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MAGAZIN :: Index: 'D' :: DIARY OF DREA ....

DIARY OF DREAMS
Nachruf auf Visionäre
Aus vielerlei Gründen hat es dieses Mal länger gedauert, bis wir endlich die Gelegenheit hatten mit Diary of Dreams-Mastermind Adrian Hates ein Gespräch anlässlich des aktuellen Albums „Nekrolog 43“ zu führen. Ein Album, das wieder einmal deutlich macht, wie weit sich die Band von anderen Projekten abhebt, unbehelligt von sämtlichen musikalischen Modeerscheinungen ihr ureigenes und unverwechselbares Ding durchzieht und dabei einen Grad an Originalität erreicht hat, der fast schon Angst einflössend geworden ist. Egal, was Adrian Hates und seine Mannen anpacken, seien es die Alben oder die Shows des Klangkollektivs, alles scheint unter den Händen seines Protagonisten zu Gold zu werden, selbst wenn die Summe der Veränderungen, die „Nekrolog 43“ durchziehen, für Diary of Dreams-Verhältnisse recht gewaltig ist. Und dies nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch bei der Gestaltung des Artworks und der Arbeits- und Produktionsweise am Album an sich. Trotz eines immensen Arbeitspensums nahm Adrian sich eine Stunde Zeit für uns, wobei der Stress im Anschluss an eine Veröffentlichung an sich ja ein gutes Zeichen für das Interesse an der Band darstellt, wie Adrian sofort klar stellt.
>> An Interesse hat es uns als Band ja noch nie gemangelt, es war dann eher an anderen Ecken, wo wir nicht ganz so erfolgreich waren, wie wir es uns gewünscht haben. Im Moment geht’s aber gut. Man weiss zwar nicht, wovon die Industrie nächstes Jahr noch leben soll. … <<

In wie weit sind Diary of Dreams und dein eigenes Label „Accession“ Records denn überhaupt von diesen rückläufigen Absatzzahlen betroffen?

>> Also, Diary läuft super. Ich hatte mit wesentlich weniger gerechnet. Ich hatte ehrlich geglaubt, dass die allgemein marktüblichen Einbußen auch bei uns durchschlagen. Man ist ja eigentlich nicht verschont geblieben. Man weiss, wenn man die gleichen Verkaufszahlen hat wie vom Vorgängeralbum, dass man eigentlich die doppelten Verkaufszahlen hatte, nur dass die nicht gekauft wurden, sondern geklaut. Ich kann mich wirklich nicht beschweren. Wenn ich zukünftig immer solche Stückzahlen verkaufen und damit rechnen könnte, dann würde ich sogar damit leben können, dass es auch illegal gezogen wird. Die Zahlen sind absolut solide und besser als bei „Nigredo“. Ansonsten gibt es nicht so viele andere Beispiele auf dem Label, die keine Verkaufseinbussen zu verzeichnen haben. Bei den kleinen und mittleren Bands ist es in letzter Zeit dramatisch, deswegen werde ich neunzig Prozent dieser Bands auch nicht mehr machen. Da habe ich keinen Bock mehr drauf. <<

Was durchaus nachvollziehbar ist, denn wenn eine Kompensation der Verluste nur durch die Gewinne möglich ist, die Diary of Dreams abwerfen, ist ein vernünftiges Wirtschaften nicht möglich. Dann sollte man das Hanze besser sein lassen.

>> Das Geld, mit dem ich drauf zahle, ist „Diary“-Geld. Dann hast du zum Teil noch mit Egos zu tun, die so raumfüllend sind, dass sie nicht in eine Kirche passen. Dann verlierst du Geld mit denen und kriegst noch kluge Sprüche, dann denke ich mir, dass ich doch zu alt dafür bin. „Ich bin echt zu alt für so’n Scheiss“ (lacht herzhaft). Da halte ich mich lieber an die, die stabil sind und einen geraden Kopf haben, die vielleicht auch mal einen Furz quer sitzen haben, die aber mit dir reden, wie mit einem vernünftigen Menschen. Die kleinsten Künstler sind meistens die Anstrengendsten. <<

Lieferst du dich damit aber nicht dir selbst und den Gegebenheiten des Marktes aus, denn so bist du ja quasi dazu verdammt Diary of Dreams bis in alle Ewigkeiten weiterzuführen …

>> Wenn man sich den Markt so anguckt, sieht man auf jeden Fall, dass das so nicht weiter gehen wird. Es hat dann nichts mehr mit „können“ oder „wollen“ zu tun, sondern mit „nicht gehen“. Das gibt so einen Kollaps, einen Super-GAU, eine Musik-Apokalypse. Es muss einmal richtig knallen und dann wird sich das neu sortieren, neu ordnen, das ganze Thema. <<

In welche Richtung?

>> Physikalische Tonträger sind durch. Punkt. Das Thema ist vom Tisch. <<

Die Form, in der heutzutage Downloads vermarktet werden, kann aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

>> So wie es jetzt ist auf keinen Fall. Mit der Generation, die da heran wächst und über die wir hier sprechen und die ihre Werte ja auch wieder weitergibt wird es in dieser Welt auch keine CDs mehr geben. Es gibt in dieser Welt auch keine Stereoanlagen mehr und das ist das, was unsereins begreifen muss. Besonders die, die noch zwei, drei Generationen älter sind. Die meine, dass sie angeblich den Musikmarkt kontrollieren. Die müssen endlich raffen, dass sie über eine Spezies Mensch reden, die mit ihnen nichts mehr zu tun hat. Die haben schlicht und ergreifend überhaupt kein Interesse an einer CD, an einem Cover oder einem Booklet. Das interessiert die nicht. <<
Wobei sich ja in den Chefetagen der Musikindustrie auch schon längst Leute breit gemacht haben, die von Musik und Kunst und ihrer Vermarktung einfach keine Ahnung mehr haben. Die können vielleicht Bilanzen lesen, mehr aber auch nicht. Zum Teil kommen diese Leute ja aus ganz anderen Branchen und Unternehmen, wie „Nike“ zum Beispiel.

>> Vom Turnschuh zur CD, da weißt du doch Bescheid. Um die CD als Artikel aufzuwerten, bekommst du ihn dann umsonst mit den Turnschuhen. <<

Jetzt setzt du mit Diary of Dreams da aber auf Altbewährtes und arbeitest in gewisser Weise gegen den Trend. Stellst du dir nicht die Frage, in welcher Form physikalischen Diary of Dreams-Veröffentlichungen zukünftig veröffentlicht werden?

>> Ach, weiss ich nicht. Ich mach mir auch keine Gedanken darum, was der Mensch nach der allgemeinen Apokalypse macht. Also lass ich die Tonträger-Apokalypse auch mal aussen vor und lass das einfach auf mich zukommen. Wir sind in der Kapelle hier alle nicht auf den Kopf gefallen, wie auch die, die um die Kapelle herum tätig sind. Wir haben alle unsere Fähigkeiten und unsere Talente und ich glaube, dass die alle irgendwo zum Einsatz kommen werden. Wenn nicht, dann ist das auch egal. Dann arbeite ich in der Landwirtschaft. <<

Kannst du dich so einfach davon lösen, wenn die Band wie auch das Label dein Leben in den letzten Jahren bestimmt haben? Wir sprechen hier ja von ganz neuen Formen der Vermarktung.

>> Ich rede vor allem über eine andere Lebensführung. Ich habe das Glück mittlerweile sehr autark leben zu können und mit sehr wenig Budget leben zu können und das lebe ich dann einfach aus. Ich werde dann gucken, dass ich zukünftig mehr von Merchandise und von Konzerten lebe, die ja Gott sei Dank immer besser werden. Wir haben in Zürich letztens 500 Mann gehabt und da hat der Veranstalter wirklich Spass gehabt, denn das will was heissen für Zürich. Mal gucken … ich lasse das auf mich zukommen. <<

Du hast mit „Nekrolog 43“ jetzt schon die gleichen Verkaufszahlen wie bei „Nigredo“, was auf eine deutlich gewachsene Anzahl von Fans schliessen lässt. Woher kommen diese neue Fanbase?

>> Das ist auf jeden Fall eine Vielzahl von mehr Leuten. Wenn ich sehe, dass wir alleine in Russland elf Shows spielen und dort eine richtig fette Auflage rausknallen und nur in Amerika wieder mal nichts passiert, aber woran das liegt, wissen wir ja alle, denn an der Bevölkerung dort ganz sicher nicht. Wenn die Labels dort sich ihre eigenen CDs mal angucken und sehen würden, wie grottenhässlich die designed sind und wie schlecht der Produktionsstandard ist, dann würden sie es sich vielleicht auch mal anders überlegen. Wie dem auch sei … die Popularität von Diary ist in den letzten zwei Jahren schon enorm gestiegen. Da ist schon wahnsinnig viel wieder passiert und das hat man auch an den Konzerten gesehen. Wenn ich sehe, wie jetzt der Vorverkauf für die anstehende Tour läuft, dann kann man sich schon in ungefähr vorstellen, wie voll die Hallen werden. Die Zeit der Schwarzen Gedanken habe ich lange hinter mir. Die habe ich Anfang letzten Jahres gehabt. Ich gucke da jetzt einfach in Zukunft und irgendwann kommt halt ein Schlag und dann geht mal kurz das Licht aus, und dann sehen wir mal weiter, was dann kommt. <<

Diese wachsende Zahl an Anhängern ist ja ein Beleg für den Erfolg von Diary of Dreams, stellt sich also die Frage, was machst du mit Diary of Dreams anders oder besser als andere Bands?

>> Ich glaube, wir gehen zum einen mit unseren Fans anders um. Wir sind greifbarer. Zum anderen bekommt ein Fan bei uns nie einen Schnellschuss, sondern immer ein mit Liebe und viel Aufmerksamkeit erstelltes Werk. Darüber lässt sich dann sicher immer trefflich diskutieren, denn das eine lässt einen dann immer mit einem Schock zurück, das andere weniger, aber was man nicht in Abrede stellen kann ist die Tatsache, dass wir uns extrem viel Mühe geben. Wir spielen extrem viel in extrem vielen Ländern, mittlerweile sechsundzwanzig Länder, und haben dadurch auch von Anfang an unsere internationale Fanbase besonders gut gepflegt. Vielen Leuten ist das zu mühsam. Oft sind wir, gerade in den Anfängen, für praktisch kein Geld innerhalb kürzester Zeit hin- und zurückgeflogen. Das machen viele Leute einfach nicht. Die sind sich einfach zu gemütlich dafür. Wir haben das immer schon gemacht und ich liebe das wirklich. Es ist unglaublich schön, gerade das Reisen. Ich denke, da steckt für uns auch ganz, ganz viel Zukunft drin. Ich glaube ausserdem, dass es in vielen Belangen auch nicht darum geht, was wir anders machen, sondern wie wir einfach sind und was uns ausmacht. Das ist sehr persönlich und sehr emotional und stellt für viele eine Art der Begleitung in ihrem Leben dar. Wenn man sich die Einträge auf der Diary- und der Myspace-Seite durchliest, merkt man immer wieder, wie viele Leute persönliches, privates und ihr Leben damit verbinden, während auf anderen Seiten eher so dieses typische „Ey, das neue Album ist der Hammer“ zu finden ist. In diesen Gästebucheinträgen liest man dann eher, dass es ein Konsument ist, und nicht, wie bei uns, ein Fan. Solche Leute finden morgen etwas anderes cool und obergeil, und heute halt das. Das ist nicht der Fan, wie er im Buche steht, und ich denke, dass diese klassische Fanbindung ein ganz markantes Thema ist. Für mich ist das auch keine Strafe, wenn wir nach jedem Konzert ins Publikum gehen um uns mit den Fans zu unterhalten und eine gewisse Zeit da zu sein. Dieser Kontakt gibt uns wahnsinnig viel und wir haben ganz viele Fans dabei, wo wir uns jedes Mal freuen, die zu sehen. Ich weiss von einzelnen Fans, die sich für die bevorstehende Tour Tickets für sieben Shows gekauft. Da zieh ich den Hut vor. Wir machen halt auch keine Musik, die nur auf’s Tanzen und auf den Event ausgelegt sind. Das ganze Ding hat einfach einen anderen Wirkungsgrad. Eine sehr ausgeklügelte Lichtshow, einen sehr reifen und ausgewogenen Sound und eine Crew, die sehr gut ist und genau weiss, was sie macht. Ein Team von Musikern, das sehr fit ist und sich unglaubliche Mühe gibt, alles so gut wie möglich zu machen und ein Publikum, das sehr kritisch, aber auch sehr dankbar ist. <<
Eure Alben sind immer sehr detailverliebt und weisen immer wieder neue Einflüsse auf, so wie beispielsweise die Gitarren oder die verzerrte Rhythmik auf „Nekrolog 43“. Dennoch sind Diary of Dreams als solche aber immer sofort zu erkennen.

>> Total, gerade auf dem neuen Album sind eine ganze Menge neuer Einflüsse. Die Produktion ist auch anders. Die Art, wie ich die Gitarre bearbeitet habe, ist sicherlich sehr aussergewöhnlich und sehr prägnant. So würde man eher mit Samples arbeiten, als mit einer Gitarre. Das hat mir ziemlich viel Spass gemacht beim Produktionsprozess einfach Amok zu laufen und hinterher bei der Ausgestaltung des Sounds sehr penibel und filigran vorzugehen. Ich habe die ganze Mannschaft in den Wahnsinn getrieben, indem ich die Platte dreimal mit Rainer gemischt habe. <<

„Nigredo“ war ein enges Gemeinschaftsprojekt zwischen Gaun:A und dir, während „Nekrolog 43“ anders ist. Seid ihr mit „Nigredo“ durch diese exzessive Form der Zusammenarbeit an eure physischen wie psychischen Grenzen gekommen, wo eine Wiederholung dieser Methode einfach nicht mehr möglich war?

>> Nein, das werden wir mit ziemlicher Sicherheit sogar wieder so machen. So eine Erfahrung hat sicher seine Licht- und seine Schattenseite, aber die Lichtseite überwiegt das auf jeden Fall. Das hat auch nichts an Gaun:A’s und meinem Verhältnis gestört oder verändert. Es ist, wie es bei Diary immer schon war: verschiedene Lebensabschnitte bringen verschiedene Personenkonstellationen hervor und Gaun:A hat mit seinen eigenen Arbeiten mehr zu tun gehabt und sich teilweise einfach zerrissen. Er hat diesen Fokus auf Diary zu jener Zeit einfach nicht hinbekommen, was ihn teilweise auch sehr genervt hat, aber es ging halt nicht anders. Da ist er aber auch ein so reifer und unglaublich kollegialer, was in diesem Zusammenhang ein wenig doof klingt, Mensch, der in diesem Moment nicht an sich denkt sondern deutlich sagt, dass wir weiter kommen und keinen Stillstand haben müssen. Wir heben die Musik über uns, und das ist ein ganz wichtiger Aspekt und ein ganz grosser Unterschied zur Anfangszeit der Band. In der Anfangszeit war mir schon noch wichtig, dass ich mich etabliere, dass man mich erkennt und wahrnimmt. Das hat für mich irgendwann total an Wichtigkeit verloren. Wir sitzen heute da und wissen zum Teil nicht mehr, wer bei „Nigredo“ was gemacht hat. Weil es einfach auch egal ist, denn wenn wir dann auf die Bühne müssen um zu spielen, dann ist es eh so, dass wir das Stück wieder ganz neu angehen. Es geht darum, dass die Leute das Gesamtwerk geniessen sollen, und nicht Egotrips von einzelnen. Wir sind über den Selbstdarstellungsfokus von einzelnen lange hinaus und wollen nun, dass das Projekt und das Team als solches vorwärts gehen. Jetzt war es dann halt so, dass ich sehr viel alleine gearbeitet habe, was natürlich wieder ein sehr intensives und extremes Erlebnis für mich war. <<

Wie gross war der Einfluss von Torben auf „Nekrolog 43“?

>> Ich habe es von vielen Leuen gehört, dass man es an den Klaviermelodien hören würde, dass Torben mitgearbeitet hat. Torben hat bei einem Stück Klavier mitgemacht, und ausgerechnet das Stück wurde nie genannt. Torben ist gerade sehr im Hintergrund, wir haben live momentan auch wieder einen anderen Keyboarder, was aber auch wieder eine Lebensabschnittentscheidung ist. Ich habe keine Ahnung, was morgen oder übermorgen ist. Das wird man einfach sehen. Torben ist schon mal für längere Zeit von der Bildfläche verschwunden und war dann einfach wieder da. Und „Bildfläche“ meine ich im wortwörtlichen Sinne für Aussenstehende. Intern ist Torben vielleicht für ein paar Wochen mal nicht greifbar, aber auf lange Fristen nie. Wir sind alle enge Freunde und schon seit langen, langen Jahren zusammen aktiv. Torben stand in Zürich nicht mit auf der Bühne, war aber im Publikum. Soviel also dazu. Viele Leute spekulieren dann immer gleich mit Streitigkeiten und Ärger herum, aber es gibt auch andere Entscheidungen, die einzelne Menschen dazu bringen, vorübergehend andere Wege einzuschlagen und wenn es auch „nur“ der Wunsch ist, für eine Weile ein anderes Leben zu führen, um einfach auch zu sehen, ob es auch ein anderes Leben für jemanden gibt. Da muss jeder seine Versuche machen. <<

Ein „Nekrolog“ ist ein Nachruf auf einen Toten, oder auch eine Grabrede. Darüber hinaus gibt es weitere mögliche Erklärungen. Wo siehst du die Verbindung zum Album und seinem Konzept?

>> Was besonders markant ist, ist die Tatsache, dass es früher in Klöstern und Gotteshäusern ein Buch gab, wo man die Namen der Toten eintrug. Ein richtiges Totenbuch also, wo jeder eingetragen wurde, sobald er verstorben war. Das ist ein markantes Bindeglied zur Platte, so das, so zu sagen, wo also nun unsere Namen im Nekrolog drin stehen. <<

Kannst du diesen Bezug noch etwas mehr verdeutlichen? Im Booklet findet man dein Spruch „Jede Vision braucht einen Visionär, der bereit ist, alles dafür zu opfern“. Seid ihr diese Visionäre?

>> Du kennst mich und weisst, dass ich jetzt nie hingehen und die Geschichte entmystifizieren werde. Wenn man sich die „Nigredo“-Box nimmt, die „Legacy Of K’tharsia“ liest und dann an das anknüpft, was man optisch und inhaltlich von „Menschfeind“ mitbringt, dann hast du mit „Nekrolog 43“ die Fortführung der „Nigredo“-Trilogie. Eine neue Weltordnung ist geboren, die alte ist kaputt und sozusagen verstorben und aus den Trümmern hat sich etwas Neues ergeben. Das ist eine ganz, ganz logische Fortführung dessen, was die Berichterstattung über den Virus und seine Veränderungen sowie die gesellschaftlichen Veränderungen, die dieser Virus in der Welt und auf die Menschen und die Gedanken, die auf „Nigredo“ beschrieben werden, gehabt haben muss, angeht. Wie beispielsweise die Kinder reagieren, die weggesperrt wurden. Was wird aus solchen Menschen. Was geht in den Erwachsenen, in diesen Personen und diesen Köpfen vor? Das sind die Fragen, wo man bei „Menschfeind“ endet und im Ungewissen gelassen wird, und wo sich die Antworten auf „Nekrolog 43“ finden. <<
Ich empfinde „Nekrolog 43“ als unglaublich düsteres und intensives Album, was sich auch im Artwork und den Fotos widerspiegelt, die durch ihren realen Charakter unglaublich brutal auf mich wirken. Zudem erinnern sie mich an Filme wie „Saw“ oder „Hostel“.

>> Zum einen muss man sagen, dass wir diesen Stil, den wir mit „Nekrolog 43“ nun fortgeführt haben, ja schon vor Jahren mit „Panik Manifesto“ und „Freak Perfume“ begonnen haben. Zu solchen Zeiten waren Filme wie „Hostel“ und „Saw“ ja noch feuchte Träume. Der Horrorfilmbereich war damals da noch in einer ganz Entwicklungsstufe. Mittlerweile empfinde ich den Horrormarkt als übersättigt und gelangweilt. Es wird nur noch ein Aufguss nach dem anderen produziert. <<

Wie du da so unter dem Deckebalken hängst, das ist für Diary of Dreams-Verhältnisse schon verdammt hart.

>> Das sind total harte Fotos, das stelle ich gar nicht in Frage. Die Fotos sind in einer ehemaligen Nervenheilanstalt entstanden, was man dem Objekt aber nicht ansieht. Das war auch der Grund, warum wir das genommen haben. Einen billigen Nervenheilanstaltaufguss wollte ich nun wirklich nicht haben. Das zu organisieren war ein Mordsakt, und auch vor Ort ein richtiger Kraftakt. Wir waren insgesamt drei Tage da und ein bisschen gedemütigt war man manchmal schon, weil wir wirklich nur in diesen dünnen Klamotten und den ganzen Tag barfuss durch diese Location liefen, die komplett verstaubt und verdreckt war. Wir sahen am Ende aus, als hätten wir da leben müssen. Das ist ein Traum von Haus und dieser Dachgiebel explizit, wo ich erhängt wurde, war wunderschön. Eine gewaltige Atmosphäre da oben. Nur dieser Dachgiebel wäre schon genug für eine Monsterwohnung. Ich wollte mit den Bildern vor allem erreichen, dass man doppelt hinschauen muss und versucht zu begreifen, was man sieht. Dass man den Abschied, der da stattfindet, als etwas Hoffnungsvolles sieht, was sehr schwierig ist. Es geht in der Mythologie auch gerade darum, dass man versucht Menschen zu brechen, und zwar die Menschen, die versuchen etwas Positives zu bringen. Wir sind in dieser Geschichte genau das, was man von uns Menschen am wenigsten erwartet, nämlich die, die Positives bringen. <<

Beziehst du hier das Erreichen einer anderen Bewusstseinsebene durch den Tod mit ein?

>> Es hat keinen spirituellen Charakter. Überhaupt nicht. Mythologisch ja, aber nicht spirituell. Ich bin keiner, der Massenselbstmord zelebrieren würde und den Leuten erzählen würde, dass sie dadurch in eine bessere Welt gelangen. Das entspricht überhaupt nicht meiner Attitüde. Im Gegenteil: das ist etwas, was vielen beim Betrachten der Fotos auch falsch aufgestossen ist. Es ist kein Selbstmord. Es ist deutlich zu sehen, dass kein Stuhl und keine anderen Hilfsmittel vorhanden sind, um sich aufzuhängen. Es muss jemand extern gewesen sein. <<

Ist dies die Darstellung des Todes des zuvor angesprochenen Visionärs, seine Hinrichtung?

>> Weniger. Es ist ein grosser Bestandteil einer gesamten Geschichte, einer gesamten Vision eines Menschen. Es ist sehr schwer, dass jetzt total auf den Punkt zu bringen. Ich könnte es natürlich auf den Punkt bringen, aber dann wäre das alles nicht mehr so wirklich spannend. Dann rauben wir eine Illusion. Man kann so schön mit dieser Geschichte leben, so viel ausleben und soviel entdecken, so viel Hoffnung und so viel Kraft finden und so viel Überlebenskampfgeist finden, wenn man die Geschichte richtig liest und richtig versteht. <<

In den Texten finden sich einige zynische Untertöne, in „Congratulations“ zum Beispiel, aber auch ein gewisser fatalistischer Ton lässt sich in „Hypo)critik(al“ und „alLone“ ausmachen. Ähnlich wie bei „Nigredo“.

>> Ja, stimmt. „Nekrolog 43“ schlägt definitiv den Bogen zurück zu „Nigredo“ und knüpft da an ganz, ganz vielen Punkten an. „alLone“ ist ein ganz markantes Stück für dieses Beispiel. <<

Ein weiteres Zitat aus dem Booklet lautet: „Live Your Dream But Always Be Aware Of The Fact That You’re Dreaming”. Das führt mich unweigerlich zu der Frage: sind wir in unseren Träumen nicht mehr frei?

>> Unsere Träume sind vor allem nie frei gewesen, weil sie viel zu sehr von dem beeinflusst werden was wir in Realität wahrnehmen. Ich habe mich letztens noch sehr ausführlich mit jemandem darüber unterhalten, wie sehr sich unser Denken und Konsumverhalten doch die Präsenz von Fernsehen und Radio verändert. Dass man besser daran tut, alle Informationsmedien zu ignorieren anstatt sich diesen ganzen mentalen Durchfall immer reinzuziehen. Das klingt für den einen oder anderen vielleicht etwas ignorant, aber so lange ich nicht weiss, ob das, was da steht, tatsächlich die Wahrheit ist, warum soll ich mir das dann als Wissen aneignen? Das bereichert mich in keinster Art und Weise. Über viele Länder habe ich sehr, sehr viel Schlechtes gehört und war dann in den Ländern selbst vor Ort, nur um gute Erfahrungen dort zu machen. Ich richte mich da lieber einmal ans Auswärtige Amt bevor ich auf Tournee gehe und wenn die mir sagen, das es unbedenklich ist, dann reise ich dahin und bringe meine eigenen Erfahrungen mit nach Hause. Ich brauch nicht erwähnen, dass wir von Familie und Freunden eindringlich gewarnt und gebeten wurden, nicht in Länder wie Libanon, Südafrika oder Israel zu reisen. Das sind für uns die aussergewöhnlichsten Momente unseres Lebens gewesen. Man muss da immer sehr vorsichtig sein, was man als tatsächlichen Einfluss auf sein Leben akzeptiert und was nicht. Wie frei man wirklich mit seinem Denken ist, das ist dann immer halt die Frage, und wie frei man mit seinen Träumen ist dann ebenso. <<
Wie frei bist du selbst mit deinen Träumen und deinem Wissen, das du dir aneignest? Welche Quellen verwendest du im vollen Bewusstsein dieser Abhängigkeit?

>> Es ist das, was ich eigentlich immer sage. Ich bin im Prinzip ja nur wenig freier als irgendjemand anderes. Ich bin vielleicht freier als der, der nicht mal weiss, dass er nicht frei ist. Vielleicht bereichert mich dieses Wissen, dass ich auch versklavt bin von sämtlichen Einflüssen, die auf diesem Planeten vorherrschen. Wir werden ja in eine Schicht hineingeboren und von vorne herein auf gewisse Grundwerte getuned und gedrillt. <<

Du bist aber schon jemand, der dabei sehr klar den Eindruck vermittelt, sich hier ganz bewusst auszuklinken.

>> Ich bemühe mich da auch drum und wenn ich es könnte, würde ich es auch noch viel extremer tun. Ich wäre der Erste, der innerhalb Deutschlands ein eigenes Land gründen würde. Wenn ich das könnte wäre die Mauer sofort gebaut. Naja … (nachdenklich) <<

Ich finde, das ist ein interessanter Widerspruch in deiner Person. Auf der einen Seite gehst du während und nach den Shows sehr offen auf eure Fans zu, unterhältst an einem Abend vielleicht Tausende von Leuten, auf der anderen Seite lebst du ein fast schon eremitisches Leben …

>> Hm … <<

… sind dies das „Yin“ und „Yang“ deiner Persönlichkeit?

>> Schon möglich, aber wenn ich mich für eine dieser beiden Seiten entscheiden müsste, wäre es definitiv das Eremitenleben. Ich sehe mich auch durchaus im Alter als Eremit enden, ohne das jetzt als melodramatisch negativ belastet zu fühlen. Diese Präsenz von Massen kann ich wirklich nur auf Diary-Konzerten gut erleben, weil mich mit diesen Menschen auch etwas verbindet. Mich verbindet vor allem Dankbarkeit mit diesen Leuten. <<

Wie lange kannst du Diary of Dreams in dieser Form noch machen um die Glaubwürdigkeit gegenüber deinen Fans nicht zu verlieren?

>> Das ist eine Frage, die man sich hin und wieder natürlich stellt. Wenn ich mir vorstelle, als ich klein war und meinen Vater in meinem Alter gesehen habe, dann habe ich einen seriösen Geschäftsmann gesehen, der ein völlig strukturiertes Leben hatte. Das ist das, was eigentlich jeder aus unserer Generation von unseren Eltern und unseren Vätern her kennt. Ich habe mit dieser Art der Lebensführung einfach nichts zu tun. Ich denke anders, ich ticke anders und ich sehe, dass mein Vater heute „jünger“ denkt als vor dreissig Jahren. Ich glaube einfach, dass die Art, wie wir gelebt haben, uns auch das Leben anders wahrnehmen und auch mit der Zukunft anders umgehen lässt. Ich glaube, dass wir, wenn wir Mitte, Ende Vierzig sind, noch genau so auf einer Bühne stehen wie heute, und dass man uns da nicht als Tattergreise wahrnimmt. Ich denke, dass bei uns das Alter sogar noch einen interessanten Charakter beifügen kann, denn in der Ruhe liegt die Kraft und Weisheit ist etwas, was man nur mit dem Alter bekommen kann. Ich kann mir vorstellen, dass das dem Ganzen sogar noch sehr zuträglich sein könnte. Man denkt ja immer auch, dass man eine Linie fortführen muss oder das alles genau so sein muss, wie es im Moment ist. Nimm einfach mal unsere Akustik-Konzerte. Das ist ja etwas, was total fortsetzungsfähig wäre. Wenn man im späteren Alter keine Lust mehr hat über die Bühnen zu rennen, dann wären akustische Konzerte sich auch eine Variante, die im entsprechenden Ambiente wahnsinnig intensiv sind. Uns haben diese Konzerte wahnsinnig Spass gemacht. <<
http://www.diaryofdreams.de
Michael Kuhlen


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