt es diverse Spiel- und Schützenclubs, wo ich denke, daß es unglaublich ist, daß der Humanismus und unsere ethischen Wertprinzipien noch immer so wenig greifen, und es Menschen gibt, die sich für solche pervertierten, als Sport bezeichneten Beschäftigungen begeistern können. <<
Auch andere Bands haben in jüngster Zeit diese Relativität der Begrifflichkeiten aufgegriffen und in künstlerischer Form verarbeitet. Stendal Blast seien hier nur exemplarisch genannt. Es scheint, als ob dies ein Thema ist, daß derzeit von vielen Künstlern als kontrovers empfunden wird.
Bruno: >> Das zeigt, daß dies ein Thema ist, über das die Menschen in der letzten Zeit doch sehr viel nachgedacht haben. Daß in den Medien zur Zeit kolossal polemisch und demagogisch polarisiert wird, mit der Achse des Bösen, mit ähnlichen Dingen, wo Menschen, die vielleicht mal ein bißchen nachdenken, sich ihre Gedanken zu machen. <<
Voraussetzung für die Beschäftigung mit einem bestimmten Thema ist stets die Meinungsfreiheit und der offene Zugang zu den Quellen des behandelten Themas sowie die Möglichkeit, die Ergebnisse der Auseinandersetzung dieses kreativen Prozesses offen und ohne Beschränkungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Haben Das Ich jemals Beschränkungen ihrer künstlerischen Freiheit erfahren müssen?
Bruno: >> Ja, das haben wir von Anfang an erlebt. Man muß dabei sagen, daß eigentlich unser "Propheten"-Album damals schon "Anti´Christ" heißen sollte. Es geht ja nicht nur um die Thematik, sondern auch um die Rückbesinnung auf unsere Ursprünge. Wir haben uns damals aber Sorgen gemacht, weil wir schon mit den "Satanischen Versen" ganz viele Probleme bekommen hatten. Es gab diverse christliche Organisationen, die wirklich ganz groß und massiv Werbung gegen uns gemacht haben. Es gab regelrechte Aufrufe gegen uns, auch in so einer Stadtzeitung hier in Bayreuth, wo so ein verstörter Theologe ganz böse gegen uns gewettert hat. Mir war dann in Bayreuth nicht mehr so ganz geheuer, weil nachts rund um mein Studio immer wieder so ganz seltsame Gestalten geschlichen sind und ich wirklich befürchtet habe, daß mir demnächst meine Bude abbrennt. <<
"Anti´Christ" ist ein in sich sehr geschlossenes Album, was unter anderem auch daran liegen mag, daß die Stücke dieses Mal weniger komplex und von der Instrumentierung weniger orchestral ausgefallen sind, somit beinahe schon eine Rückbesinnung auf die Anfangstage der Band darstellen.
Bruno: >> Wir haben in der letzten Zeit sehr viele Experimente gemacht und sehr viel mit der Großform gearbeitet. Mit sehr episch langen Stücken, die ewig lange gebracht haben, um auf den Punkt zu kommen und sich nur in dem großen Zusammenhang aller Stücke erklärt haben. Dieses Album sollte für uns so funktionieren, daß jedes Stück für sich alleine funktioniert, und nichht nur durch einen roten Faden lebt. Vielleicht habe ich durch die ganzen Arbeiten vorher auch entdeckt, daß es auch eine Kunst sein kann, auf den Punkt zu kommen, also mit einer reduzierten Struktur viel aussagen zu können. <<
Liegt es vielleicht nicht auch an der, für Das Ich mit knapp drei Monaten extrem kurz bemessenen Arbeitszeit an dem Album?
Bruno: >> Die Reduktion hat eigentlich ganz woanders angefangen. Klar, wir hatten im Vorfeld über ein grobes Konzept des Albums gesprochen, und dann habe ich angefangen, Songs zu schreiben. Das ist das gängige Schema, wie es bei uns halt so passiert. Ich hatte mich von vorne herein, weil ich eben zu unseren Wurzeln und zu unserem Ausgangspunkt der ersten Alben kommen wollte, auf die Arbeit mit nur drei Geräten beschränkt. Ich wollte ganz konsequent mit dem reduzierten Equipment von damals ein ganzes Album schreiben, und das ist auch ganz gut gelungen. <<
Als Folge dieser songschreiberischen Reduktion auf das wesentliche und einem selbstauferlegtem Minimalsimus im Hinblick auf die Instrumentierung fällt auf, daß beinahe alle Stücke des neuen Albums wieder sehr viel tanzbarer ausgefallen sind.
Bruno: >> Das war nicht bewußt so angelegt, ist aber durch diese Kurzform eben entstanden. Unsere letzten Alben, "Das Innere Ich" und "Morgue", waren alles andere als tanzbar. Da war aber auch das Konzept ein ganz anderes. Wenn du mal an unsere ersten Alben wie "Die Propheten" und "Satanische Verse" denkst, dann waren die auch durchgängig tanzbar. Für uns war es sehr wichtig, nach diesen ganzen Experimenten, wo wir schon gar nicht mehr so recht wußten, was eigentlich der grundsätzliche Impuls für uns war, diesen wieder zu entdecken. Insofern auch wieder diese Rückbesinnung. <<
Hast du bei der Arbeit an "Anti´Christ" auch auf musikalische Ideen zurückgegriffen, die seinerzeit für dein Solo-Album "Coeur" keine Verwendung gefunden haben? Ein Stück wie "Das dunkle Land" scheint aufgrund seiner Direktheit und der daraus abgeleiteten Tanzbarkeit direkt aus dieser Songwritingphase zu stammen?
Bruno: >> Nein, eigentlich gar nicht. Das war sogar das letzte Stück, was für "Anti´Christ" geschrieben wurde. Da war ich eigentlich schon wieder so richtig bei Das Ich, weil ich sehr gut unterscheiden kann, woran ich gerade arbeite. Das war ein wichtiger Punkt im Album selbst, ein gewisser Ruhepunkt. Was mir in der letzten Zeit immer wieder an sehr vielen harten Bands aufgefallen ist, war der Verlust an Härte durch fehlende Kontraste. Nur durch den Kontrast kannst du auch wirklich schockieren. <<
"Anti´Christ" erinnert häufig an eine zeitgemäße Variante des "Propheten"-Albums, was sich vor allem an einem Stück wie "Sodom und Gomorra" ablesen und direkt herleiten läßt.
Bruno: >> Bei "Sodom und Gomorra" muß man sagen, daß dieses Stück eigentlich noch aus der "Propheten"-Zeit stammt. Dieser Song sollte damals noch auf das Album, wir hatten ihn damals auch im Live-Programm, haben ihn aber nie richtig fertiggestellt, weil wir nicht mit ihm zufrieden waren. Wir haben ihn jetzt noch einmal von Grund auf neu geschrieben und instrumentiert und hat von daher auch wunderbar auf das Album gepaßt. <<
Dabei ist die textliche Aussage, die durch Passagen wie "Gott ist grausam, Gott ist gnadenlos" charakterisiert wird, ihre schockierende Wirkung auf so manchen Zuhörer sicher nicht verfehlen wird.
Bruno: >> Sicher, nur wenn du dir überlegst, was das Christentum in den letzten Jahrhunderten letztlich verbreitet hat, dann war das immer mehr, als "nur auf den Schlips treten". Insofern darf man dem Papst gerne mal auf die Robe treten, vielleicht auch gar drauf pinkeln. <<
Stefan: >> Ich für meinen Teil muß zu den Texten noch hinzufügen, daß ich, wenn ich Texte schreibe, ganz bewußt ohne direkte Aussage schreibe. Ich gebe keine Befehle, so nach dem Motto "Mensch, tue das und das", sondern möchte vielmehr erreichen, daß diese symbolisch gesehen werden. Dieser Ausspruch "Gott ist grausam, Gott ist gnadenlos" bezieht sich auf bestimmte Dinge. Wenn ein Christ zum Pfarrer geht und fragt, wiese Gott bestimmte Dinge zuläßt, dann antwortet der Pfarrer, daß Gottes Wege unergründlich sind und er somit keine genaue Bezeichnung oder Erklärung dafür hat. Meine Persiflage darauf hat, denke ich, doch sehr gut gesessen. Es gibt Menschen, die halt nicht so leicht akzeptieren können, wenn sie als Antwort auf ihre Frage erfahren müssen, daß Gott schon weiß, was er tut. <<
Bruno: >> Gerade auch Gott als theoretische und übersinnliche Definition dessen, was wir als Menschen nicht begreifen können, alleine des christliches Gottbildes, da finde ich, daß auch das Zitat "Gott ist grausam" für jede individuelle Seele neu begreifbar. Wenn du sehr atheisitsch denkst, dann ist es einfach die Natur als solches. Die Natur an sich hat sehr viel Grausamkeit für den Menschen, für das Wesen und die einzelne Existenz in ihrem biologischen Masterplan vorgesehen. <<
Interessant gestaltet sich auch ein Stück wie "Der achte Tag", nicht nur aufgrund der außergewöhnlichen Herkunft seines Textes, sondern vor allem aufgrund seiner Aussage und der damit verbundenen Thematik der Apocalpyse und dem Darstellung des jüngsten Gerichts.
Bruno: >> Dieser Text stammt gar nicht von uns selbst. Wir wissen bis heute nicht, wer der Author dieses Textes ist. Wir haben ihn undokumentiert im Ordner einer Improvisationsgruppe meines Vaters gefunden, während ich gerade am letzten Stück des Albums gearbeitet habe. Stefan brachte diesen Text und er hat gnadenlos gut auf "Der achte Tag" gepaßt. <<
Denkst du, daß Christen, die es ja ebenfalls in der schwarzen Szene gibt, sich mit diesen Inhalten und der Auseinandersetzung von Gut und Böse identifizieren und diese auch nachvollziehen können, erschüttert die Relativierung dieser Begriffe doch zu einem Großteil auch das christliche Weltbild eines religiös geprägten Menschen?
Bruno: >> Ob die das wirklich verstehen ist eine Frage, die man nicht beantworten kann. Was ich aber heutzutage innerhalb der Schwarzene Szene festgestellt habe, ist eine gewisse Gefälligkeit. Es wird versucht, jede Kante und jede Form von Individualität abzustreifen, um eine Chance zu bekommen, auch im Mainstream zu bestehen. Wenn ich mich an die Zeit erinnere, als wir in den Underground kamen, gab es Bands wie Einstürzende Neubauten oder Young Gods, bei denen die Provokation als solches, das politische Moment sehr, sehr wichtig war. Provokation war auch etwas sehr gezielt eingesetztes. Das hat zu dieser Szene gehört, die ja ursprünglich aus einer Punk- und New Wave-Szene kam, die sehr politisch und auch sehr provokant orientiert war. Heute ist es innerhalb der Schwarzen Szene so, daß man weg geht um sich zu amüsieren, abzuhotten und sich vollaufen zu lassen, aber das, was früher einmal war, dieses Leben als solches in dieser Schwarzen Szene, was ja gleichzeitig auch an Statement an die Gesellschaft war, ist ein bißchen verloren gegangen. Ich weiß, daß es vorhanden ist, durch die Musik und ihrer Funktion als Transporteur von Inhalten heutzuatge aber nur noch Gefälligkeit vermittelt wird, in der Hoffnung, daß man auch im Mainstream bestehen kann. Ich glaube, es wäre auch mal wieder an der Zeit, daß ein gewisser Ruck durch die Szene geht und die kreativen Kräfte mal wieder zum Vorschein kommen. <<
Du, Bruno, bist bekannt für deine offenen Worte, aber denkst du nicht, daß Bands wie zum Beispiel VNV Nation, die kommerziell sehr erfolgreich sind, es schaffen, ihre soziale und politische Botschaft zu übermitteln, ohne dabei "nur" Gefälligkeit zu übermitteln?
Bruno: >> Ich will jetzt nichts gegen VNV Nation sagen, aber das Perfide ist, daß eine Message verpackt wird, die so versteckt wird, daß man auch auf zwei Ebenen funktionieren kann.Daß man sich mit seinen tollen Inhalten bei dem intelligenten Undergroundhörer profilieren kann, um sich letztendlich aber auch im Mainstream verstecken kann, weil es da niemandem auffällt. Dai ist teilweise etwas heuchlerisch und dem möchte ich entgegensetzen, daß man durchaus auch mit einer gewissen Form von Provokation arbeiten kann. <<
"Anti´Christ" erscheint bei Massacre, einem Label, das zwar auch durch die Zusammenarbeit von Atrocity und Das Ich auch in der schwarzen Szene bekannt wurde, bislang dennoch als reines Metal-Label bekannt war. Denkst du nicht, daß es nicht zuletzt aufgrund des Marketings und der Promotion von Das Ich ein gewisses Risiko beinhaltet, bei solch einem Label zu unterschreiben?
Bruno: >> Ja gut, aber ich glaube, daß der Name Das Ich mittlerweile so eine große Funktionalität hat, daß der Labelname in den Hintegrund tritt. Zum zweiten war es so, daß sich so gut wie alle Plattenfirmen auf die Demos gemeldet hatten, die wir verschickt haben. Uns wurde dann aber bewußt, daß wir zu keinem dieser Labels gepaßt hätten. Bei Massacre ist das musikalische Programm so extrem konträr, daß es in dieser Form schon wieder funktioniert. Der eigentliche Grund war aber auch der, daß unser A & R-Manager bei Massacre immer schon ein Riesenfan von Das Ich war und schon immer an uns herumgebaggert hat. Er hat sich jede CD von uns besorgt und immer wieder versucht, uns auf sein Label zu bekommen. Es gibt ein tolles Vertrauensverhältnis und er macht sich keinerlei Gedanken darüber, ob wir nun zu provokant sind und welche Nummern vielleicht auskoppelbar wären, um damit im Mainstream zu landen. Das ist ihm genau scheiß egal, wie es uns ist. Dem geht es nur darum, ein geiles Album auf den Markt zu stellen. <<
Stefan: >> Ich muß da noch anfügen, daß ich über die Jahre hinweg beobachtet habe, daß das Publikum von Das Ich hauptsächlich schwarz ist, aber immer wieder auch Menschen im Publikum sind, die nichts mit dieser Szene zu tun haben. Wir haben beispielsweise Deutschlehrer und alle möglichen anderen Leute im Publikum. Wir haben 1992 irgendwo in einem kleinen Kaff in der Nähe vom Ruhrgebiet einen Auftritt gehabt, bei dem nur Metalleute in die Halle gekommen sind. Drei Grufties haben wir gesehen. Wir haben echt die Krise gekriegt als wir daraus gegangen sind, dann gingen die ersten Textpassagen los und die haben voll mitgesungen. Das zeigt einfach, daß wir auf Massacre auf gar keinen Fall falsch platziert sind. <<
http://www.dasich.de
Michael Kuhlen


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